Olympia in Berlin: Riesenchance Milliardengrab

Olympia soll 2036 nach Deutschland und Berlin kommen

  • Marten Brehmer
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit der Aussicht auf Olympia in Berlin verbindet der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) offenbar vor allem eine Vokabel: »Chance«. Neunmal nannte er in seinem knappen Statement nach der Senatssitzung die Bewerbung für das Sportgroßereignis so, häufig auch gesteigert zur »Riesenchance«. Welche Chance worauf gemeint war, blieb allerdings eher schwammig. Wegner nannte Effekte für den Breitensport und für die Wirtschaft, ohne konkreter zu werden. »Wir sind noch in einem ganz frühen Stadium«, sagte er.

Bevor Wegner gemeinsam mit Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) vor Journalisten trat, hatte der Senat beschlossen, das Memorandum zu unterschreiben, unter dem der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mehrere Städte für die deutsche Bewerbung gesammelt hatte. Neben Berlin sind dies Hamburg, München, Leipzig und die Region Rhein-Ruhr. In den Gremien des DOSB soll es nun ein Dialogverfahren geben, an dessen Ende ein Konzept stehen soll. Aus den teilnehmenden Städten sollen dann zwei ausgewählt werden, die am besten zu dem Konzept passen. Wenig subtil machte Spranger deutlich, welche Städte als Favoriten betrachtet werden: »In München und Berlin gibt es jetzt schon 95 Prozent der Sportstätten.« Mit einer Entscheidung des internationalen Olympia-Verbands IOC wird 2025 gerechnet.

Unklar ist noch, in welchem Jahr die Olympischen Spiele nach Berlin kommen sollen. Denkbar wären Bewerbungen sowohl für das Jahr 2036 als auch das Jahr 2040. »Für uns gibt es da eine klare Priorisierung«, sagte Wegner. 2036 wäre »eine Riesenchance zusätzlich«. Ihm gefalle vor allem die Symbolik des Datums, das einen Bezug zu den Olympischen Spielen unter dem Hakenkreuz im Jahr 1936 herstellen würde. Bei den Spielen solle sich ein »neues Berlin« zeigen. »Ich stelle mir das so vor: Die israelische Mannschaft zieht dann in das Olympiastadion ein, das 100 Jahre zuvor für Spiele genutzt wurde, die politisch missbraucht wurden«, so Wegner. »Das wäre ein zweiter Sieg über Nazi-Deutschland.«

Im Vordergrund der Bewerbung soll nach dem Willen der schwarz-roten Koalition Nachhaltigkeit stehen. »Es werden keine neuen Sportstätten gebaut werden«, sagte Senatorin Spranger. Stattdessen sollen schon bestehende Anlagen saniert werden. »Es ist alles schon vorhanden, wir müssen es nur fit machen«, pflichtete Wegner bei. Von der Sanierung soll auch der Breitensport profitieren. »Wenn wir in die Sportinfrastruktur investieren, haben alle etwas davon«, sagte Wegner.

Gemeinsam mit den olympischen werden auch die paralympischen Spiele vergeben. Hier kann Berlin schon auf Erfahrung zurückblicken. Im Juni fanden in der Stadt die sogenannten Special Olympics statt, bei denen Menschen mit geistiger Behinderung um Medaillen kämpften. »Bei mir haben die Special Olympics Lust auf mehr gemacht«, erklärte Wegner. Die Spiele hätten gezeigt, dass Berlin sportliche Großevents organisieren könne.

Bisherige Versuche, Olympia nach Deutschland zu holen, waren von wenig Erfolg gekrönt: Viermal scheiterten Bewerbungen daran, dass sich die Bürger bei Befragungen mehrheitlich gegen olympische Spiele aussprachen. Auch bei der Bewerbung für 2036 wird davon ausgegangen, dass der DOSB eine Bürgerbefragung anstrebt. Konkret bestätigen wollte Wegner das allerdings nicht. »Nein, wir können nicht zusagen, dass es am Ende eine Abstimmung gibt«, sagte er auf die Frage eines Journalisten. Darüber entscheide der DOSB als Veranstalter. »Es geht um Spiele nicht nur für, sondern auch mit den Berlinern«, stellte er aber Partizipationsmöglichkeiten in Aussicht.

Mit Widerstand dürfte indes zu rechnen sein. »Solange Berliner Vereine
keine Flächen zum Trainieren haben, solange Schulklassen keine Hallen
zum Schwimmenlernen finden, sollten wir nicht Milliarden in ein
Großevent für wenige stecken«, heißt es in einem Statement der Grünen Jugend. An einen Mehrwert für den Breitensport glaubt man dort nicht. »Man kann aus der Erfahrung mit vergangenen Olympiaden sehen, welche Effekte sie am Ende haben«, sagt Anton Zagolla, Sprecher der Grünen Jugend, zu »nd«. In London hätten die Spiele etwa dazu geführt, dass die Mieten rund um die Spielstätten deutlich gestiegen seien. Den Termin für die Spiele zum 100-jährigen Jubiläum der Nazi-Olympiade nennt Zagolla »schlechte Symbolik«. »Besser wäre es, wenn man zu diesem Datum auf Gedenken setzen würde.« Auch der Linke-Politiker Steffen Zillich nennt die Bewerbung einen »Irrweg«. Er warnt vor explodierenden Kosten.

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