Gashändler VNG ergrünt langsam

Größtes ostdeutsches Unternehmen nach schwerer Krise mit unerwartet hohem Gewinn

  • Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Die tiefen Sorgenfalten sind verschwunden. Als der Leipziger Gashändler VNG vor einem Jahr seine Bilanz vorlegte, schien unsicher, wie viele derartige Veranstaltungen es überhaupt noch geben würde. Wegen des Wegfalls der Erdgaslieferungen aus Russland und der enorm teuren Ersatzbeschaffung aus anderen Quellen verzehrte der Konzern, der mit immerhin 1700 Beschäftigten das größte Unternehmen mit Sitz in Ostdeutschland ist, sein Eigenkapital in atemberaubenden Tempo; zeitweise hatte sogar eine Verstaatlichung im Raum gestanden. Zwölf Monate später wird eine gänzlich andere und wesentlich optimistischere Bilanz gezogen. Im Jahr 2023 habe man ein »außergewöhnliches Ergebnis« erwirtschaftet, das »weit über unseren Erwartungen liegt«, sagte Vorstandschef Ulf Heitmüller, um die Euphorie freilich sofort ein wenig zu bremsen: 2024 werde sich »diese Gewinnsituation nicht wiederholen« lassen.

Konkret hat VNG, das sein Geld vornehmlich mit Handel, Transport, Vertrieb und Speicherung von Erdgas verdient und aus der 1958 gegründeten, damals in Dessau ansässigen Technischen Leitung Ferngas hervorging, im vergangenen Jahr einen Gewinn von 380 Millionen Euro erzielt. 2023 hatte unter dem Strich noch ein Minus von 337 Millionen Euro gestanden. Dabei lag der Umsatz mit 23,2 Milliarden Euro rund ein Drittel unter den 36,2 Milliarden des vorangegangenen Jahres. Grund war die Entwicklung der Gaspreise, sagte Finanzvorstand Bodo Rodestock. 2022 waren diese teils auf das Zehnfache des Üblichen explodiert, was sich in einem über die Maßen aufgeblähten Umsatz niederschlug.

Dem standen freilich enorme Mehraufwendungen für den Einkauf des Gases gegenüber, die das Unternehmen an den Rand des Ruins brachten. Vor Jahresfrist mussten für eine Kilowattstunde Erdgas drei Euro bezahlt werden, derzeit werden an Handelsbörsen nur noch drei Cent fällig. Allerdings liege das Niveau immer noch über dem vor dem Ukraine-Krieg, als zeitweise sogar »negative Erdgaspreise« im Raum gestanden hätten, wie Heitmüller erinnerte. Der VNG-Vorstandschef rechnet damit, dass die Preise »perspektivisch ein Stück weit so bleiben«. Allerdings seien Schwankungen wahrscheinlicher als in der Vergangenheit.

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Früher bezog das Unternehmen sein Erdgas aufgrund von stabilen Langfrist-Verträgen praktisch ausschließlich aus Russland. Von dort war 1973 das erste Erdgas bezogen worden. Die Beziehungen überlebten das Ende von DDR und Sowjetunion. Bis 2015 hielt die russische Gazprom sogar einen direkten Anteil von 10,52 Prozent an VNG; bis dahin wurden Bilanzpressekonferenzen simultan ins Russische übersetzt.

Der Überfall auf die Ukraine traf diese Beziehungen ins Mark. Inzwischen sind die Verbindungen »komplett gekappt«, wie Heitmüller sagt. VNG bezieht sein Gas jetzt über direkte Verträge aus Norwegen und zu einem kleineren Anteil aus Algerien; zudem wird es an den internationalen Märkten eingekauft. Dort wird auch LNG, also verflüssigtes Erdgas, bezogen, das zu 85 Prozent aus den USA stammt und bei dem die Preise stärkeren Schwankungen unterliegen. Man sei, sagt Heitmüller, »jetzt stärker eingebunden in globale Preissetzungen«.

Handel und Speicherung von Erdgas werden auch in naher und mittlerer Zukunft das wichtigste Betätigungsfeld für VNG bleiben. »Klar ist: Wir brauchen noch über einen längeren Zeitraum Erdgas, um die Versorgung Deutschlands sichern zu können«, sagt Heitmüller. Der endgültige Ausstieg sei erst für das Jahr 2045 geplant, auch wenn der Anteil am Energiemix sukzessive sinken werde.

An die Stelle des fossilen und damit klimaschädlichen Energieträgers werden nach und nach »grüne« Brennstoffe treten, vor allem Wasserstoff und Biogas. VNG bereitet sich auf diese Zeit vor. Schon jetzt betreibt eine Tochter 40 Biogasanlagen mit einer Kapazität von 178 Megawatt. Diese könnten jährlich 120 000 Haushalte versorgen, sagte VNG-Technikvorstand Hans-Joachim Polk. Er räumte ein, dass der Anteil der grünen Gase am Konzernumsatz bisher »zu vernachlässigen« sei. Finanzchef Rodestock bezifferte ihn auf 100 Millionen Euro. Er merkte aber an, man habe bereits 200 Millionen Euro in dem Bereich investiert. »Das ist etwas für die Zukunft«, sagte Polk und betonte, man wolle künftig in dem Umfang mit Wasserstoff handeln, wie das jetzt mit Erdgas der Fall sei.

Der Brennstoff der Zukunft soll aus verschiedenen Quellen stammen. Einen Teil will VNG selbst erzeugen. In Bad Lauchstädt wird dafür eine Pilotanlage errichtet. Das Unternehmen kündigte an, einen Elektrolyseur mit einer Kapazität von 30 Megawatt bauen zu wollen, in dem mithilfe von Strom aus acht Windrädern grüner Wasserstoff erzeugt werden soll. Allerdings könne der Wasserstoffbedarf in Deutschland, den VNG auf 90 bis 130 Terawattstunden im Jahr 2030 beziffert, nicht ausschließlich im Inland gedeckt werden – und auch nicht nur aus grünem Wasserstoff. Es sei »wichtig, daneben auch dekarbonisierten Wasserstoff zu berücksichtigen«, sagte Polk. VNG will diesen in Rostock beispielsweise aus norwegischem Erdgas erzeugen. Das abgeschiedene Kohlendioxid soll in eigenen Offshore-Lagerstätten vor der norwegischen Küste verpresst werden.

Heitmüller begrüßte es in diesem Zusammenhang, dass sich die Bundesregierung zuletzt »intensiv« mit dem Thema CO2-Abscheidung beschäftigt habe. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte Ende Februar angekündigt, man wolle die Voraussetzungen dafür prüfen, klimaschädliches Kohlendioxid künftig abscheiden und speichern zu können. Umweltverbände kritisieren die Pläne vehement.

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