Prosit Neujahr mit M & M’s

Mit Marx, Mehring und Münzenberg wird »nd« auch das Jahr 2024 bestreiten – diesmal aber mit einem neuen Druckort

  • Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.
Die Friedrich-Engels-Straße in Potsdam auf einer DDR-Postkarte von 1968; inzwischen hat sich das Antlitz der Straße verändert, in der künftig »nd« gedruckt wird.
Die Friedrich-Engels-Straße in Potsdam auf einer DDR-Postkarte von 1968; inzwischen hat sich das Antlitz der Straße verändert, in der künftig »nd« gedruckt wird.

Was haben Karl, Franz und Willi gemeinsam? Sie sind Paten dieser Zeitung. Ob sie mit ihrem Patenkind stets zufrieden wären, können wir nicht wissen. Gewiss hätten sie aber unter all den täglichen Print-Erzeugnissen dieses Landes sich ebendieses Blatt für ihre Obhut erwählt, bemüht es sich doch, in deren Geist zu wirken: gegen Kriegstreiberei, Inhumanität und Rassismus, für Frieden, soziale Gerechtigkeit und »eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«.

Alle drei waren emsig publizistisch unterwegs: Marx, Mehring, Münzenberg. M hoch drei steht für geballten Esprit und Enthusiasmus, Debattierfreudigkeit und Streitlust, brillante Sprache und pointierte Kommentare zum Zeitgeschehen sowie unbestechliche Parteinahme für alle Unterdrückten, Ausgebeuteten, Entrechteten dieser Erde. Gewiss, alle drei umwehte ein bürgerlicher Habitus, sie labten sich an geistigen Genüssen, waren auch geistigen Getränken nicht abgeneigt. Obwohl im Hause Marx oft genug Schmalhans Küchenmeister war.

Selbst Münzenberg, dem als Sohn eines Dorfgastwirts keine akademische Ausbildung, nicht einmal ein höherer Schulabschluss vergönnt war und der sich jahrelang als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen musste, pflegte dann als sogenannter Roter Medienzar, wie ihn die bourgeoise Journaille neid- und ehrfurchtsvoll nannte, keinen »proletarischen Lebensstil«, er fühlte sich wohl in seinem komfortablen Heim in einem noblen Berliner Bezirk und bestand auf seine Lincoln-Limousine.

Und doch waren alle drei den arbeitenden Massen nahe wie heute kaum noch Publizisten und Politiker; sie sahen sich in den Kasematten um, scheuten keine verräucherten, stickigen Säle von Arbeitervereinen und suchten selbstredend auch die Setzer ihrer Artikel auf, Druckerschwärze nicht fürchtend. Kennt man heute nicht mehr.

Auch in der neuen Druckerei, in der diese Zeitung fürderhin aus Rotationsmaschinen quillt, macht man sich die Hände nicht schmutzig. Das Druckverfahren heute ist eine saubere Sache. Anders, als sich diese Zeitung noch Zentralorgan nannte. Damals mussten angehende Redakteure und Redakteurinnen ihren Einstand in der Druckerei geben. Die Erfahrung, wie mühselig händisches Heraus- und Umbrechen von Zeilen oder ganzer Absätze aus Setzkästen ob eventuell unkonzentrierter Arbeit der Schreiberlinge ist, war lehrreich. Und Beispiel für eine im »Realsozialismus« nicht nur propagierte, sondern durchaus auch praktizierte Zusammenarbeit von Hand- und Kopfarbeitern.

Die neue Druckerei des »nd« befindet sich in der Friedrich-Engels-Straße in Potsdam, einst Kaiserwahlbezirk, in dem die Sozialdemokratie trotz Bismarckscher »Sozialistengesetze« beachtliche Stimmerfolge erzielte – zum Ingrimm der preußischen Reaktion, die kaum einer so grandios entlarvte wie Mehring in seiner »Lessing-Legende«. Der Historiker, der die erste umfängliche Marx-Biografie vorlegte, saß im letzten Jahr der Hohenzollerndynastie (kurz vor seinem Lebensende) für die SPD im Preußischen Abgeordnetenhaus, Münzenberg später mit dem Mandat der KPD, die Mehring gemeinsam mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegründet hatte, gar im Reichstag.

Marx hingegen war lediglich die Rolle als kritischer Parlamentsbeobachter beschieden, die er indes genussvoll-spöttelnd ausfüllte. Die Frankfurter Nationalversammlung etwa, ein Kind der 1848er Märzrevolution, in der wie im Bundestag mehrheitlich Juristen und Lehrer die Bänke drückten, geißelte er ob fauler Kompromisse »mit dem alten Polizei- und Feudalstaat«. Und überhaupt: »Man unterhält sich hierüber, man spricht, bleibt stecken, man lärmt, man vertrödelt die Zeit und vertagt die Abstimmung.«

Ähnlich merkte Mehring später in »Die Neue Zeit« an: »Der Überfluß des deutschen Reichstages an Beredsamkeit ist immer ein Anzeichen dafür, daß es mit seinem praktischen Handeln, mit seinem praktischen Einfluss auf die praktischen Geschäfte des Landes schlecht bestellt ist ... Denn wenn ein Parlament umso mehr redet, je ohnmächtiger ist es ... Es verliert mehr und mehr sein Ansehen in den Volksmassen.«

Seine Empörung erregten ebenso die von Abgeordneten seiner Partei in Parlamenten geäußerten sowie in der Arbeiterpresse nach Entfesselung des Ersten Weltkrieges durch das Deutsche Kaiserreich zu lesenden hurrapatriorischen Aufrufe und Verunglimpfungen anderer Völker wie etwa gegen »die verschlagenen Japs, die hinterlistigen Briten, die ruhmredigen Franzosen, die verlogenen Belgier, die undankbaren Buren ...« etc., kurzum gegen alle »solche Salbadereien, wie sie heute jeder Philisterstammtisch massenweise produziert«. Sie nähren und schüren »afterpatriotische Gesinnung«, so Mehring. »Deshalb ist es die Aufgabe der Arbeiterpresse …, einem derartigen Treiben auch nicht das leiseste Zugeständnis zu machen, sondern ihm entgegenzutreten, wo sie kann. Wer anders handelt …, hilft nur neue Geißeln flechten für die Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung.«

Sein journalistisches Entree hatte Mehring in den 1880er Jahren in der »Volks-Zeitung. Organ für Jedermann aus dem Volke« gegeben, deren Chefredakteur er kurzzeitig war – schnöde entlassen, weil er für die Rechte der Frauen auf berufliche Selbstständigkeit eintrat. Danach war er für »Die Neue Zeit« tätig, die wichtigste theoretische Zeitschrift der SPD, und schließlich Chefredakteur der »Leipziger Volkszeitung«.

Marx hatte Redaktionsluft erstmals im Vormärz in Köln bei der »Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe« geschnuppert, wurde von den bürgerlichen Aktionären gar mit deren Leitung betraut, die ihm jedoch alsbald wieder entzogen wurde, wegen allzu radikaler Ansichten, die die preußische Zensur auf den Plan riefen. Sechs Jahre darauf gründete er mit Friedrich Engels sein eigenes Blatt, die »Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie«, in die er allerdings fast sein gesamtes finanzielles Erbe pumpte, zum Leidwesen der holden Gattin Jenny von Westphalen: »Tausende steckte er bar hinein, das Eigenthum der Zeitung übernahm er, beschwatzt durch die demokratischen Biedermänner.«

Doch auch der »Neuen Rheinischen« war kein langes Leben beschieden. Am 19. Mai 1849 erschien die letzte Ausgabe, ganz in Rot und mit einem »Abschiedwort« in Versform, geschmiedet von Ferdinand Freiliggrath – in beachtlichen 20 000 Exemplaren, die im Nu vergriffen waren. »Wenigen Zeitungen dürften in so kurzer Zeit so viele Abonnenten zugeströmt seyn, wie gerader der N.R.H.Z«, staunte ein bürgerliches Journal.

Und doch urteilte Engels über deren rédacteur en chef, seinen Freund Marx: »Er ist kein Journalist und wird nie einer werden. Für einen Leitartikel, den ein anderer in zwei Stunden schreibt, hockt er einen ganzen Tag, als handele es sich um die Lösung eines tiefen philosophischen Problems; er ändert und feilt und ändert wieder das Geänderte und kann vor lauter Gründlichkeit niemals zur rechten Zeit fertig werden.«

Ab 1852, von den Deutschland Beherrschenden für immer ins Exil verbannt, war Max über ein Jahrzehnt als Londoner Korrespondent der »New York Daily Tribune« tätig, die damals mit 200 000 Exemplaren weltweit auflagenstärkste Zeitung – was die pekuniäre Lage der Familie erfreulich aufbesserte. Laut deren Chefredakteur war der zweimal wöchentlich solide Beiträge abliefernde Jurist und Philosoph aus Trier »nicht nur einer der höchstgeschätzten, sondern auch einer der bestbezahlten Mitarbeiter unseres Blattes«.

Die größtmögliche publizistische Reichweite sollte indes der jüngste der drei Paten des »nd« verbuchen. Münzenberg erschuf das zweitgrößte Medienimperium der Weimarer Republik, Konterpart zum nationalkonservativen Medienkonzern von Alfred Hugenberg. Zu dem bis heute einzigartigen, unübertroffenen kommunistischen Unternehmen gehörten die von Millionen gelesenen Tageszeitungen »Welt am Abend«, »Berlin am Morgen«, »Unsere Zeit« und vor allem die legendäre »Arbeiter-Illustrierte-Zeitung« (AIZ), geboren aus einer Solidaritätskampagne gegen eine furchtbare Hungersnot in Sowjetrussland, sowie zwei Filmgesellschaften, »Prometheus Film« und »Weltfilm«. Münzenberg brachte nicht nur Sergej Eisensteins »Panzer Potjemkin« auf die Leinwände deutscher Kinos, sondern ermöglichte ebenso avantgardistische Filme wie »Kuhle Wampe«, an dessen Drehbuch Bertolt Brecht mitarbeitete.

Große internationale Aufmerksamkeit erfuhr das von Münzenberg mit Alexander Abusch und Albert Norden im Sommer 1933 in französischer Emigration herausgebrachte »Braunbuch« gegen Naziterror, zur Unterstützung der im »Reichtstagsbrandprozess« angeklagten Kommunisten um den bulgarischen Kommunisten und Komintern-Chef Georgi Dimiroff. In der 1938 ins Leben gerufenen Zeitschrift »Die Zukunft« warb er zusammen mit Arthur Koestler, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Alfred Döblin, Thomas Mann, Franz Werfel sowie weiteren klangvollen Namen um eine deutsche Volksfront gegen den Faschismus. Ob er im Juni 1940 im französischen Exil Opfer von gedungenen Gestapo- oder NKWD-Mördern wurde oder in verzweifelter Lage – die Wehrmacht war in Frankreich einmarschiert, Stalin hatte ihn exkommunizieren lassen – selbst Hand an sich legte, ist ungewiss.

Gewiss ist, dass der im nd-Gebäude am Berliner Franz-Mehring-Platz nach ihm benannte Saal auch 2024 Ort linker Debatten und angenehmer Begegnungen sein wird, ebenso wie das auf den Vornamen seiner Lebensgefährtin Babette Gross getaufte Café in dessen Vestibül. Und nun auch eine Druckerei in einer Friedrich-Engels-Straße, einst Berliner Chaussee genannt, auf der sich Könige, Kaiser und Prinzen von der Residenzstadt an der Havel in die Hauptstadt an der Spree kutschieren ließen, aber auch rote Agitatoren und Revolutionäre hin und rüber eilten. Das passt doch, oder?

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