• Kultur
  • Alles, was rechts ist

Reichsbürger: Die BRD existiert für sie nicht!

Alles, was rechts ist (Teil 6): Reichsbürger

  • Maik Martschinkowsky
  • Lesedauer: 3 Min.
In Schrebergärten, Landhütten und Gehöften regieren Könige und führen pflichtgetreu die Amtsgeschäfte des deutschen Reiches weiter.
In Schrebergärten, Landhütten und Gehöften regieren Könige und führen pflichtgetreu die Amtsgeschäfte des deutschen Reiches weiter.

Alles, was rechts ist: Die Rechten werden immer mehr, auch wenn manche beharrlich behaupten, sie seien gar nicht rechts, oder angestrengt versuchen, sich als etwas anderes auszugeben. Um einen Überblick zu behalten, wer und was sich mittlerweile alles in der rechten Ecke tummelt, analysiert der Satiriker Maik Martschinkowsky im nd-Feuilleton jeden zweiten Dienstag die wichtigsten rechten Strömungen.

  • Reichsbürger sind auch bekannt als: militante Laubenpieper
  • Motto: »Mein Reich komme, mein Wille geschehe!«
  • Weltbild & Ziele: Es wird gemunkelt, die BRD existiere nicht. Denn weder, so heißt es, wurde direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ein Friedensvertrag geschlossen noch offiziell die Verfassung des deutschen Reiches abgeschafft. In Wahrheit also sei die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Staat und ganz Deutschland eigentlich nur von den Alliierten besetzt …
    Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Germanen bevölkertes Dorf, das wie gutes altes Streuobst über die heimatlichen Lande verteilt ist, leistet erbitterten Widerstand: In Schrebergärten, Landhütten und Gehöften regieren Könige über Hunderte von Quadratmetern und führen mit ihren Dutzenden Untertanen pflichtgetreu die Amtsgeschäfte des deutschen Reiches weiter. Bis eines Tages, so glauben sie, das deutsche Volk endlich aus seinem Barbarösschen-Schlaf erwachen und sich erheben wird. Womöglich gar, um einen neuen Kaiser zu krönen. Denn das Kaiserreich, es sei des deutschen Volkes ureigenste Gangart.
  • Erscheinungsbild: Reichsbürger bevorzugen wetterfeste Kleidung, schon wegen des häufigen Gegenwinds. Zu besonders feierlichen Anlässen schlüpfen einige aber auch gern in deutsch gemeinte Fantasie-Trachten, die irgendwo zwischen bayerischer Lederhose, Zimmermannskluft und Zieruniform rangieren. Im Trend liegen dabei zu jeder Saison die Farben Schwarz, Weiß und Rot.
  • Auftreten & Charakter: Innerhalb ihres Roheitsgebiets begrüßen Reichsbürger uneingeladene Besucher*innen häufig mit modernen Waffen. Ausflüge außerhalb ihres Reichs treten sie am liebsten in Grüppchen um feierlich in die Höhe gereckte Winkelemente an. Einzelausflüge, insbesondere zu Gerichtsterminen der von ihnen verhassten BRD-GmbH, begehen sie nur äußerst widerstrebend. Manchmal so widerstrebend, dass sie persönlich abgeholt werden müssen.
  • Sonstige Merkmale: kleine Schildchen an den Gartentoren mit der Aufschrift »Hier entsteht ein neues Reich«
  • Spezialfähigkeit: Pässe selber basteln. Und Munition bevorraten.
  • Strategie: Sich möglichst lange hinter einem Zaun verstecken und hoffen, dass der Gendarm irgendwann frustriert die Suche aufgibt, damit man endlich seinen lang geplanten Streich spielen kann.
  • Wichtigste Medien: Man weiß nichts Genaues. Botenreiter, die einmal am Tag die neuesten Nachrichten und Kommentare von Facebook bringen, wären in jedem Fall konsequent.
  • Einfluss auf einer Skala von 1(Minimum) bis 10 (Maximum): allgemein eher so 3 bis 4, bei der deutschen Exekutive aber offenbar 5 bis 6
  • Marschieren gut mit: Rechtsesoteriker*innen, völkischen Siedlern, völkischen Ökos, Truthern, Burschenschaftler*innen und rechten Preppern
  • Interne Differenzen mit: Liberal-Konservativen, Bürgerlich-Konservativen und Neo-Eurasisten
  • Erzfeinde: deutsche Behörden, die Bundesrepublik Deutschland an sich, modernes Zeugs und Satanisten (warum auch immer)
  • Mögliche Gegenstrategie: Ein In-Aussicht-Stellen neuer Verhandlungen über die Souveränität des deutschen Reiches, sobald denn nur ein einstimmig anerkannter deutscher Kaiser gefunden würde, dürfte die einzelnen Klein-Königreiche hinlänglich beschäftigen.
Werde Mitglied der nd.Genossenschaft!
Seit dem 1. Januar 2022 wird das »nd« als unabhängige linke Zeitung herausgeben, welche der Belegschaft und den Leser*innen gehört. Sei dabei und unterstütze als Genossenschaftsmitglied Medienvielfalt und sichtbare linke Positionen. Jetzt die Beitrittserklärung ausfüllen.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal