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Galgenhumor und Zuversicht: Der 1. FC Union steckt im Formtief

Nach dem 0:1 in Heidenheim beklagen sie bei Union vor ihrem ersten Heimspiel in der Champions League das fünfte verlorene Spiel in Serie

  • Maik Rosner, Heidenheim
  • Lesedauer: 4 Min.
Am Ende war’s zu wenig: Christopher Trimmel (1. FC Union) gegen Heidenheims Torschützen Jan-Niklas Beste.
Am Ende war’s zu wenig: Christopher Trimmel (1. FC Union) gegen Heidenheims Torschützen Jan-Niklas Beste.

Als sich Urs Fischer hinterher an seinen Trainerkollegen Frank Schmidt wandte, schwang beim Schweizer Galgenhumor mit. »Danke nochmal für dein Buch«, sagte Union Berlins Fischer zu Heidenheims Schmidt, »ich werde versuchen, das so schnell wie möglich zu lesen. Vielleicht ist da ein Tipp dabei, wie wir wieder herauskommen aus dieser Situation.«

Schmidts Buch »Unkaputtbar« war passend zum erstmaligen Aufstieg des 1. FC Heidenheim in die Bundesliga vor wenigen Monaten herausgekommen. Seit September 2007 coacht Schmidt den FCH, und im Buch des dienstältesten Trainers im deutschen Profifußball geht es auch um schwierige Phasen sowie um Werte wie Zusammenhalt, mit denen es möglich wurde, dass nun auf der Ostalb Champions-League-Teilnehmer wie der 1. FC Union Berlin zu Ligaspielen vorbeischauen. Doch nach der 0:1-Niederlage in Heidenheim, dem fünften verlorenen Pflichtspiel in Serie, ist bei den Köpenickern wenig zu spüren von Vorfreude auf die Heimpremiere in Europas Eliteliga.

Das liegt weniger daran, dass das Debüt gegen Sporting Braga aus Portugal am Dienstag nicht in der Alten Försterei stattfindet, sondern im Olympiastadion, das sonst dem Stadtrivalen Hertha BSC als Heimstätte dient. Der Verdruss bei Union ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass die schwierigste Phase in Fischers fünfjähriger Amtszeit und seit dem Aufstieg in die Bundesliga 2019 langsam ernsthafte Krisensymptome hervorbringt. Nur ein Tor ist den Eisernen in den vergangenen fünf Spielen gelungen, und auch in Heidenheim überboten sich Fischers Mannen im Abschluss mit mangelnder Präzision und Kühle. »Wir tun uns wirklich schwer«, stellte Fischer fest. Hinzu kommen die Verletzungen bei Abwehrchef Robin Knoche und Sechser Rani Khedira, die die Mannschaft in der vergangenen Saison als Säulen getragen hatten. »Ich will nicht jammern«, sagte Fischer, doch sein Hadern konnte er nicht verbergen. »Wir müssen mal wieder einen Ball über die Linie drücken. Ein Erfolgserlebnis würde gut tun«, befand er.

Den Begriff Krise finden sie bei Union nur bedingt stimmig. Die Ergebnisse sehen zwar so aus, aber der Aufwand, das Engagement der Mannschaft stimmen aus ihrer Sicht. So ließ sich der Vortrag in Heidenheim durchaus bewerten, und so ähnlich klang das auch bei Christopher Trimmel. »Wir sind derzeit nicht effizient und kriegen hinten immer eins«, klagte der Kapitän. Positiv aber sei, dass die Mannschaft viel investiere, und ohnehin sei klar, »dass es nicht immer bergauf geht«, zumal nach dem Umbau des Kaders im Sommer.

Ein bisschen werden sie gerade auch mit ihren Mitteln geschlagen. Früher gewann Union solch enge Spiele gerne 1:0. Nun schafften dies die Heidenheimer, die bei allen Eigenheiten und Alleinstellungsmerkmalen durchaus Parallelen zum Hauptstadtklub aufweisen und diesen sogar teilweise als vorbildlich empfinden. Zu den Gemeinsamkeiten zählen ihre jeweils überschaubaren Strukturen, ihre langjährig wirkenden sportlichen Führungen von Trainer bis Management, die starke Identifikation mit dem Verein und die kleinen, engen Stadien mit ihrer charakteristischen Stimmung. Ein bisschen darf der 1. FC Heidenheim sogar als neue Version des 1. FC Union in der Bundesliga gelten. Für die Berliner musste sich diese 0:1-Niederlage auch deshalb anfühlen, als seien sie ihrem früheren Selbst begegnet und unterlegen gewesen.

Trimmel übte sich dennoch in Zuversicht, dass sie bald wieder zu sich finden und es aufwärts geht. Daran haben sie sich unter Fischer ja sehr gewöhnt. Union kannte unter dem Trainer seit 2018 nur die Richtung nach oben, bis hinein in die Champions League. Jetzt läuft es vorm Heimdebüt erstmals andersherum. Durch die Niederlage in Heidenheim zog der Aufsteiger mit nun sieben Punkten aus sechs Spielen in der Tabelle sogar an den Berlinern (sechs Punkte) vorbei.

Möglich geworden war das durch Jan-Niklas Bestes direkten Freistoß aus rund 25 Metern in der 59. Minute. Es war ein Kunstschuss gewesen, dessen Flugbahn an den geschwungenen Pinselstrich eines expressionistischen Malers erinnerte. Fast genau in den Winkel war der Ball eingeschlagen, begleitet von einem Scheppern der Latte, das wie ein Tusch auf dieses Traumtor daherkam. Schon im ersten Heidenheimer Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte gegen Hoffenheim Ende August hatte der 24 Jahre alte Beste vorgeführt, über welch imposante Schusstechnik sein linker Fuß verfügt. Damals hatte er einen Freistoß aus sehr spitzem Winkel in denselben Winkel gesetzt wie diesmal. Nach seinem ersten Tor gegen Hoffenheim war Beste noch schnell ins Krankenhaus gefahren, zu seiner Frau und seinem gerade geborenen Sohn. Nun, erzählte sein Trainer Schmidt, sei der Kleine erstmals im Stadion gewesen, »und dem wollte er was zeigen«. Auch Beste berichtete vergnügt von seinem Sohn Charly. »Das ist ein Glücksbringer, er muss jetzt zu jedem Heimspiel«, sagte Beste.

In jedem der drei Heimspiele hat der Offensivspieler mit der herausragenden Schusstechnik und dem ähnlich beeindruckenden Bart nun getroffen. Dieses Mal wurde er von Schmidt zum entscheidenden Faktor erhoben. »Wenn es diesen Freistoß nicht gibt, geht das Spiel wahrscheinlich 0:0 aus«, sagte Schmidt, »aber es gab den Freistoß und wir haben Jan-Niklas Beste. Das ist unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit er an diese Bälle geht.« Herauskommen war gegen Union Bestes nächster Pinselstrich des Monats.

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