Vom Mord zum Mitleid?

»Von wegen Postkolonialismus« – Notizen von einer Konferenz in Berlin

  • Henri Boosten
  • Lesedauer: 8 Min.

»Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann, und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht«, bekundete Otto von Bismarck vor dem von ihm mit der Emser Depesche provozierten Deutsch-Französischen Krieg, in dessen Folge am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses das Deutsche Kaiserreich ins Leben gerufen wurde. Und über zwei Jahrzehnte, bevor im Reichstag die »Flottengesetze« zur Aufrüstung der Kaiserlichen Marine beschlossen wurden. Und doch steht gerade der »Eiserne Kanzler« für die sogenannte Kongoakte, jenes perfide Dokument, in dem die damaligen Kolonialmächte die Regularien für die Aufteilung Afrikas fixierten, verabschiedet auf der Berliner Konferenz 1884/85, zu der jener preußische Junker alle damaligen einflussreichen europäischen Mächte sowie Vertreter aus den USA und dem Osmanischen Reich eingeladen hatte.

»Kolonien sind für Deutschland notwendig. Wir werden sie, wenn möglich, durch Verhandlungen erhalten; wenn aber nicht, werden wir sie uns nehmen«, tönte Hjalmar Schacht, Hitlers Reichsbankpräsident, der in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess jedoch freigesprochen wurde. Die Ambition der Nazis, nach Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg verlustig gegangene Kolonien wiederzugewinnen, war mit deren Weltmachtwahn gescheitert.

Zu wenig werde nach dem Zusammenhang von imperialistischer Politik, Kolonialismus und Rassismus gefragt, zu wenig nach der neuen Qualität kolonialer Expansion und der Ausbeutung unterworfener Völker mit dem Eintritt der kapitalistischen Gesellschaftsordnung in ihr imperialistisches Stadium zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, kritisierte Stefan Bollinger, Spiritus Rektor einer diese Woche in Berlin abgehaltenen Konferenz. Eingeladen hatte der Verein Helle Panke, Gastgeber war das Afrika-Haus, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feieert.

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Dessen Gründer und Leiter Oumar Diallo bestätigte, dass für Afrikaner die Rückgabe von geraubtem Kulturgut lediglich eine symbolische Geste sei, sie es wichtiger fänden, über die Verknüpfung von geopolitischen und ökonomischen Interessen sowie bis in unsere Gegenwart fortwirkende koloniale und neokoloniale Strukturen aufzuklären. Nicht paternalistisches Gebaren, sondern Begegnung auf Augenhöhe, Respekt und Gleichberechtigung wünschten sich nicht nur seine Landsleute, so der aus Conakry in Guinea stammende Soziologe, der sich als ein »Kind der Unabhängigkeit« vorstellte; er war fünf Jahre alt, als 1958 das französische Joch abgeschüttelt werden konnte. In der Schule habe er erstmals von der Berliner Konferenz gehört. Als er Anfang der 90er Jahre an die Spree kam, suchte er nach dem historischen Ort. Niemand konnte ihm Auskunft gegeben, es gab keine Hinweistafel. Erst jüngst wurde eine solche in der Wilhelmstraße aufgestellt. Allein in Berlin-Mitte gebe es jedoch mindestens 27 mit deutscher Kolonialgeschichte verwobene Orte, so Diallo, gestützt auf neueste Recherchen. Hilfreicher als das Verbannen oder die Umbenennung von Relikten kolonialer Vergangenheit im Stadtbild, sagte der Vorsitzende des Vereins Farafina (in der westafrikanischen Sprache Malinka: Afrika), wäre die Anbringung erläuternder kritischer Kommentare. Ihn selbst habe beispielsweise die »Mohrenstraße« keineswegs gestört, »das ist ein Problem deutscher Aktivisten«. Wichtig war ihm auch anzumerken, dass es keine homogene afrikanische Community in der Bundesrepublik gäbe.

Und ja, geraubte Güter wie die Benin-Bronzen sollten zurückgegeben werden, aber durch die Welt reisen, als Weltkulturerbe. Für Afrikaner symbolisieren Museen den Tod. Ihre Kultur gehöre den Lebenden. Dass jedoch in der Berliner Charité noch immer sterbliche Überreste von Afrikanern lagern, darunter Schädel Gemeuchelter zwecks einstiger pseudowissenschaftlicher Studien, findet Diallo nicht nur despektierlich, sondern kriminell. »Wir wollen kein Mitleid«, betonte er, »wir wünschen uns Sensibiliät für die wahren Probleme der Afrikaner« - die kolonialer Vergangenheit und neokolonialer Praktiken geschuldet sind. Wobei Diallo nicht auch Versagen und Verfehlungen afrikanischer Regierungen negieren wolle. Der engagierte Aufklärer, der auf jährlich an die 300 Veranstaltungen in seinem Afrika-Haus verweisen kann, forderte eine »Entberlinisierung« der westlichen Afrikapolitik; der Begriff spielt auf die Konferenz von 1884/85 an, auf der über die Köpfe der Afrikaner hinweg über deren Schicksal entschieden worden war. Was noch heute vielfach Usus ist.

Fekadu Bekele, der Entwicklungsprojekte in Afrika berät, artikulierte sein Unbehagen mit dem Wort »Postkolonialismus«. Diese gemeinhin gängige Formel suggeriere, der Kolonialismus sei perdu. Dem sei jedoch nicht so. Die Methoden und Instrumente der Ausplünderung des afrikanischen Kontinents sind nur diffiziler. Darauf hatte auch Bollinger hingewiesen. Er sprach nach einem kurzen kolonialhistorischen Abriss – von der »Entdeckung« Amerikas durch Christopher Kolumbus 1492 bis zu den Kolonialreichen der Spanier, Portugiesen und Niederländer, Engländer und Franzosen – über die neue Stufe der Aneignung von natürlichen Ressourcen und billiger Arbeitskraft in Übersee durch die sich Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzende Allmacht des Finanzkapitals, das bis dato Welthandel und Weltpolitik diktiert. Neben Gold, Baumwolle, Kaffee, Kakao und Gewürze, die Begierden im Westen weckten, ist es heutzutage Grüner Strom, der keineswegs uneigennützige Investoren in Scharen nach Afrika ziehen lässt. Bollinger konstatierte aber auch wachsenden Widerstand im globalen Süden. Neue Bündnisse wie Brics »können eine Chance sein, den Kolonialsimus für immer aus der Geschichte zu werfen«.

Digital aus Ghana zugeschaltet referierte Nina Paarmann über die christlichen Kirchen als Mittler und Informanten für die kolonialen Ambitionen der Europäer, wozu auch die Implantation westlicher Hierarchisierung der Geschlechter gehörte. In traditionellen Gemeinschaften in Afrika hätten Frauen und Mütter eine respektierte, wenn nicht gar dominante Rolle gespielt. Mit der Einführung westlicher Werte ging die Marginalisierung weiblicher Existenzen einher; Frauen und Mädchen wurden auf Küche und Kinder reduziert, zum Beispiel im heutigen Ghana. Das änderte sich erst mit der Erlangung nationaler Unabhängigkeit unter Präsidenet Kwame Nkrumah. Nach dem mit westlicher Hilfe erfolgten Sturz des sich am sozialistischen Wirtschaftsmodell orientierenden und eine panafrikanische Union anstrebenden Politikers 1966 wurden die Räder der Geschichte zurückgedreht und vor allem unter dem Einfluss US-amerikanischer Evangelikaler erneut partriarchalische Strukturen etabliert. Ghana avancierte zudem zu einem Experimentierfeld von »Strukturanpassungen« der Weltbank, so Paarmann, die zurzeit an ihrer Dissertation am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität zu Berlin arbeitet. Passend hierzu berichtete Luregn Lenggenhager aus der Schweiz über die nach der Beseitigung des Apartheidregimes und Erlangung der Unabhängigkeit Namibias erfolgte sukzessive Konzentration von über einem Drittel des dortigen Bodens in den Händen einer einzigen privaten Firma, die einem Deutsch-Namibier gehört. Dieser spielt sich als Naturschützer auf, bietet jedoch höchst profitabel Touristen Kolonialromantik mit Safari und Jagd auf Großwild.

Deutsche Verbrechen in Afrika rief Aert van Riel, ehemaliger »nd«-Redakteur und derzeit Antirassismusreferent beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ins Gedächtnis. Er erinnerte an den Maji-Maji-Krieg mit bis zu 300 000 Toten, ein Drittel der damaligen Bevölkerung Ostafrikas, mehrheitlich Opfer einer von der deutschen »Schutztruppe« absichtlich zur Niederschlagung der gemeinsamen Erhebung verschiedener afrikanischer Ethnien herbeigeführten Hungersnot. »Maji« bedeutet auf Swahili Wasser. Nach Erkämpfung staatlicher Souveränität avancierte der Maji-Maji-Aufstand zu einem Symbol nationalen Widerstands, Denkmäler, Gedichte, Theaterstücke beförderten die Herausbildung eines tansanischen Nationalgefühls, so van Riel. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nahm das Wort Völkermord jedoch nicht in den Mund, als er jüngst vor Ort weilte.

Christina Focken analysierte, ob gegenwärtige Auseinandersetzungen mit deutscher Kolonialgeschichte eine Chance zum Bruch mit Rassismus bieten oder nicht vielmehr nur ein Feigenblatt sind. Die freie Journalistin lobte, dass erstmals im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung eine kritische Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit Deutschlands festgeschrieben worden sei. Sie beklagte aber, dass der Gegenwartsbezug fehle. Repräsentanten der Bundesrepublik entschuldigten sich zwar bei den einst unterdrückten und massakrierten Völkern formell, eine juristischen Anerkennung mit Konsequenzen wie Entschädigung und Wiedergutmachung werde jedoch gescheut. Einige Schätze aus Beutegut würden zwar zurückgegeben, allerdings an staatliche Stellen, nicht an die Stämme und Gemeinschaften, denen sie einst geraubt worden sind. Zudem kritisierte Focken, dass noch viel Unwissen hinsichtlich deutscher Kolonialverbrechen in der deutschen Bevölkerung zu registrieren sei, koloniales Vokabular noch im deutschen Sprachgebrauch geistere und unzeitgemäßes paternalistisches Gehabe in den Beziehungen der Bundesrepublik wie überhaupt westlicher Staaten zu afrikanischen Staaten zu beobachten sei.

Während einer Disskussionsrunde beanstandete ein sich als Lehrer an einer Sonderschule vorstellender Mann, dass die Vorbehalte bis hin zu aggressivem Verhalten gegen Sinti und Roma, Fremdenfeindlichkeit und tätliche Attacken auf Juden und Ausländer wie auch Ressentiments gegenüber geistig und körperlich beeinträchtigte Menschen einen in der deutschen Gesellschaft fortwabernden Rassismus bezeugen, der seiner Ansicht nach im Kontext kolonialer Denkstrukturen ungenügend bis gar nicht thematisiert werde.

Dem letzten Referenten, Ulrich van der Heyden, nunmehrigen Grandseigneur der deutschen kolonialhistorischen Forschung, war es vorbehalten, auf die frühzeitige und aufrichtige Problematisierung und Publizierung deutscher Kolonialvergangenheit in der DDR zu verweisen, wobei er namentlich Walter Markov, Helmuth Stoecker und Burchard Brentjes würdigte. Im Gegensatz zur alten Bundesrepublik gab es an ostdeutschen Universitäten, von Leipzig über Halle bis Rostock, spezielle Lehrstühle beziehungsweise Institute. Für Heyden, der an der Akademie der Wissenschaften der DDR bis zu deren Abwicklung gearbeitet hatte, ist wichtiger als die Rückgabe vereinzelter Mueumsstücke oder manch Straßenumbenennung die Übersetzung von Dokumenten deutscher Missionare, Gouverneure und Kommandeure sowie der Deutschen Kolonialgesellschaft, involvierter staatlicher Behörden und privater Unternehmen, um diese interessierter afrikanischer Seite zukommen zu lassen. Das wäre mehr als eine Geste und würde gewiss Anerkennung ernten.

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