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Antisemitismus: Die Suche nach der Quelle von Hass und Gewalt

Der Sammelband »Judenhass Underground« versucht auf fragwürdige Art, sich Subkulturen vorzuknöpfen

  • Peter Ullrich
  • Lesedauer: 5 Min.

Die vergangenen Jahrzehnte haben zur schmerzhaften Erkenntnis geführt, dass Antisemitismus sich nicht auf die rechte Domäne beschränkt, sondern gesamtgesellschaftliche Wirkung entfaltet, auch in progressiven Strömungen. Antisemitismus, gerade im Kontext des Nahost-Konfliktes, ist kompliziert: Es gibt ihn zweifelsohne, genauso überbordende, also unzutreffende, instrumentelle Antisemitismusvorwürfe und Grauzonen von Ambivalenz und Uneindeutigkeit.

Die Anthologie »Judenhass Underground« will diese Gemengelage analysieren und Antisemitismus insbesondere in Subkulturen ergründen. Sie nimmt sich eines absolut relevanten Themas an, tut dies aber weitgehend in den Mustern der im Antagonismus erstarrten Debatte. Damit ist sie Ausdruck zweier Probleme: des realen ›progressiven‹ Antisemitismus und einer problematischen Form der Antisemitismuskritik. Zwischen allgemeinen Einführungen im ersten Teil (»Intro« und »Theorie« betitelt) und diversen Interviews im letzten des Buches (mit »Dialog« überschrieben), widmen sich die einzelnen Kapitel im Hauptteil »Praxis« dem Kulturbetrieb, dem Antirassismus, der Klimabewegung, der queeren Community, dem Feminismus, der Clubkultur, dem Hiphop, Punk und Hardcore.

Hier kann man durchaus etwas über Hintergründe lernen, darüber, wie Antisemitismus an diese Szenen anschließt. Lilly Wolters arbeitet in ihren Ausführungen zum Rap wesentliche Anknüpfungspunkte in dieser Subkultur heraus: die sozialen Hintergründe der Protagonist*innen, ihre geteilte Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt, die an anderen wiederholt werden, die generelle Kultur der Abwertung und des verbalen Angriffs im Gangsta-Rap. Im Punk, so Annica Peter, bietet die Attitüde der größtmöglichen Provokation und ein etablierter Antiamerikanismus Anschlüsse an Antisemitismus. Doch in vielen Beiträgen dominiert der Modus von »Anklage mit anschließender Diskussion« (so die Programmatik der Herausgeber in ihrem »Intro«). Das führt zum in der Antisemitismusliteratur verbreiteten Cherry-Picking-Ansatz: Man reiht als skandalös empfundene Vorfälle aneinander, ihre Genese verbleibt weitgehend im Dunkeln.

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Nur wenige Texte stechen positiv aus diesem geschichtsarmen Grundschema heraus, weil sie, wie Riv Elinson in seinem*ihrem Beitrag »Antisemitismus und Intersektionalität«, zunächst den Gegenstand offen und interessiert in seinen Bezugskontexten darstellt, bevor auf blinde Flecken hingewiesen wird, in diesem Fall auf die reale Schwierigkeit mancher intersektionaler Ansätze, Jüdinnen*Juden mitzudenken – theoretisch wie praktisch-solidarisch. Ähnlich gehen Ruben Gerczikow und Monty Ott vor. Geprägt durch persönliche Erfahrungen sind ihre Darstellungen der Klassenzuschreibungen, denen Jüdinnen*Juden oft noch immer unterliegen.

Das »Intro« der beiden Herausgeber verspricht viel im Hinblick auf eine auch in den schon erwähnten Beispielen anklingende universalistische Perspektive. Die könnte bereit sein, sich auf Grauzonen und Widersprüchlichkeiten der Untersuchungsobjekte einzulassen. Solche entstehen gerade im Kontext des Nahost-Konfliktes, weil sich Feindbilder, die durch den realen Konflikt bedingt sind, mit antisemitischen überlagern. Die Notwendigkeit radikaler Kritik der gegenwärtigen israelischen Rechtsregierung wird dort ebenso betont wie das Leiden von Palästinenser*innen. Die Komplexität, die sich aus den konkurrierenden Bezugsproblemen (Antisemitismus und Nahost-Konflikt) ergibt, scheint im Buch gelegentlich auf, bleibt aber meist folgenlos. Die Forderung der Herausgeber nach einem selbstkritischem Blick auf die eigene Positionierung in diesem Themenfeld wird nicht eingelöst.

Am Ende ist es dann wie so oft: Richtige Analysen und Skandalisierungen antisemitischer Vorfälle stehen neben Einschätzungen, die ausschließlich dann überzeugen, wenn man eine radikal pro-israelische Position im Nahost-Konflikt einnimmt; und spiegelbildlich zum kritisierten israelbezogenen Antisemitismus am Ende doch keinerlei Konfliktanteile auf der ›eigenen‹ Seite sehen mag. Nikolas Lelle und Tom Uhlig schaffen das in ihrer Einführung mit suggestiven Formulierungen wie »das kleine Land am Mittelmeer«: So erscheint Israel nicht als militärischer Big Player der Region. Auch die Deutungen einzelner Konfliktgegenstände wie der israelischen Grenzanlage sind völlig einseitig. So wird die Forderung nach ihrem Abbau zwar mit einigem Recht als Bedrohung der Sicherheit der israelischen Bevölkerung gedeutet; ihre Rolle in der Drangsalierung der palästinensischen Bevölkerung wird aber nicht einmal erwähnt. Und so geht es weiter mit lagerbildenden symbolischen Bezugnahmen: Die Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA wird anerkannt; die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus wird in Bausch und Bogen abgelehnt. Solche unnötigen identitätspolitischen Zuspitzungen machen es schwer, die zutreffenden Kritiken zur Kenntnis zu nehmen. Dazu gehört Lelles und Uhligs Hinweis darauf , dass immer wieder konkrete Jüdinnen*Juden teils gewaltvoll für israelische Politik in Haftung genommen werden.

Doch wenn zum wiederholten Mal in der dualistischen Sicht auf Gut und Böse alle Differenzierungen verschwinden, wird Weiterlesen zum Kraftakt. Da verschwimmen – wie im Beitrag von Anastasia Tikhomirova – marxistisch-leninistischer Antiimperialismus, Antirassismus, Postkolonialismus und die BDS-Bewegung zu einer ununterscheidbaren Melange. In weitgehender Ahnungslosigkeit oder Dreistigkeit wird von Konstantin Nowotny der Postkolonialismus angeklagt, eine Konkurrenz der Opfer etablieren zu wollen. Ausgerechnet der Erinnerungsforscher Michael Rothberg, dessen Forschung sich um geistesgeschichtliche Ansatzpunkte von inklusivem und doch Partikularität anerkennendem Erinnern dreht, soll als Beleg dafür herhalten.

Apropos Belege: Viele Studien werden genannt und noch mehr ›typische‹ Aussagen aus den jeweiligen Szenen präsentiert. Quellenangaben oder wenigstens Erläuterungen zur Herkunft oder Relevanz dieser Äußerungen für die untersuchten Subkulturen sind oft nicht zu finden. Stattdessen gibt es einen holzschnittartigen Umgang mit komplexen Theoretiker*innen und reichlich sachliche Fehler bis hin zu diffamierenden Falschzitaten, was schon zu regen Twitter-Diskussionen führte.

Am Ende bleibt riesige Enttäuschung: über einige intellektuelle Zumutungen, aber insbesondere die antisemitismuskritische Blickverengung. Die wirkt sich bei dem im Kontext des Nahost-Konfliktes omnipräsenten Thema fatal aus. Antisemitismuskritisch kann man nämlich nur eine Seite (und diese nur verzerrt) in den Blick nehmen, den Konflikt als solchen und als Quell von Hass und Gewalt wie auch Solidarisierungen aber nicht verstehen.

Nicholas Potter/Stefan Lauer (Hg.):
Judenhass Underground. Antisemitismus
in emanzipatorischen Subkulturen
und Bewegungen.
Hentrich & Hentrich, 252 S., br., 22 €.

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