Am Ende des Weges

Auch der Sterbeprozess gehört zum Leben, das Wissen darüber sollte nicht tabu sein

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 6 Min.
Valentine Godé-Darel auf dem Sterbebett, dargestellt von ihrem Geliebten, dem Maler Ferdinand Hodler, im Jahr 1915
Valentine Godé-Darel auf dem Sterbebett, dargestellt von ihrem Geliebten, dem Maler Ferdinand Hodler, im Jahr 1915

Die dunkle Jahreszeit wird häufig mit dem Ende des Lebens verbunden. Diverse darauf bezogene Gedenktage finden sich im November. Aber gestorben wird ganzjährig. Während der November in dieser Beziehung im Durchschnitt bleibt, steigt danach die Zahl der Todesfälle an. Die höchste Sterberate wird im langjährigen Mittel im Februar erreicht. Die Bestattungswirtschaft rechnet in dem kurzen Monat mit etwa zehn Prozent mehr Todesfällen als im Durchschnitt.

Der Ort des Sterbens dürfte für viele Menschen wichtiger sein als die Zeit. Mindestestens die Hälfte der Todesfälle in Deutschland ereignet sich in den Krankenhäusern – obwohl das nach einer Telefonumfrage vom Vorjahr gerade einmal drei Prozent der Befragten wünschten. Nur ein Fünftel aller Todesfälle im Jahr 2017 fand im häuslichen Umfeld statt, während sich das fast die Hälfte der Menschen wünschen. Insgesamt zehn Prozent der Verstorbenen beendeten ihr Leben im Hospiz oder auf einer Palliativstation, doppelt so viele in einem Pflegeheim. In der erwähnten Umfrage hatten sich 21 Prozent der Befragten eine Einrichtung der Sterbebegleitung für das eigene Lebensende gewünscht. Hingegen hatte sich ein Viertel der Befragten noch keine Gedanken dazu gemacht.

Diese letzte Antwort entspricht einer häufigen Einstellung unserer Tage: Tod und Leiden, zumindest im nahen Umfeld, werden lieber so lange wie möglich ausgeblendet, das eigene Betroffensein wird verdrängt. Demgegenüber steht eine große Zahl von Ratgebern zum Thema Tod und Sterben, Bestattung und Erben. Vorsorge, vor allem wenn es um Organisatorisches und Finanzielles geht, wird groß geschrieben – bis hin zum selbstbestimmten Ende, das nicht wenige Menschen auch juristisch wasserfest machen möchten.

Dennoch gibt es in Sachen Alter und Lebensende eine größere Leerstelle. Das ist der Sterbeprozesses selbst. Gerade angesichts des verbreiteten Wunsches, im häuslichen Umfeld sterben zu wollen, wäre es für Angehörige und andere nahe Menschen wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Eine gute Übersicht über die vielen möglichen Varianten des Sterbeverlaufs bietet Roland Schulz in seinem 2019 erschienen Buch »So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten«.

Der Sterbeprozess kann sich lang hinziehen. Auch ohne schwere und chronische Krankheiten bauen unsere Kräfte im Laufe des Lebens ab. Die mehr als 600 Muskeln verschwinden ungebraucht ganz schnell. Ab 40 Jahren verlieren wir an Muskelmasse, mit 80 Jahren ist schon die Hälfte quasi verloren. Die Dichte der mehr als 200 Knochen im menschlichen Körper schwindet ab dem 50. Lebenjahr. Die Kraft des Herzens sinkt ab dem 30. Lebensjahr. Auch Sehkraft, Geschmacks- und Geruchssinn lassen nach. Manche unserer »Bauteile« können sich im Lebenslauf selbst reparieren, bei anderen hilft die Medizin. Das Gesamtsystem wird dennoch heruntergefahren, unaufhaltsam, trotz wachsender Lebenserwartung.

Nimmt die Schwäche zu, werden die schlafend verbrachten Zeiten am Tag länger, dann können das schon Hinweise auf den nahenden Tod sein. Nur bei Unfällen sterben Menschen schnell und unverhofft. Bei den anderen, den sehr Alten und Alten sowie bei unheilbar Kranken, braucht das Sterben seine Zeit, aber schon in den letzten Wochen und Tagen häufen sich bestimmte Zeichen.

In der Medizin wird noch einmal grob unterschieden zwischen der terminalen Phase, in der sich der Tod ankündigt (die letzten Tage) und der finalen Phase, dem Sterben selbst. Das sind die letzten Stunden, Minuten und Sekunden. Der Prozess kann sich aber auch einige Tage hinziehen, das ist individuell verschieden.

Mit den schwindenden Kräften geht die Kontrolle über den Stoffwechsel verloren. Die Körperpflege ist nicht mehr eigenständig zu bewältigen. Wenn nicht schon zuvor ein Pflegedienst oder Angehörige diese Aufgabe übernommen haben, kann das noch nötig werden. Auch der Appetit vergeht. Geruchs- und Geschmackssinn verabschieden sich. Das Interesse am Essen erlischt, ein Sterbender hat keinen Hunger. Nahe Menschen neigen dann dazu, leckere und nährende Angebote zu machen. Das Sterben ist aber kein Verhungern, sondern es wird keine Nahrung aufgenommen, weil dies nicht mehr nötig ist.

Die zunehmende körperliche Schwäche ist verbunden mit wachsender Schläfrigkeit. Das Zeitgefühl geht verloren. Mühsam wird auch das Schlucken. Weil der Sterbende bald nur noch durch den Mund atmet, trocknen die Schleimhäute aus. Das Sprechen fällt schwerer, die Stimme wird leiser.

Neben den körperlichen Veränderungen ist das Sterben häufig von Angst bestimmt. Zum einen gibt es die Angst vor dem Ersticken. Wenn die Lunge versagt, steigt im Blut die Konzentration von Kohlendioxid solange, bis das Bewusstsein aussetzt, was meist im Schlaf geschieht. Etwas anderes ist Atemnot, ebenfalls mit Angst verbunden. In der Begleitung Sterbender wird dazu geraten, gemeinsam ruhig zu atmen. Der Oberkörper kann aufgerichtet, frische Luft hereingelassen werden. Der Luftzug sorgt für Besserung. Im Sommer kann ein Ventilator helfen.

Angst hat noch andere Dimensionen als nur die körperlichen. Bei einer Befragung von Menschen, die im Leben stehen, wurde an erster Stelle die Angst vor Schmerzen genannt sowie davor, »hilflos der Apparatemedizin ausgeliefert zu sein«. Danach folgte die Angst um Hinterbliebene oder davor, Sachen unerledigt zu hinterlassen, gleichauf damit jene, jemandem zur Last zu fallen.

Kurz vor dem Tod variieren auch die Gefühle diesem gegenüber. Die seelische Dimension hat die US-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross nach vielen Begegnungen und Gesprächen versucht zu gliedern. Sie ging von fünf verschiedenen Phasen aus: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Trauer und Akzeptanz. Heute wird angenommen, dass diese Gefühle nicht linear aufeinander folgen müssen, sondern auch wechseln können.

Schmerzen sind ein weiteres Thema im Sterbeprozess. Je nach Art, Verlauf, Dauer und Stärke sind verschiedene Medikamente einsetzbar. Die unangenehmen Empfindungen lassen sich stark dämpfen, sie dämpfen aber auch das Bewusstsein. Über die individuell gewünschte Schmerztherapie sollte rechtzeitig mit dem Arzt beraten werden.

In der finalen Sterbephase sammelt sich das Blut im Körperkern. Die inneren Organe werden noch versorgt, aber der Blutdruck fällt. Die Niere schränkt als erstes Organ den Dienst ein, Flüssigkeit wird nun im Gewebe abgelagert, auch in der Lunge. Das lässt die Atmung rasseln. Gegen das Durstgefühl können Eiswürfel in den Mund gegeben werden oder Sprühfläschchen mit Wasser bereitgehalten werden. Alles, was noch getan werden kann, behandeln Kurse der »Letzten Hilfe«, die etwa von Hospizen angeboten werden.

Viele Sterbende wechseln in die sogenannnte Cheyne-Stokes-Atmung. Hier stockt der Atem mitunter und setzt nach deutlicher Pause mit einem Seufzer wieder ein. Die Haut wird wachsbleich, Blutgefäße schimmern dunkel durch. Auch das Gesicht verändert sich immer stärker: der Mund steht offen, die Wangen fallen ein, die Augen liegen tief in den Höhlen. Die typischen Gesichtszüge schwinden, immer deutlicher tritt die Schädelform hervor.

Sterben ist nicht unbedingt mit großen Kämpfen verbunden. Auf jeden Fall sollte Menschen in ihren letzten Stunden mit Demut und Respekt begegnet werden. Ohne Leiden vergeht diese Lebensphase selten, aber für den Verstorbenen haben sie ein Ende gefunden.

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