Britney Spears »The Woman in Me«: Ein feministisches Manifest?

In ihrer Biografie bedient die US-Popsängerin den Voyeurismus unserer Zeit, aber mit altbekannten Geschichten

  • Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 5 Min.
Biografie: Britney Spears »The Woman in Me«: Ein feministisches Manifest?

US-Popsängerin Britney Spears hat mit ihren Memoiren »The Woman in Me – Meine Geschichte« einen Kassenschlager geschrieben. Bereits über eine Million Mal ging das Buch über die internationalen Ladentische und auch Kritiker*innen loben Spears Biografie als authentisch, brutal ehrlich und mitreißend. Als Leser*in kann man einerseits aus erster Hand hören, wie schrecklich das Leben von Spears war und gleichzeitig erfahren, dass (außer der obskuren Vormundschaft, unter die sie gestellt wurde) vieles von dem, was der Sängerin widerfahren ist, eigentlich fast allen Frauen oder weiblich gelesenen Personen passiert oder passieren kann.

Spears, die zunächst als Kinder- und dann Teenies-Star die Pop-Welt eroberte und zum Millionenseller wurde, wurde nicht nur von ihrer Familie unterdrückt, benutzt und ausgenutzt, sondern insgesamt von ihrem Umfeld wie Material behandelt – ganz egal ob in musikindustriellen oder romantischen Zusammenhängen.

Nadia Shehadeh

Nadia Shehadeh ist Soziologin und Autorin, wohnt in Bielefeld und lebt für Live-Musik, Pop-Absurditäten und Deko-Ramsch. Sie war lange Kolumnistin des »Missy Magazine« und ist außerdem seit vielen Jahren Mitbetreiberin des Blogs Mädchenmannschaft. Zuletzt hat Shehadeh bei Ullstein das Buch »Anti-Girlboss. Den Kapitalismus vom Sofa aus bekämpfen« veröffentlicht. Für »nd« schreibt sie die monatliche Kolumne »Pop-Richtfest«.

Spears sollte einfach nur hübsch aussehen, die Klappe halten und dabei singen und tanzen. Die Vormundschaft, unter der sie ihre Familie knapp 13 Jahre lang stellte, gewährleistete dann auch irgendwie, dass Spears die ihr zugewiesene Rolle wie vom Umfeld gewünscht weiter ausführte. Man schickte sie (oft auch gegen ihren Willen) auf Tour, ließ sie Platten aufnehmen, bediente sich an ihren finanziellen Einkünften. Spears, die angeblich nicht in der Lage war, eigene Entscheidungen zu treffen, Auto zu fahren oder über ihren Körper zu bestimmen, war gut genug, um den Lebensunterhalt vieler Leute dauerhaft und im Übermaße zu sichern.

Bodyshaming, ein Leben auf Dauerdiät, untreue und illoyale Lebenspartner, die Darstellung als Rabenmutter, Sorgerechtsängste und chronisches »liefern müssen«, ohne dafür Dank oder Anerkennung zu bekommen: Spears hat es alles durch. Hinzu kommt bei ihr das sehr öffentliche Leben in einer sexistischen Moderne, in der Frauen ständig auf alles Mögliche reduziert werden, um bloß nicht als komplexe Menschen anerkannt zu werden. Allein die Vormundschaft, mit der Spears über ein Jahrzehnt kontrolliert und isoliert wurde, war der Grund für einen öffentlichen und medialen Aufschrei – der am Ende auch zumindest teilweise zur Umdeutung von Spears Schicksal führte.

Die große Rehabilitierung ihrer angeblichen öffentlichen Fehltritte – wie etwa das Abrasieren ihrer langen Haare 2007 – lässt auf sich warten. Dabei lesen sie sich komplett harmlos und nachvollziehbar: Zum Glatzen-Haarschnitt etwa merkt Spears an, dass die Hauptmotivation gewesen sei, sich sexistischen Bewertungslogiken zu entziehen. Und das, was auch heute noch in den Boulevard-Medien als unfassbarer Familien-Krieg zwischen Spears und ihrer Schwester Jamie Lee interpretiert wird, entpuppt sich im Buch als Sticheleien, die zwar aus großer Enttäuschung heraus formuliert, aber dennoch wenig spektakulär, bisweilen sogar sehr nachvollziehbar sind.

Heute tut man gerne so, als seien die frühen 2000er unfassbar schlimm gewesen, wenn man auf die Behandlung prominenter Frauen aus dieser Zeit zurückblickt. Spears wird hierbei oft als Hauptbeispiel zurate gezogen, wenn es darum geht, zu zeigen, wie furchtbar die vergangenen Jahre und wie fortschrittlich die jetzige Zeit ist.

Dabei wird gerne verdrängt, dass vieles heute mitnichten besser ist: Man hat es zwar nicht mehr mit der plumpen Art Sexismus zu tun, der es Paparazzis jahrelang gestattet hat, mit dem Fotografieren von (weiblich gelesenen) Körperteilen gutes Geld zu verdienen. Aber Frauenhass ist nicht aus der Welt, sondern dank konservativer Backlash-Bewegungen in einem anderen Gewand unterwegs – und nach wie vor sehr populär. Kinder- und Mütterfeindlichkeit, Gewalt gegen Frauen, das Beschämen und Kritisieren von Frauen, die offen über ihre guten oder unguten Beziehungserfahrungen sprechen (Amber Heard, Jada Pinkett Smith) sind an der Tagesordnung. Frauen, die ihre Männer verlassen, werden auch heute noch gern als Zerstörerinnen der glücklichen und harmonischen Kleinfamilie gelabelt (Amira Pocher) und nicht wenige Social-Media-Influencer*innen predigen heterosexistische und patriarchale Botschaften.

In all das platzt Spears mit einem Buch, das selbstverständlich auch den Voyeurismus bedient, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Die Öffentlichkeit hat eine ausgeprägte Erwartungshaltung kultiviert, wenn es um die Offenbarungen von (vor allem weiblichen) Berühmtheiten geht. Man ist gewohnt, die intimsten und schmerzhaftesten Erlebnisse der eigenen Idole auf dem Silbertablett serviert zu kriegen und fühlt sich prächtig beim Konsumieren dieser Schauergeschichten, weil man nun ja Leuten dabei hilft, »ihr eigenes Narrativ zu bestimmen«.

Spears aber macht es komplett richtig, denn sie bereitet in großen Teilen das auf, was sowieso schon bekannt ist. Die einzig großen neuen Enthüllungen, mit denen in »The Woman in Me« aufgewartet wird, betreffen Spears Ex-Freund Justin Timberlake der – wie sich viele dachten – in jungen Jahren ein unfassbares Arschloch gewesen sein muss. Und trotzdem, Spears Memoiren sind vor allem deswegen gelungen und wichtig, weil sie zeigen, wie wenig spaßig es ist, in vergangenen und gegenwärtigen Zeiten eine Frau (gewesen) zu sein und dass man trotzdem irgendwie durchhalten muss. Spears weigert sich in ihrer Biografie, auf anderen Frauen herumzuhacken, seziert in ihrem »Liebes Tagebuch«-Sprech ganz nebenbei die Triade aus Kapitalismus, Sexismus und Ableismus und besteht darauf, trotz allem etwas Gutes für sich erwarten zu dürfen. Und damit ist »The Woman in Me« fast schon ein feministisches Manifest.

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