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Jiddische Mame

Ist a jiddische Meme einfach eine jüdische Mutter?

  • Alexander Estis
  • Lesedauer: 5 Min.
Wenn deine Mame dir Zimmes zu den Zores dazu macht und dazu aber auch noch Zimmes aus deinen Zores, dann hast du schon doppelt Zimmes.
Wenn deine Mame dir Zimmes zu den Zores dazu macht und dazu aber auch noch Zimmes aus deinen Zores, dann hast du schon doppelt Zimmes.

Du willst wissen, was ist a jiddische Mame? A jiddische Mame ist eine jüdische Mutter. Aber sie ist eben nicht einfach eine jüdische Mutter, sondern sie ist eine jiddische Mame. Sie ist nicht wie alle anderen Mütter der Welt. Das ist natürlich so gut wie nur ein Klischee, obwohl es trotzdem beinah nicht ganz unwahr ist.

Zum Beispiel? Gut, zum Beispiel. Zum Beispiel ist es manchmal so, aber dann auch wieder ganz gleich. Zum Beispiel macht man ja so viele Witze darüber, dass die jüdische Mutter so überfürsorglich ist. Und das ist natürlich falsch. Das ist sogar mehr als falsch. Das ist sogar mehr als sehr falsch, und sehr falsch ist schon deutlich weniger als gar nicht richtig. Ja, solche Witze zu machen ist falsch, weil man keine Witze über Mutter machen soll. Man soll auch keine Witze darüber machen, wie Mutter dich überversorgt und kontrolliert und beherrscht. Das darf man nicht! Außer wenn Mutter es erlaubt.

Ezzes von Estis

Alexander Estis, freischaffender Jude ohne festen Wohnsitz, schreibt in dieser Kolumne so viel Schmonzes, dass Ihnen die Pejes wachsen.

Und die jüdische Mutter erlaubt dir so gut wie alles. Alles darfst du tun, alles darfst du lassen. Es ist ganz einfach. Du willst etwas tun? – Bitte! Du willst etwas lassen? – Auch bitte. Nichts ist verboten. Die jüdische Mutter erlaubt dir alles, außer den Dingen, von denen sie nie sagen würde, dass sie verboten sind, und von denen sie es nicht zu sagen braucht, weil sie nämlich weiß, dass du niemals denken würdest, sie könnten erlaubt sein. Deshalb denkst du manchmal, es sei alles verboten, oder zumindest alles, wovon du nicht denkst, dass es erlaubt sein könnte. Du willst etwas tun? – Bitte! Aber vielleicht lieber doch nicht. So einfach ist es.

A jiddische Mame ist eben nicht nur nicht wie alle anderen Mütter der Welt, sondern auch noch ganz anders. Das bleibt natürlich einerseits noch immer nicht viel mehr als nur ein Klischee, andererseits trotzdem auch nicht viel weniger. Aber was soll man machen? Was soll man sagen? Die jüdische Mutter ist ja wirklich sehr fürsorglich. Sie umsorgt dich, sie näht dir Kleidung, sie bereitet dir das Bett, sie macht dir gute Suppe und sie macht dir schlechtes Gewissen.

Zum Beispiel. Zum Beispiel war es manchmal, wie es war, wurde dann aber doch nicht so anders, als es wurde. Der Schmul, der musste ganz plötzlich erwachsen werden, ganz unerwartet, auf einen Schlag. Und davor konnte ihn sogar seine Mutter nicht bewahren, weil sie nämlich selbst der Grund dafür war. Sie war der Grund dafür, dass er auf einen Schlag erwachsen wurde, denn sie erklärte ihm aus heiterem Himmel, mir nichts, dir nichts, mal eben so geradeheraus. Und was? Dass er seine Suppe dank Mikrowelle auch selbst aufwärmen könne, jetzt wo er nicht weniger als fünfunddreißig Jahre alt sei und vielleicht sogar ein wenig mehr als nicht weniger.

Es ist also nicht ganz klar, ob die jüdische Mutter noch fürsorglich ist oder eher schon gegensorglich. Wer weiß das schon so genau. Sie macht dir Suppe auf Vorrat und sie macht sich Sorgen, auch auf Vorrat. A jiddische Mame ist, wenn sie so viel Zores hat deinetwegen, dass du ihretwegen noch viel mehr Zores hast.

Aber immerhin macht sie dir dazu Zimmes. Und oftmals nicht nur dazu, sondern sie kann sogar aus Zores Zimmes machen. Wie das? Es ist ganz einfach. A jiddische Mame kann dir Zucker machen aus allem. Sie kann dir Zucker machen aus Salz und aus Pfeffer, aus verkümmerten Resten, aus Krümeln, aus verkrusteten Krumen in den Brotkörben, aus Bröckchen in den Kerben des Küchenschranks, und, wenn in den Kerben keine Bröckchen mehr sind, aus den Kerben selbst. Sie kann dir Zucker machen aus Armut, aus Tränen und Tod, und gerade aus Tränen und Tod muss sie ihn meistens machen.

Ach, Mame, Maminke, Mamenju majn! Meine schweren Machschowes drehst du zu Mohnrugelach, meinen Masl füllst du hinein in den Fisch, meine Ohren, wenn ich nicht zuhöre, werden zu Hamantaschen, und aus allen Miesniks, die mir zusetzen, machst du Matzenbrei. Zu all meinen Zores machst du mir Zimmes.

Wenn nun deine Mame dir Zimmes zu den Zores dazu macht und dazu aber auch noch Zimmes aus deinen Zores, dann hast du schon doppelt Zimmes. Und das ist zwar süß und schön und gut, aber nur, wenn du sie aufisst, weil wenn du sie nicht aufisst, die Mame dir Zores macht.

Ach, man macht ja so viele Witze darüber, dass die jüdische Mutter so überfürsorglich ist. Zum Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen einer jüdischen Mutter und einem Pitbull? Der Pitbull lässt irgendwann los. Und das ist wieder nichts anderes als fast das Gleiche, nämlich so gut wie schon nicht mehr ein Klischee. Aber ist etwas schon deshalb nicht ganz falsch, nur weil es fast kein Klischee ist?

Willst du also wissen, was a jiddische Mame ist? Das weiß ich. Oder auch das weiß ich nicht. Das ist nämlich, wenn ich erst meine Mutter fragen muss, ob ich weiß, was eine jiddische Mame ist. Oder auch: Das weiß ich doch. Das ist nämlich, wenn man mir schon vorher gesagt hat, dass ich eine Antwort wissen muss darauf, was eine jiddische Mame ist. Also weiß ich es. Oder vielleicht weiß ich es wiederum doch nicht. Das ist nämlich, wenn man mir schon vorher gesagt hat, dass ich eine Antwort darauf wissen muss, aber dann soll ich nach Hause kommen und fragen und auch gleich etwas Suppe essen.

Aber das alles, all das zusammen ist natürlich nur ein Klischee! In Wirklichkeit ist die jüdische Mutter wie alle anderen Mütter der Welt. Zusammen.

Zores – Sorgen
Zimmes – Süßspeise
Machschowes – Gedanken
Masl – Glück
Rugelach – Teighörnchen mit Füllung
Hamantaschen – Süßgebäck, das an die abgeschnittenen Ohren Hamans erinnert
Matzenbrei – Gericht aus ungesäuertem Brot (Matze) und Ei

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