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Lehrkräftemangel beheben mit neuen Stellschrauben

Die Schulen verändern sich, entsprechend muss sich auch die Lehre weiterentwickeln, meint der Bildungsexperte Rackles

Die Ausgangssituation ist klar. Es fehlen Lehrkräfte an den Schulen. Zwar werden bereits deutlich mehr Lehrkräfte ausgebildet, dennoch geht die Kultusministerkonferenz noch immer davon aus, dass bis 2035 rund 68 000 Lehrkräfte in den Schulen fehlen werden. Die Politik dringt auf schnelle Lösungen, sie will die Attraktivität des Studiums und des Berufs erhöhen und möchte mehr Ausbildungskapazitäten schaffen. Auch Quereinsteigern ermöglicht sie vermehrt Zugang zu den Schulen. Der Bildungsexperte Mark Rackles sieht auch einen Reformbedarf bei der Lehramtsausbildung. Zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung stellte er am Dienstag Handlungsempfehlungen vor.

Ein weitreichender Vorschlag von Rackles ist die Einführung einer dualen Ausbildung. Schon im Bachelor-Master-Studium soll es demnach Praxisphasen geben, in denen die Studierenden unterrichten sollen. Das bisherige Doppelsystem – bestehend aus dem Studium sowie einem anschließendem Referendariat – könnte damit abgelöst werden.

»Thüringen wird dieser Idee folgen«, erklärte Helmut Holter (Linke), Bildungsminister des Freistaats, bei der Präsentation. »Ab dem Wintersemester 2024/25 wird an der Universität Erfurt der Studiengang für das Regelschullehramt eingeführt.« Der Plan sieht vor, dass die Studierenden ab dem dritten Semester an zwei Tagen in der Woche an einer Schule praktisch ausgebildet werden. An den anderen drei Tagen besuchen sie an der Uni Seminare. Thüringen ist dazu berechtigt. Zuständig für die Lehrkräfteausbildung sind nämlich die Kultusministerien der Länder.

Rackles, der von 2011 bis 2019 Staatssekretär in Berlin war, schlägt außerdem vor, dass die Ausbildung nicht mehr nach Schulformen (also Gymnasium oder Haupt- und Realschule) erfolgen soll, sondern nach Jahrgangsstufen. Das ist eine Forderung, die auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vertritt. Rackles präferiert dafür zwei Lehrämter, das eine für die Jahrgänge 1 bis 10, das andere für die Jahrgänge 5 bis 13. Es gebe schon Bundesländer wie Bremen oder Berlin, die das umsetzen, sagte Rackles. Auch Holter würde dies in Thüringen gerne einführen. In der Koalition aus Linke, Grünen und SPD gebe es darin Einigkeit. Doch die CDU unterstütze das Vorhaben nicht und blockiere die Minderheitsregierung im Freistaat.

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Weitere Stellschrauben sieht Rackles beim Ausbildungsort. Die Universitäten sollten generell nicht mehr alleine für die Ausbildung zuständig sein, auch die Kompetenz von Fachhochschulen müsse genutzt werden. Und innerhalb der Hochschulen brauche es Fakultäten für Lehrkräftebildung – bislang sind die Studierenden ihren Fächern zugeordnet. Eine reformierte Studienstruktur »birgt großes Effizienz- und Innovationspotenzial für eine berufsfeldbezogene Ausbildung«, ist sich Rackles sicher.

Außerdem empfiehlt er, davon abzurücken, Lehrkräfte grundsätzlich in zwei Fächern auszubilden. Dadurch könnten die Didaktik und die Bildungswissenschaften gestärkt werden. In der Ausbildung sei es laut Rackles ein Dilemma, dass zu viele Themenfelder vermittelt werden müssten.

Tatsächlich hat sich die Schule in den vergangenen Jahren sehr verändert. Die Schüler sind heterogener; Inklusion gehört genauso zum Alltag wie die Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Zudem spielt die Digitalisierung im Unterricht eine immer größere Rolle. Rackles sieht einen Bedarf an systematischen Fortbildungen beim Personal und spricht von einem »Weiterbildungsmaster«. Diese Anregung ist nicht neu, ebenso wie über viele seiner Vorschläge schon länger diskutiert wird. Eine Vision skizziert Rackles nicht, wohl aber eine umfassende Reform. Und er hofft, dass bereits 2024 einige Punkte davon umgesetzt werden.

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