Die letzten Guten

Gegen den verfluchten deutschen Tatendrang: Morgen bekommen Pigor & Eichhorn den Eddi in Berlin

  • Christof Meueler
  • Lesedauer: 5 Min.
Mit diesen Frisuren konnte und kann nichts schief gehen: Pigor & Eichhorn in den Zehnerjahren.
Mit diesen Frisuren konnte und kann nichts schief gehen: Pigor & Eichhorn in den Zehnerjahren.

Dieses Jahr ist Hip-Hop 50 Jahre alt geworden, das wurde in New York groß gefeiert. Thomas Pigor ist noch älter: Jahrgang 1956. Und sein Kompagnon Benedikt Eichhorn ebenfalls: Jahrgang 1962. Pigor & Eichhorn machen Old School Hip-Hop, wie man früher gesagt hätte, sie nennen es »Salon-Hip-Hop«, oder nannten es so, als sie in den 90er Jahren damit anfingen. Denn sie haben noch viel mehr musikalische Stile drauf – als Kabarettisten. Dafür werden sie am kommenden Samstag in Berlin gefeiert: Im Kulturhaus Karlshorst bekommen sie den Eddi. Das ist der zweitälteste Kabarettpreis der Bundesrepublik, benannt nach dem Schauspieler und Satiriker Edgar Külow.

Ihr Motto heißt »Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten«, meistens am Flügel oder Klavier. Pigor redet aber auch viel, das gehört zum Setting. Der Redner und der Spieler. Wenn Pigor singt, ist es oft Sprechgesang, also doch Rap, auch wenn kein Beat dazu ertönt, sondern Eichhorn. Rap hat den Vorteil, dass damit sehr viel Text dargeboten werden kann. Beispielsweise, wenn man wie Pigor »Rache für die gebrochenen Versprechen von IT« fordert, denn »eure Dinger funktionieren nie, nie funktionieren die, nie nie!« Deshalb will er Rache nehmen, »für jede Minute die ein User verliert um rauszukriegen wie eure vermurkste Menuführung nicht funktioniert«.

Es gibt auch Sprechgesang von ihm, der erinnert mehr an den Scat-Gesang des Jazz (»Gott ist tot«), das ist dann wirklich mehr Salon. Oder er rappt zum Reggae, wie in dem ebenso albernen wie klugen Lied »Heidegger« mit einem sehr ohrwurmigen Refrain: »Da hat, da hat, da hadda Heidegger wiedama recht!« Aber wobei? Bei der Frage nach »der Weltlichkeit der Welt! / Nach dem Um-haften der Um-welt / Nach der In-heit des In-seins«. Heidegger, ist das Tiefsinn oder Flachsinn? Diese Frage las ich einmal in einem Philosophielexikon für Anfänger, als ich in den 90er Jahren an der Uni im Philosophie-Seminar über Heideggers Hauptwerk »Sein und Zeit« rumsaß und gegen den Sekundenschlaf ankämpfte, das halbbewusste Wegdämmern-Wollen kommt bei Heideggers Fragen nach dem Dasein und dem So-Sein ganz automatisch. Wenn man wie Pigor & Eichhorn daraus smarte Kiffermusik macht, hat man schon viel verstanden.

Die beiden haben es drauf, weil sie gute Musiker sind – und ihre eigenen Dramatiker des guten Witzes. Sie wissen, dass ihre Pointen Rhythmus und Melodie brauchen, damit gleiten sie dahin und sind dabei sehr beweglich und lustig. Ist das eine Form des Musikkabaretts, mal ganz altmodisch ausgedrückt? Sie haben ja auch die klassische Form, den sanft gesäuselten Chanson im Angebot. Ich würde sagen: nein, denn das Musikkabarett ist heute in die Castingshows umgezogen – und leider total ernst gemeint. Dann schon lieber Salon-Hip-Hop, dieses Genre haben Pigor & Eichhorn ganz allein für sich. Unique selling point!

Als sie vor rund 30 Jahren damit begannen, wollten sie ursprünglich Popmusik machen. Die Plattenfirmen rieten ihnen ab, sie seien dafür zu witzig und zu originell. Also machten sie dann doch Kabarett. Pigor ist eigentlich Chemiker und Eichhorn Musiklehrer. Tja, was soll man dazu sagen? Man merkt das nicht! Und das ist ein Kompliment.

Pigor war sogar mal kurz davor, sehr bekannt zu werden, wiederum mit einem Sprechgesang: Da war er 2006 die Stimme von Hitler im »Bonker« in einem millionenfach geklickten Trickfilmvideo von Walter Moers, der damit sein »Bonker«-Buch bewarb. Die Witze über Hitlers Lächerlichkeit sind in Deutschland immer noch die Ausnahme, obwohl sie doch so offensichtlich ist: Der Faschismus ist barbarisch und blöd.

Für das Radio dachte sich Pigor ein ziemlich geniales Soloprogramm aus: »Den Chanson des Monats«, ein Lied als Kommentar zur Zeit, nicht ein Gedicht oder ein Leitartikel. Von 2010 bis 2018 verfasste er insgesamt 100 Stücke, das ist ganz schön viel. Dabei gelangen ihm große Würfe wie im Lied »Der verfluchte deutsche Tatendrang«, das in seinem Kopfschütteln über die unhaltbaren Zustände hierzulande (Schottergärten, Alarmanlagen und Melancholieverbot) durchaus an das Lied »Deutscher Sonntag«, dem Klassiker von Franz Josef Degenhardt aus den 60er Jahren, rankommt: »Maniacs. Alles Maniacs. Durchgeknallte Gestalten / die sich selber allesamt für nette Nachbarn halten.« Oder eine Ode an »Mai 1968«, an die historische Oppositionsbewegung genau gegen diese bizarre, bleierne deutsche Atmosphäre, von ihm gesungen wie ein Lied von Ernst Busch.

Des Weiteren gibt es von Pigor solo eine sehr umsichtige und maßvolle »Verteidigung der ›Political Correctness‹«, heute eher als Wokeness bekannt, über die sich allerhand Dummies lustig machen. Kann schon nerven, richtig, aber noch mehr nervt’s, wenn »Kohorten von reaktionären Säcken / ihr anarchistisches Potential entdecken / Und in der Pose des Rebellen / Sich gegen den vermeintlich links grün versifften Mainstream stellen«. Denn die rechte Fake-Anarchie ist ohne jede Gnade.

Wer sind also die letzten Guten? Pigor & Eichhorn. Wie sie schon die »Pubertät« mit ihrer unsicheren Wildheit besangen (als Rock ’n’ Roll-Song), besingen sie nun das »Rente gehen« der alternden Linksliberalen, der Rebellen der Siebzigerjahre, die gegen Adorno der Meinung waren, dass es ein richtiges Leben im falschen geben würde. Sie wollten von der Revolution nicht immer nur reden, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Sie wissen deshalb, wie man Sachen repariert, können noch analog und digital und fahren auch gerne nach Spanien. Vorgetragen im Konstantin-Wecker-Stil, aber auf Mittelfränkisch. Nicht anklagend, sondern ganz praktisch betrachtet. Denn sonst wird man ja auch verrückt. So versichern sie sich selbst und ihrem Publikum: »Gehts nicht in Rente! Bitte! Mir san doch die letzten Guatn!«

Samstag, 19 Uhr, Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112, 10318 Berlin. Die Laudatio hält Matthias Oehme von der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, es spielt das Boris Rosenthal-Orchester.

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