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Deutsche Reichsbahn: Geräuschlos und fast vergessen

Wolfang Scherz über die Abwicklung des DDR-Staatsbetriebes Deutsche Reichsbahn

  • Jutta Grieser
  • Lesedauer: 5 Min.
Wolfgang Scherz (l.) mit dem Chef der Deutschen Bahn, Heinz Dürr (Mitte), bei der Besichtigung von Immobilien der DDR-Reichsbahn
Wolfgang Scherz (l.) mit dem Chef der Deutschen Bahn, Heinz Dürr (Mitte), bei der Besichtigung von Immobilien der DDR-Reichsbahn

Wer war Elcano? Kaum einer kennt diesen Seemann, der 1521/22 die Welt als Erster umsegelte und dafür vom spanischen König zum Ritter geschlagen und mit einem Wappen geehrt wurde, das neben einigen Gewürzen, die er von der Reise mitbrachte, auch eine Erdkugel zeigte mit der Inschrift: »Primus circum dedisti me.« (Als Erster hast du mich umfahren.) Und nebenbei: Juan Sebastián Elcano führte präzise das Logbuch, und als die »Victoria« in Sevilla anlegte, stellte er erstaunt fest, dass man einen ganzen Tag »verloren« hatte, womit endgültig bewiesen war, dass die Erde nicht nur eine Kugel ist, sondern auch rotierte – um sich selbst und um die Sonne. Eine bahnbrechende Entdeckung in jener Zeit, von der Friedrich Engels schrieb, dass es »die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte«, gewesen sei, eine Zeit, »die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit«.

Elcano war ein solcher Riese. Doch kaum einer kennt ihn. Und warum nicht? Weil er kein Buch geschrieben hat. Statt nach seiner glücklichen Wiederkehr von dieser Mission, bei der vier (der fünf) Schiffe eingebüßt worden und zweihundert Seeleute gestorben waren – nur siebzehn kehrten mit ihm zurück –, sich hinzusetzen und das Erlebte niederzuschreiben, bereitete er schon die nächste Reise vor. Die sollte er nicht überstehen. Er starb, keine vierzig, an Unterernährung im Pazifik. So beweist denn das Schicksal Elcanos ex negativo, dass der Satz stimmt: Wer schreibt, der bleibt. Wer nicht geschrieben hat, wird eben vergessen …

Diese auch von Historikern beschworene Erkenntnis wird Wolfgang Scherz möglicherweise beseelt haben, als er die Bahn verließ und in Rente ging. Er war der Mann, der 1990 beauftragt wurde, Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn zusammenzuführen. Er brach in eine ihm unbekannte Welt auf. Fachlich gewappnet, aufgeschlossen und vorurteilsfrei dem DDR-Staatsbetrieb gegenüber, begleitete Scherz schließlich diese Fusion, die 1994 in die Gründung der Deutschen Bahn AG mündete. Der gelernte Bauingenieur berichtet als exklusiver Zeitzeuge und Strippenzieher, wie dies geschah. So geräuschlos nämlich, dass heute sich kaum jemand noch daran erinnert. Es handelt sich also um ein weitgehend unbekanntes Kapitel der deutschen Wiedervereinigung. Scherz hat es aufgeschrieben. Das allein ist bereits des Erwähnens wert. Aber da ist noch mehr, was explizit gewürdigt werden muss.

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Scherz arbeitete in der Zentrale der DB in Frankfurt am Main. Die Bundesbahn war hochgradig reformbedürftig. Die Fachleute prognostizierten bis Ende der neunziger Jahre einen Schuldenberg von 140 Milliarden D-Mark. Wenn der Status quo beibehalten würde. Die westdeutschen Eisenbahner sahen durch die staatliche Vereinigung eine Chance, ihren eigenen Laden zu reformieren – fürchteten zugleich jedoch, noch tiefer in die roten Zahlen zu rutschen, würden sie den größten Betrieb der DDR übernehmen. Doch als der aufgeschlossene Scherz Ostern 1990 die DR-Bilanzen studierte, war er baff: »Das führende Transportunternehmen in der Deutschen Demokratischen Republik machte Gewinn! Die Infrastruktur der Reichsbahn war marode, nicht das Personal. Die Führungskräfte haben in der Regel eine fantastische fachliche Ausbildung gehabt: Lehre und Abitur und Studium. Diese Verbindung Lehre und gleichzeitig Abitur war ein Gewinn für die Bahn. Faktisch waren diese Leute bereits bei Beginn des Studiums in Dresden oder an anderen Stellen in den Grundbegriffen ausgebildete Eisenbahner. Viele Kollegen der Bundesbahn konnten eisenbahnspezifisch da nicht mithalten.« So beschreibt der Beamte im gängigen Behördendeutsch seine überraschende Entdeckung. Und er singt das hohe Lied auf Ethik und Arbeitsmoral der DDR-Eisenbahner. Zum Beispiel: »Die Reichsbahn hat Dank ihrer Fachleute Fahrpläne konzipiert, die nicht nur funktionierten, sondern auch eingehalten wurden. Die Reichsbahn war dadurch ein verlässlicher Partner für die Bürger und für die Wirtschaft.« Angesichts aktueller Probleme der Bahn macht man sich bei solchen Ansagen seine Gedanken.

Auf die provokante Frage im vorangestellten Interview, ob denn die Vorgaben bei der DDR-Bahn nicht zu ideologisiert gewesen seien, antwortet Scherz: »Nein. Allenfalls die Kadervorschrift. Und selbst die war recht modern. Man hätte sie in jedem westlichen Unternehmen einsetzen können, um erfolgreich Führungskräfte zu entdecken und zu fördern. Man hätte nur die Worte ›sozialistisch‹ und ›SED‹ streichen müssen, dann hätte man sofort danach arbeiten können. Das waren klare, fachlich hervorragende Richtlinien.«

Solche Urteile bereiten, wenn auch spät, eine gewisse Genugtuung. In dieser Hinsicht sind die kaum von westdeutscher Siegermentalität beeinflussten Erinnerungen auch ein solider Beitrag in der Aufarbeitung der Aufarbeitung. Sie revidieren die drei Jahrzehnte gepflegten Vorurteile und Klischees, die politisch absichtsvoll verbreiteten Narrative. Gewiss hat sich der Westdeutsche Scherz nicht mit dieser Absicht zum Schreiben hingesetzt, aber das tut er, weil er fair und anständig und eben objektiv urteilt. Scherz würdigt auch den Umstand, dass die Regierung Modrow und die Regierung in Bonn dafür sorgten, »dass die Reichsbahn nicht in die Zuständigkeit des Finanzministers gelangte«, will heißen: der Treuhand unterstellt wurde. So habe man unter anderem »betriebsbedingte Kündigungen« vermeiden können. Die DR zählte damals etwa 220 000 Kollegen.

Auch kuriose Dinge spricht Scherz an, etwa die traditionelle Uniformierung der Reichsbahner. »Bei der Bundesbahn trug man nur noch Dienstkleidung dort, wo es Kundenkontakte gab. Als Heinz Dürr 1991 Erster Präsident der Deutschen Bundesbahn geworden war und zum ersten Mal bewusst einen Lokführer von der Maschine herabsteigen sah, fiel er fast in Ohnmacht. Der Kollege trug alte Jeans und ein kariertes Hemd. Wo gebe es denn so was, sagte Dürr verärgert, jeder Schiffskapitän und jeder Lufthansapilot ist stolz auf seine Arbeit und trägt darum Uniform. – Die Lokführer bekamen sofort eine neue Dienstkleidung.«

Und auch Nachdenkliches fließt in die Erinnerungen. »Also in der westdeutschen Behördenbahn waren wir zu großen Teilen Beamte, also Staatsdiener. Warum? Damit wir nicht streikten. Das Berufsbeamtentum hatte der Kaiser eingeführt, die Beamten bildeten das Rückgrat des Staates und das Korsett, um alles zusammenzuhalten. In letzter Konsequenz, sage ich, um auch Kriege führen zu können, denn an der Heimatfront brauchte man Ruhe.«

So gesehen ist der Titel »Auf neuen Gleisen« vielleicht doch nicht so richtig gewählt. Das aber tut dem Respekt gegenüber dem Autor keinen Abbruch. Er wird, im Unterschied zu Elcano, nicht vergessen werden. Beide haben eine neue, ihnen fremde Welt entdeckt. Aber Scherz hat es aufgeschrieben.

Wolfgang Scherz: Auf Neuen Gleisen. Die Abwicklung der Deutschen Reichsbahn. Das Neue Berlin, 224 S., br., 20 €.

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