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Tohuwabohu um Tucholsky-Museum

SPD, CDU und Linke wollen Rheinsbergs Bürgermeister zur Abgabe des Museums an den Landkreis zwingen

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky sei ein politischer Autor gewesen, aber auch ein poetischer Dichter, den seine Leser bis heute bewundern, sagt der Literaturwissenschaftler Peter Böthig, der bis zu seinem Ruhestand Ende März das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg leitete. Tucholsky habe klar Stellung bezogen für die Demokratie und gegen die Auflösungstendenzen der Weimarer Republik, als die Faschisten stärker wurden. »Er ist 1933 aus Deutschland verjagt und 1935 in den Freitod getrieben worden mit nur 45 Jahren«, erinnert Böthig. »Das sollten wir nicht vergessen. Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung.« Else Weil, Vorbild für Claire Pimbusch – Hauptfigur in Tucholskys Bestseller »Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte« – sei 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden.

»Wir wollen alles versuchen, unser Museum in Rheinsberg zu retten«, versichert am Dienstag Burkhardt Stranz, CDU-Fraktionschef in der Stadtverordnetenversammlung. Ein anderes Tucholsky-Museum gibt es nicht. Die CDU verlangt gemeinsam der SPD- und der Linksfraktion eine Sondersitzung der Stadtverordneten am 29. April. Dort sollte dann nach ihrem Willen beschlossen werden, dass Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow (Freie Wähler) eine Vereinbarung mit dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin unterschreiben muss, derzufolge die Stadt das Museum an den Landkreis überträgt. Die Sammlung, deren Wert mit 620 000 Euro beziffert wird, soll die Stadt dabei an Ostprignitz-Ruppin verkaufen.

Mit dem Verkauf würde die Stadt eine Summe in die Hand bekommen, die sie tatsächlich für Straßen und Schulen verwenden könnte, wirbt Linksfraktionschef Freke Over für eine solche Lösung. Bisher zahle die Stadt 170 000 Euro im Jahr für das Museum. Das seien aber zweckgebundene Mittel aus der Kurtaxe der Übernachtungsgäste der Stadt und aus der Tourismusabgabe von Hoteliers, Gastwirten und anderen. Rund 600 000 Euro Kurtaxe im Jahr nehme Rheinsberg ein, erläutert Over. Bei der Tourismusabgabe ist er sich nicht sicher, hat aber dunkel in Erinnerung, dass es etwa 500 000 Euro seien.

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CDU-Kommunalpolitiker Stranz hat nach eigenen Angaben von Stadtverdneten der Freien Wähler gesagt bekommen: »So ein Museum können wir uns nicht leisten. Das werden wir wohl schließen müssen.« Bürgermeister Schwochow sei da »geschickter«. Der sage so etwas nicht. Er wisse, was das auslösen würde.

Linksfraktionschef Over unterstreicht die Bedeutung des Museums: »Rheinsberg ist die Tucholsky-Stadt.« Ansonsten werde der Ort mit dem preußischen König Friedrich II. verbunden, der als Kronprinz im hiesigen Schloss lebte, bis er 1740 den Thron bestieg und Rheinsberg verließ. Außerdem noch mit Friedrichs jüngerem Bruder Prinz Heinrich, der das Schloss dann geschenkt bekam und hier ab 1753 einen Musenhof etablierte. Das zusammen sei das »Alleinstellungsmerkmal« von Rheinsberg, argumentiert Over. »Wir haben schöne Seen, aber die haben andere auch.«

Over wirft den Freien Wählern vor, dass sie in Rheinsberg bei der Kommunalwahl 2019 auch AfD-Mitglieder auf ihrer Liste antreten ließen und »die AfD rechts überholen«. Dass die Freien Wähler das Tucholsky-Museum nach seiner Einschätzung abwickeln wollen, dafür sieht der Linksfraktionschef ausschließlich »ideologische Gründe«.

Die Art und Weise, wie die Verhandlungen mit dem Landkreis angegangen worden sind, lassen auch für SPD-Fraktionschefin Ulrike Liedtke »den Schluss zu, dass Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow das Museum nicht will«. Schwochow selbst hat das aber bisher stets bestritten und lediglich darauf hingewiesen, dass das Angebot von Landrat Ralf Reinhardt (SPD) nicht attraktiv sei, wenn die Stadt Rheinsberg die wertvolle Sammlung aus der Hand geben und weiter einen erheblichen Zuschuss für den laufenden Betrieb des Museums zahlen solle.

Nach Overs Darstellung will Landrat Reinhardt zwar gern einen höheren Zuschuss der Stadt, 85 000 Euro im Jahr wären für diese aber tragbar – und damit würde Rheinsberg nur etwa halb so viel Geld in das Museum stecken wie bisher. Der Bürgermeister habe dagegen nur eine finanzielle Beteiligung von 14 800 Euro angeboten, sagt Over. SPD, CDU und Linke argwöhnen, es sei das Ziel der Freien Wähler, dass die Vitrinen einstauben und das Museum höchstens noch für Besucher auf- und zugeschlossen wird. So hätte es keine Zukunft und würde früher oder später von der Bildfläche verschwinden.

Das Tucholsky-Museum ist im Schloss Rheinsberg untergebracht. 9000 bis 10 000 Besucher im Jahr verzeichnete es vor der Corona-Pandemie und inzwischen sind die Zahlen nach einer Delle wieder auf diesem Niveau. Früher durfte das Literaturmuseum viele Jahre mietfrei im Schloss sein. Inzwischen erhalte die Stiftung preußische Schlösser und Gärten dafür 7000 Euro im Jahr, doch das Depot sei ab jetzt noch acht Jahre mietfrei, heißt es.

SPD, CDU und Linke haben zusammen keine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Selbst wenn die FDP mit ihnen stimmt, können sie gerade einmal ein Patt erreichen. Ob sie bei einer Sondersitzung einen Stadtverordneten der Freien Wähler zu sich herüberziehen können? Höchstwahrscheinlich nicht. Aber Rheinsbergs SPD-Fraktionschefin Liedtke, die zugleich Landtagspräsidentin ist, möchte diese Hoffnung nicht aufgeben. Die Sache soll nicht länger verschleppt werden. Am 9. Juni ist in Brandenburg Kommunalwahl.

Die Stadtverordnetenversammlung habe es am 8. April abgelehnt, die Sammlung des Museums zu verkaufen, wendet Bürgermeister Schwochow am Dienstag ein. Der Vorwurf, dass im Hintergrund ohne Beteiligung des Bürgermeisters und der Freien Wähler über die Zukunft des Museums verhandelt wurde, habe sich mit der eingereichten Beschlussvorlage von SPD, CDU und Linke bestätigt. »In dem Vertrag sind alle Details bereits geregelt, sogar wann welche Rate auf welches Konto eingezahlt werden soll«, stellt Schwochow fest. »Der Vertrag regelt ausschließlich Verpflichtungen, die die Stadt Rheinsberg zu erfüllen hat. Verpflichtungen auf Seiten des Landkreises OPR sind nicht vorhanden«, bemängelt er. Angesichts der bereits ausverhandelten Details gebe es keine Grundlage für ein nächstes Gespräch.

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