Berliner Kältehilfe: Notunterkunft zum Partykeller

Stadtmission startet mit »Soli-Rave« am Hauptbahnhof in die Saison

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 5 Min.

Kurz nach 22 Uhr ist es noch etwas leer in der zum Partykeller umfunktionierten Notübernachtungs-Unterkunft der Berliner Stadtmission. Der Bass wummert aber bereits und ein paar interessierte Gäste sind vor Ort. »Ich hab bei Radio Eins hiervon gehört und war einfach neugierig. Ich wollte auch gerne hier die Räumlichkeiten anschauen«, sagt Uwe zu »nd«. Der Berliner Metallbauer war früher viel unterwegs auf Partys, sagt er, inzwischen etwas seltener. »Aber zu solchen Veranstaltungen gehe ich immer gerne.«

In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde in der Kältehilfe-Notunterkunft in der Lehrter Straße am Hauptbahnhof ein »Soli-Rave« veranstaltet, um Spenden zu sammlen und junge Menschen für die ehrenamtliche Arbeit zu gewinnen. Ab dem 1. November werden die Räumlichkeiten obdachlosen Menschen zur Verfügung gestellt, damit sie dort im Warmen schlafen können.

Die beiden Organisator*innen Elias Pries und Marie-Sophie Bächle sind selbst schon seit Jahren bei der Kältehilfe aktiv. »Wir hatten darüber nachgedacht, wie wir die Räume im Sommer nutzen könnten, wenn sie leer stehen. Das war eigentlich nur so eine Schnaps-Idee, einen Soli-Rave im Keller zu machen«, sagt Pries zu »nd«. Aber dann haben sich die beiden gedacht, dass eine Party ein guter Weg sein könnte, um Aufmerksamkeit auf die Kältehilfe zu lenken und Menschen aus der Partyszene zu erreichen. Und das Geld sei sowieso immer zu knapp, weshalb die Spenden wichtig sind, sagt Pries.

»Unser primäres Ziel ist es, Leute anzusprechen, die sich noch nicht so viel mit dem Thema beschäftigt haben«, sagt auch Bächle zu Beginn der Party zu »nd«. Denn neben den erhofften Spendeneinnahmen gehe es auch darum, für das Thema Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. »Der Blick auf Obdachlosigkeit ändert sich stark, wenn man mal in der Kältehilfe gearbeitet hat, wenn man mit Betroffenen spricht«, sagt sie.

Die Kältehilfe-Saison startet regulär jedes Jahr am 1. Oktober mit den ersten Einrichtungen, ab dem 1. November stehen dann alle Notübernachtungs-Unterkünfte zur Verfügung. Es werde zunehmend schwierig, die vorgesehenen 1000 Schlafplätze zu organisieren, sagt Sabrina Niemietz von der Kältehilfe-Koordinierungsstelle zu »nd«. Grund dafür sei die Knappheit an geeignten Räumlichkeiten. »Dieses Jahr sind uns zwei Immobilien weggefallen. Die meisten Angebote, die wir erhalten haben, konnten wir nicht annehmen«, so Niemietz. Denn zur Verfügung stehende Objekte seien zu weit von der Stadtmitte entfernt und in einem zu schlechten Zustand gewesen.

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»Wir haben es knapp über die 1000 anvisierten Plätze geschafft. Aber eigentlich bräuchten wir auch Ausweichmöglichkeiten für den Notfall«, sagt Niemietz. Deshalb sei die Koordinierungsstelle weiterhin auf der Suche nach neuen Unterkünften. »Generell wäre es wichtig, dass mehr Gebäude, die temporär leerstehen, auch als Zwischennutzung für die Kältehilfe zur Verfügung stünden.«

Seit der zweiten Oktoberwoche liege die Ausnutzung der Kältehilfe-Unterkünfte bei 90 Prozent, sagt Niemietz. Dies werde sich zu Beginn des Novembers, wenn die restlichen Unterkünfte dazukommen, wieder etwas verringern, aber dann auch im Laufe des Novembers schnell wieder erreicht werden.

Elias Pries, der nun schon im sechsten Jahr bei der Berliner Stadtmission in der Kältehilfe mitarbeitet, hält die zur Verfügung stehenden Plätze nicht für ausreichend. »Wir werden jedes Jahr überrannt und müssen Leute abweisen«, sagt er. Das liege auch daran, dass die Unterkunft in der Lehrter Straße sehr zentral gelegen ist. »Statistisch gibt es zwar leere Plätze, aber die sind weit weg. Die Leute kommen dann einfach nicht mehr gut zurück ins Zentrum, wo ihr Lebensmittelpunkt ist.« Die öffentlichen Verkehrsmittel sind dann etwa nicht bezahlbar oder der Weg zu hürdenreich, beispielsweise für Menschen im Rollstuhl.

Die Unterkunft am Hauptbahnhof sei auch aufgrund der Niedrigschwelligkeit beliebt. »Wir können hier Menschen im Rausch aufnehmen, auch ein Zimmer für Hunde haben wir. Das gibt es in vielen anderen Unterkünften nicht«, sagt Pries. Außerdem übertreffe das Angebot die von der Senatssozialverwaltung finanzierten Leistungen, weil auch medizinische Versorgung, Sozialberatung und Duschen zur Verfügung stünden. »Und das ist eigentlich nur das Minimum an Unterstützung, das es geben sollte.«

Beim ersten »Soli-Rave« in der Notübernachtungs-Unterkunft seien immerhin über 1000 Euro an Spendengeldern zusammengekommen, sagt Marie-Sophie Bächle nach der Veranstaltung zu »nd«. »Wir haben um die 100 Gäste am Einlass gezählt.« Das sei in Anbetracht dessen, dass die Party zum ersten Mal veranstaltet wurde und am vergangenen Freitag parallel viele Halloween-Partys stattgefunden hätten, eine »echt gute Quote«.

»Es waren einige Interessierte dabei, die uns gefragt haben, wie die ehrenamtliche Arbeit bei der Kältehilfe so ablaufe«, sagt Bächle. Man überlege sich schon, wo man die nächsten Partys veranstalten könnte, zum Beispiel in Berliner Clubs. »Bei uns geht das ja im Winter nicht, weil hier dann die Gäste schlafen«, so die Kältehilfe-Mitarbeiterin. Sie seien mit dem »Haubentaucher« im Gespräch, von dem sie auch schon für diese Party die Technik und weiteres kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen haben. »Wir haben auf jeden Fall Bock, noch mehr zu machen.«

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