USA: Keine Gnade für Menschen

Warum werden in den USA alljährlich im November Truthähne begnadigt – aber keine politischen Gefangenen?

  • Karlen Vesper
  • Lesedauer: 2 Min.

Gerhard Schröder hat es getan. Und just auch wieder Joe Biden. Der durch eine ziemlich gnadenlose Sozial- und Asylgesetzgebung unrühmlich in die Annalen deutscher Zeitgeschichte eingegangene sozialdemokatische Kanzler begnadigte im Jahr 2000 »Doretta« kurz vor Weihnachten. Er hatte die Gans im Sommer des Jahres bei einer Tour zu seinen Untertanen in den neuen Bundesländer in einem brandenburgischen Dorf kennengelernt. Ein Bauer schenkte ihm das stattliche Tier als künftigen Festtagsschmaus. Doch Schröders Stieftochter bat um Erbarmen.

Diese Woche war das Glück, verschont zu werden von animalischen Gelüsten des Menschen, den Truthähnen »Liberty« und »Bell« hold. Der US-Präsident schenkte den nach der Freiheitsglocke in Pennsylvania, dem nationalen Symbol der US-Amerikaner schlechthin, benannten Vögeln das Leben. Enkel Beau Biden junior streichelte sie hernach mit seiner Tochter (s. Foto). Die mittlerweile 150-jährige, öffentlich zelebrierte Tradition der Begnadigung von Turkeys im Weißen Haus geht zurück auf den legendären Präsidenten Abraham Lincoln, den »Sklavenbefreier«. Dessen Sohn soll ihn bewogen haben, auf die Lieblingsspeise der US-Amerikaner zu Thanksgiving zu verzichten. Während John F. Kennedy, der in der Berlin- wie auch Kuba-Krise die Welt vor einem Krieg der Blöcke, gar einem nuklearen Inferno bewahrt hatte, es dem Altvorderen im Oval Office gleichtat, wollten die Nachfolger im Amt Richard Nixon und Gerald Ford auf den rituellen Gaumenschmaus nicht verzichten. Die Bushs, senior und junior, Golfspieler und Golfkrieger, zelebrierten hingegen das jährliche Novemberspektakel wieder mit Inbrunst. Gnadenlos hingegen zeigen sich alle US-Präsidenten der jüngsten Vergangenheit gegenüber politischen Opponenten: Mumia Abu-Jamal ist seit 1981 in Haft, Washington beharrt weiterhin auf die Auslieferung von Julian Assange aus britischem Exil und Edward Snowden hat im vergangenen Jahr die russische Staatsbürgerschaft angenommen, da eine Rückkehr in seine Heimat, ohne die ganze Härte der US-Gesetzgebung spüren zu bekommen, aussichtslos scheint.

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