Arsen in Bangladesch: Schleichende Vergiftung

Bangladeschs Trinkwasser ist stark mit Arsen belastet. Der Klimawandel droht, das Problem zu verschärfen

  • Thomas Berger
  • Lesedauer: 5 Min.
Viele Trinkwasserbrunnen in Bangladesch überschreiten Grenzwerte für Arsen deutlich.
Viele Trinkwasserbrunnen in Bangladesch überschreiten Grenzwerte für Arsen deutlich.

Arsen im Trinkwasser – das ist gerade in Bangladesch, wo viele Menschen Brunnen nutzen, ein keineswegs neues Problem, von dem schon bisher Millionen Familien betroffen sind. Künftig könnten es noch deutlich mehr werden: Laut jüngsten Untersuchungen droht der fortschreitende Klimawandel, unter dem das südasiatische Land bereits heute stärker als andere zu leiden hat, die Belastungen dieses grundlegendsten Lebensmittels weiter zu verschärfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Mitte Januar publizierte Studie.

Bis zur Eigenstaatlichkeit Bangladeschs Anfang der 70er Jahre hatten die Einwohner*innen des Landes ihren Trinkwasserbedarf vorrangig aus oberirdischen Quellen gedeckt. Damals allerdings begannen Regierung, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) sowie diverse Nichtregierungsorganisationen im großen Stil damit, landesweit Brunnen zu bohren – schätzungsweise zehn bis elf Millionen sollen es im Laufe der Zeit geworden sein. Die generelle Wasserversorgung, gerade für Kinder, mag dies vielerorts zwar entschieden verbessert haben. Doch der gesicherte Nachschub kommt nicht ohne negative Begleiterscheinungen. Denn gleich 49 Prozent der angezapften Grundwasserschichten gelten als arsenverseucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft alle Werte über zehn Mikrogramm pro Liter als gefährlich ein – in Bangladesch liegen die Belastungen zumeist aber weit höher. Der längerfristige Konsum deutlich arsenhaltigen Trinkwassers führt unter anderem zu einem rapiden Anstieg der Zahl diverser Krebserkrankungen bei der lokalen Bevölkerung. Über die Blutbahn wird das Arsen in alle Organe transportiert, lagert sich in Lungen, Leber, Hautgewebe und sogar in Bereichen des Gehirns ab.

Notfall für die öffentliche Gesundheit

Die WHO listet auf ihrer Webseite zwar auch Indien, Pakistan und Nepal in der regionalen Nachbarschaft sowie Argentinien, Chile, Mexiko und Kambodscha als stärker betroffene Länder auf, selbst größere Gebiete in den USA und in China leiden unter der Kontamination örtlicher Trinkwasservorkommen. Nirgendwo auf dem Globus erreicht das Problem aber die Dimension, die es seit Jahrzehnten in Bangladesch entfaltet. Im WHO-Bulletin bezeichneten Mahfuzar Rahman, Teamchef der in Dhaka ansässigen Entwicklungshilfeorganisation Bangladesh Rural Advancement Committee (BRAC) und zwei Ko-Autoren die Situation bereits im Jahr 2000 als »Notfall für die öffentliche Gesundheit«. Nahezu zeitgleich ging damals Masud Karim in einem auf dem Portal Sciencedirect.com veröffentlichten Artikel unter Verwendung von Patientenzahlen diverser Kliniken auf die großen Gefahren ein. Erste Untersuchungen gibt es aber schon aus den frühen 90er Jahren.

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Das Arsen wird insbesondere mit Untergrundsedimenten im Flusssystem von Ganges und Brahmaputra, im Himalaja entspringend, in den Boden eingetragen und durch bestimmte chemische Prozesse so gelöst, dass es bis ins Grundwasser gelangt. Obwohl der gesetzliche Grenzwert in Bangladesch mit 50 Mikrogramm pro Liter sogar beim Fünffachen dessen liegt, was die WHO noch als vertretbar einstuft, liegen die realen Belastungen mit Werten von 100 bis 300 Mikrogramm häufig noch weit darüber, heißt es in einer aus dem Jahr 2022 stammenden Studie eines Teams der Jichi Medical University School of Medicine aus Japan. Neben dem stark erhöhten Krebsrisiko listet das dreiköpfige Autorenteam diverse andere Folgen auf: Schwangere litten unter häufigen Früh- und Totgeburten, Kinder kämen mit extrem geringem Gewicht zur Welt und zeigten auch später Wachstumsstörungen, einen niedrigen IQ, ein anfälliges Immunsystem oder neurologische Probleme. Etwa 50 Millionen Menschen in Bangladesch, heißt es in einem anderen Beitrag von 2018, seien diesen Gefahren latent ausgesetzt – das sind mehr als ein Drittel jener 140 Millionen weltweit, die die WHO als von erhöhten Arsenkonzentrationen bedroht einstuft. Laut früheren Studien gibt es in 62 der 64 Verwaltungseinheiten des Landes erhöhte Arsenkonzentrationen im Trinkwasser, akut ist die Lage mit 80 bis 100 Prozent verseuchter Brunnen vor allem im einem breiten Streifen unmittelbar südlich der Hauptstadt Dhaka.

Längerer Monsun verändert die Chemie

Zu den gesundheitsschädlichen Arsenverbindungen zählt vor allem das wasserlösliche Arsenik (Arsen(III)-oxid, As2O3). Fehlt ausreichend Sauerstoff, damit das Arsen in weniger gefährlichen, unlöslichen Salzen der Arsensäure (Arsenate) gebunden werden kann, wird es freigesetzt. Eben diesen Mangel an Sauerstoffeinträgen aus der Atmosphäre gibt es, wenn Flächen in der Monsunzeit wochenlang überflutet sind. Doch nicht nur immer längere Überflutungsphasen durch den Klimawandel verstärken das Problem, so die aktuelle Studie. Auch der sogenannte Salzeffekt spielt eine Rolle: Dabei wird Arsen aus verschiedenen Mineralien (insbesondere Eisen- und Manganverbindungen) herausgelöst und in die Grundwasserbrunnen gespült. Die Untersuchungen legten nahe, »dass jeder Prozess, der den Salzgehalt erhöht, wie etwa jährliche Überschwemmungen, durch den Salzeffekt voraussichtlich die Freisetzung von Arsenoxyanionen aus Sedimenten in das Trinkwasser von Bangladeschs Brunnen erhöht«, so das Autorenteam – ein Faktor, der besonders auf die südlichen Landesteile zutrifft, wo das Delta von Ganges und Brahmaputra in den Golf von Bengalen mündet und sich das Steigen des Meeresspiegels infolge des Klimawandels entsprechend auswirkt. Salzwasser dringt so immer mehr bis ins Landesinnere vor.

»Eine chronische Arsenvergiftung durch Trinkwasser (…) ist ein echtes Problem, keine theoretische Übung«, wird Seth Frisbie, Hauptautor der Studie, im britischen »Guardian« zitiert. Der Chemiker, Professor emeritus der Norwich University, verweist als gravierendes Beispiel auf ein Dorf, das er besucht habe: Keiner der Menschen dort sei älter als 30 gewesen, so extrem seien offenbar die vorzeitigen Sterbefälle. Einer der Brunnen, die Frisbie untersuchte, wies sogar einen Wert von 448 Milligramm Arsen pro Liter auf. Schon länger ist in Bangladesch wegen des Arsens von der »größten Massenvergiftung weltweit« die Rede.

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