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Deutsche Basketballerinnen wollen im Eiltempo zu Olympia

Viel Talent, aber wenig Zeit zum Einspielen. Mit wöchentlichen Zoom-Meetings bereitete sich das DBB-Team auf die Olympiaqualifikation vor

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 6 Min.
Auf Svenja Brunckhorst (M.) und Satou Sabally (l.) wird es bei der Olympiaqualifikation in Brasilien besonders ankommen.
Auf Svenja Brunckhorst (M.) und Satou Sabally (l.) wird es bei der Olympiaqualifikation in Brasilien besonders ankommen.

Verlängerung. 44 Sekunden sind nur noch zu spielen. Die deutschen Basketballerinnen versuchen sich gegen Tschechien schon zum zweiten Mal heranzukämpfen, doch noch immer liegen sie vier Punkte zurück. Bis Svenja Brunckhorst zum Dreipunktwurf ansetzt. Ihre ersten drei Versuche in diesem Platzierungsspiel bei der Europameisterschaft in Slowenien gingen alle daneben. Diesmal wird sie auch noch gefoult. Doch der Ball geht durch den Ring. Dreier plus Bonusfreiwurf, den sie auch trifft. Ausgleich. Eine Sekunde vor Schluss geht das Team sogar in Führung und weint nach der Schlusssirene gemeinsam vor Glück. Auch Brunckhorst, die Kapitänin der Auswahl des Deutschen Basketball-Bunds (DBB), kann diesen Moment im Juni 2023 nicht fassen. Denn plötzlich ist die Olympiateilnahme möglich.

Fast acht Monate später ist es nun soweit. Brunckhorst und Co. treten in Belém gegen Serbien, Australien und Gastgeber Brasilien an, um eins der drei letzten Tickets zu den Spielen in Paris zu ergattern. Nie zuvor haben es deutsche Basketballerinnen so weit geschafft. »An den Dreier denke ich gar nicht mehr so oft. Aber das Thema kam immer wieder auf, als wir über die Olympiaquali geredet haben. Das war ein ganz wichtiger Moment, um überhaupt bis hierhin zu kommen. Es war einer der wichtigsten Würfe meiner Karriere«, sagt die Spielmacherin im nd-Gespräch und hofft insgeheim, dass in den kommenden vier Tagen noch ein wichtigerer dazukommen möge.

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Die Olympiateilnahme in Paris wäre der Höhepunkt einer wundersamen und für sportliche Entwicklungsprozesse eigentlich viel zu schnellen Reise. Vor einem Jahr hatte das deutsche Team nicht mal einen Coach. Die Kanadierin Lisa Thomaidis wurde kurzerhand für die EM verpflichtet und musste bei der Nominierung noch auf ihre Assistenten vertrauen, da sie selbst die deutschen Spielerinnen noch nicht wirklich kannte. Trotzdem wurde dann mit Platz sechs das beste EM-Resultat seit Jahrzehnten und eben das Ticket zur Olympiaqualifikation in Brasilien gelöst.

Es war ein Beleg für die Fähigkeiten von Thomaidis an der Seitenlinie, aber auch für das große Talent, das im deutschen Nationalteam steckt. Das wurde bei zwei Länderspielen im November noch einmal vergrößert, da nun auch die in der US-Profiliga WNBA spielenden Sabally-Schwestern Satou und Nyara dazustießen. Die Tschechinnen, bei der EM noch auf Augenhöhe, wurden plötzlich mit 85:41 an die Wand gespielt. Doch dann, mitten im Hype, kam der Schock. Die Rekordkulisse von 3000 Fans in Hamburg musste mit ansehen, wie die Italienerinnen Deutschland mit 70:53 dominierten. Die DBB-Auswahl war offensichtlich doch noch nicht so weit, wie erhofft.

»Wir stecken noch in unseren Babyschuhen«, erinnert Thomaidis. Die EM sei ein großer Schritt gewesen. »Aber man muss ehrlich sein. Wir haben einige Stufen übersprungen. Andere Länder arbeiten vier oder sogar acht Jahre daran, ein Team zur Olympiaqualifikation zu bringen. Wir hatten einen Sommer und eine Woche im November. Daher fehlt uns die Erfahrung.« Eigentlich sollte erst bei der Weltmeisterschaft 2026 im eigenen Land der Durchbruch gelingen, Olympia stand erst 2028 auf dem Zeitplan des DBB, der nach dem WM-Titel der Männer nun die Frauen verstärkt fördern will. Und so sei ihr Team klarer Außenseiter in Belém, so Thomaidis, die nach dem Überraschungserfolg bei der EM mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet worden ist. Schließlich ist man nur 25. der Weltrangliste. Australien (3), Brasilien (8) und Serbien (10) sind alle unter den Top Ten. »Aber wir sind ein Außenseiter mit einer großen Gelegenheit«, so Thomaidis.

Die Erfahrungslücke sei nicht so schnell zu schließen. Dennoch wurde alles getan, um sie zu verkleinern. »Wir sind als Team schnell eine Verpflichtung eingegangen, dass wir uns virtuell immer wieder treffen würden. Anfangs alle zwei Wochen, seit Weihnachten jede Woche«, beschreibt die 51-Jährige das Ritual der regelmäßigen Zoom-Meetings, in denen dann auch immer mal wieder jene Erinnerung an Brunckhorsts Dreier von Ljubljana aufpoppte. »Vor allem aber haben wir unsere Identität, unsere Werte, unsere Spielkultur definiert«, berichtet die Kapitänin. Teambuilding per Zoom-Call. Denn in Brasilien bleibt dafür keine Zeit. »Auf jeden Fall sind wir zusammengewachsen.«

Auch diverse Spielsysteme hat die Trainerin virtuell aufgezeigt. Daran hatte es im November noch gefehlt. Ebenso am Verständnis, welche Lieblings-Wurfpositionen die einzelnen Teamkameradinnen haben. »Ich hoffe, dass das funktioniert. Wie die Umsetzung aussieht, weiß man aber erst im Spiel. Aber ich glaube, dass wir auf und neben dem Feld eine andere Mannschaft sind als noch im November«, meint Brunckhorst.

Ohne die Klatsche gegen Italien wäre es wohl nicht zu diesem Gefühl der Dringlichkeit gekommen. »Diese Niederlage war ein Geschenk für uns«, meint die Bundestrainerin. »Sie hat uns gezeigt, dass wir nicht einfach auflaufen können, und unser Talent regelt dann schon alles. Im Basketball gewinnt, wer ein solides Teamspiel drauf hat, den Ball gut verteilt, sich ohne ihn bewegt und gemeinsam verteidigt. Hätten wir im November beide Spiele gewonnen, hätte uns die Einsicht gefehlt, dass wir zusammenhalten müssen. Man lernt so viel aus Niederlagen, insofern war das wirklich wichtig für uns.«

Nur Emily Bessoir fehlt nun verletzt im Kader für die Qualifikation. Ansonsten hat Thomaidis alle Wunschspielerinnen beisammen. Auch die 20-jährige Lina Sontag, die bei der EM ihren Durchbruch gefeiert hatte, erhielt mitten in der Saison eine Freigabe von ihrem US-College in Los Angeles. An Talent und einer gesunden Mischung aus jungen und erfahrenen Spielerinnen mangelt es also nicht. Nur an Zeit. Fünf Tage, mehr gab es nicht fürs Training vor dem ersten Duell gegen die Serbinnen an diesem Donnerstag (21 Uhr, kostenlos im Livestream auf magentasport.de). Die Gegnerinnen reisten später an, weshalb sich das DBB-Team einen Vorteil erhofft. Schließlich blieb den Deutschen mehr Zeit, um sich an den Jetlag, die hohen Temperaturen und das schwüle Regenzeitklima in Brasilien anzupassen.

Und wenn das nicht ausreicht, muss es eben der neu gewachsene Zusammenhalt richten. »Um nach Paris zu kommen, brauchen wir einen herausragenden Teamgeist«, betont die erfahrene Thomaidis, die ihr Heimatland Kanada schon dreimal zu Olympia führen konnte. »Und wir brauchen die Einstellung, dass wir nichts verlieren können, denn solche Teams können sehr gefährlich sein.«

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