Berliner Sozialarbeiter im Interview: »Jeder kann Klient werden«

Vor der Demonstration am Samstag ruft der Berliner Sozialarbeiter Marc Seilheimer zum Arbeitskampf auf

  • Interview: Jule Meier
  • Lesedauer: 5 Min.
Schon seit langem schlagen Berlins Sozialarbeiter*innen Alarm.
Schon seit langem schlagen Berlins Sozialarbeiter*innen Alarm.

Der Solidaritätstreff hat die Broschüre »Hart am Limit – Soziale Arbeit im Kapitalismus« herausgegeben. Erklären Sie uns doch kurz, welchen Einfluss kapitalistische Wirtschaft auf soziale Arbeit hat.

Für die soziale Arbeit heißt dies, dass sie an marktwirtschaftliche Zwänge gekoppelt ist. Mit sozialer Arbeit lassen sich Gewinne erzielen, was dazu führt, dass die Qualität der Hilfe abnimmt. Die Dienstleistungsmentalität prägt die Beziehung zwischen Sozialarbeitenden und Klient*innen. Die Leistungsvereinbarungen zwischen den Zuwendungsgeber*innen und den Trägern werden zum alles bestimmenden Kriterium. Die Klient*innen werden von einer zuständigen Stelle zur nächsten geschickt und soziale Arbeit zu einem rein bürokratischen Vorgang. Von den Trägern wird erwartet, dass sie im marktwirtschaftlichen Sinne effizient, kostengünstig und effektiv arbeiten. In der Praxis bedeutet dies, dass etwa der wohnungslosen Person lediglich ein Flyer der nächstgelegenen Notschlafstelle ausgehändigt wird, und wenn diese nicht aufgesucht wird, heißt es, dass die betroffene Person selbst schuld sei.

Was sind eure Forderungen für die Demonstration am 21.10., und an wen richtet sie sich?

Wir richten uns an Sozialarbeitende, die von ihren Arbeitsbedingungen genervt sind oder in einer betriebsfeindlichen Atmosphäre arbeiten. Wir richten uns aber auch an Geschäftsführer in der sozialen Arbeit sowie an die Senatsverwaltung und Nutzende der sozialen Arbeit. Wir richten uns an alle, denen das Wie in der sozialen Arbeit nicht egal ist. Soziale Arbeit ist breit, bezieht auch das Bildungs- und Gesundheitswesen mit ein. Jeder kann Klient werden! Deshalb fordern wir Maßnahmen von der Politik, die Wohnungsnot zu beenden und Armut statt Arme zu bekämpfen. Wir fordern darüber hinaus eine bedarfsgerechte Ausfinanzierung der sozialen Arbeit, um die Nutzer*innen zu unterstützen und menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Das beginnt mit soliden Studien- und Bildungsbedingungen an den Hochschulen und braucht genauso lückenlose Gesetze, die Tariftreue bei öffentlich finanzierten Leistungen gewährleisten! Wir fordern, dass alle Kolleg*innen bei freien Trägern auf dem Niveau des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) bezahlt werden. Die Träger müssen Verantwortung für ihre Beschäftigten übernehmen und die Forderungen der Arbeitnehmer*innen aufgreifen. Dies gelingt nur mit starken Betriebsgruppen, Betriebsräten, Personalräten und Gewerkschaften.

Interview

Marc Seilheimer ist als Sozialarbeiter in der Suchthilfe tätig und engagiert sich in der Stadtteilorganisation »Hände weg vom Wedding«. Er hat den Solidaritätstreff mit aufgebaut und macht sich auch in seinem Betrieb für gewerkschaftliche Organisierung stark. 

Was erhofft ihr euch von den kommenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst für die soziale Arbeit?

Kurz gesagt: anständige Löhne und einen echten Inflationsausgleich. Darüber hinaus erhoffen wir uns natürlich eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Krise der sozialen Arbeit und mehr Bewusstsein für unsere wirtschaftlichen Interessen. Das Risiko, dauerhaft krank zu werden und im Alter arm zu sein, ist sehr hoch. Es braucht wirkungsvolle Konzepte, um die Kolleg*innen vor Altersarmut und Burn-out zu schützen.

Gerade bewegt sich im Bereich sozialer Arbeit viel – Krankenhausbeschäftigte und Lehrer streiken, Orte wie der Leopoldplatz oder Görlitzer Park werden zum Schauplatz einer Sicherheitsdebatte. Wie wirkt sich das auf eure Arbeit und eure Klient*innen aus?

Im sozialen Bereich wird gekürzt, und wichtige Versorgungsstrukturen insbesondere für marginalisierte und vulnerable Zielgruppen wie obdachlose Drogengebraucher*innen sollen gestrichen werden, dafür rückt die Polizei stärker in den Fokus. Soziale Arbeit erhält in diesem Zuge verstärkt ordnungspolitische Aufträge, statt sich an den Bedürfnissen der Klient*innen zu orientieren. Um dies am Beispiel der Drogenabhängigen zu verdeutlichen: War man zunächst um die Gesundheit der Abhängigen besorgt, so tritt das Wohl der Betroffenen in den Hintergrund. Stattdessen wird es wichtiger, dass der Drogenkonsum nicht in der Öffentlichkeit stattfindet. Aufgabe der sozialen Arbeit wird es sein, Menschen, deren Elend im öffentlichen Raum sichtbar wird, in Obdachlosen-Tagesstätten, Konsumräume und Psychiatrien zu verbannen. Sozialarbeit wird so zur Hilfspolizei. Dabei verlieren die Sozialarbeiter*innen und die Klient*innen gleichermaßen.

Kritische Sozialarbeitende sprechen oft davon, dass sie in ihrer Arbeit eigentlich nur die Folgen des Kapitalismus abfedern und damit indirekt das System stabilisieren, statt gegen die Ursachen anzugehen. Warum ist es aus eurer Perspektive notwendig, für bessere Arbeit und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, wenn ihr den Kapitalismus doch eigentlich überwinden wollt?

Die Kolleg*innen haben ein Recht auf eine Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Erfolgsaussichten betrieblicher Kämpfe müssen aufgezeigt werden, zum Beispiel durch erfolgreiche Tarifabschlüsse, Betriebsvereinbarungen, verhinderte Entlassungen oder Kürzungen. Um den Kapitalismus letztendlich überwinden zu können, braucht es gut organisierte Arbeiter*innen, die in der Lage sind, die alltäglichen Missstände der Lohnarbeit mit sozialistischen Perspektiven zu verknüpfen. Im politischen und ökonomischen Kampf um menschenwürdige Arbeitsbedingungen entsteht Klassenbewusstsein, welches ein wichtiger Katalysator für Bewegungen zur Überwindung des Kapitalismus ist. Der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und die Überwindung des Kapitalismus stehen also in einem komplexen Wechselverhältnis.

Was passiert nach der Demo am 21.10.?

Am 26. Oktober beginnen die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst. Unsere Demo ist deshalb nur der Anfang. Wir rufen dazu auf, in den kommenden Wochen und Monaten Streiksolidarität mit den Kolleg*innen im öffentlichen Dienst zu zeigen. Auch wenn wir in der sozialen Arbeit überwiegend bei freien Trägern beschäftigt sind und oft ungerechterweise nur in Anlehnung an den TV-L bezahlt werden, ist der TV-L die Leitwährung für die gesamte Branche und hat enorme Auswirkungen auf unsere Arbeitsbedingungen und Anstellungsverhältnisse. Diese wiederum wirken sich auf die Qualität der sozialen Arbeit in Berlin aus. Das heißt, wir müssen auch in den nächsten Monaten aktiv sein und uns weiterhin betriebsübergreifend solidarisch und kampfbereit zeigen.

Die Demonstration »Soziale Arbeit am Limit – Wir kämpfen gemeinsam! Gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und für eine soziale Versorgungsstruktur für Alle!« startet am 21. Oktober um 14 Uhr an der Brunnen-/Ecke Veteranenstraße.

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