Klimaangepasste Forstwirtschaft: Wenn dem Wald die Bäume ausgehen

Bei heutigen Aufforstungen müssen die aktuellen Klimabedingungen wie auch die zum Ende des Jahrhunderts berücksichtigt werden

  • Susanne Aigner
  • Lesedauer: 5 Min.

Lang anhaltende heiße Trockenphasen, häufigere Waldbrände, intensivere Herbststürme sowie Schädlinge wie der Borkenkäfer zählen zu den Ursachen für ein umfangreiches, großflächiges Absterben von Bäumen. Ein Drittel bis die Hälfte der in Europa wachsenden Baumarten könnten je nach Region den künftigen Klimabedingungen nicht mehr gewachsen sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im April im Fachjournal »Nature Ecology & Evolution« veröffentlicht wurde.

Um die Ausfälle zu kompensieren, müssten Baumarten gepflanzt werden, die sowohl heutige als auch künftige Klimabedingungen tolerieren. Artenreiche Mischwälder sind gegenüber Störungen besonders widerstandsfähig. Doch welche Baumarten sind dafür geeignet?

Dieser Frage gingen Wissenschaftler der Universität Wien und der Technischen Universität München nach. Sie untersuchten die derzeitige Verbreitung von 69 der häufigsten Baumarten unter Berücksichtigung von Daten von fast 240 000 Standorten in ganz Europa. Anschließend modellierten sie, ob die regionalen Standorte dieser Bäume unter bestimmten Emissionsszenarien bis zum Ende des Jahrhunderts nach definierten Kriterien weiterhin für eine Wiederaufforstung von Waldgebieten geeignet sein würden.

Ergebnis: Die durchschnittliche Anzahl der Baumarten pro Quadratkilometer könnte je nach Szenario zwischen 33 und 49 Prozent abnehmen. Für eine Wiederaufforstung über das gesamte 21. Jahrhundert steht damit eine geringere Anzahl europäischer Baumarten zur Verfügung. Zu pflanzende Baumarten sollten sich nicht nur unter heutigen, sondern auch unter künftigen Klimabedingungen für eine Wiederaufforstung eignen. Sie müssten sowohl Kälte und Frost als auch einem am Ende des 21. Jahrhunderts heißeren und trockenerem Klima standhalten.

Große regionale Unterschiede

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Die Vielfalt geeigneter Baumarten in Europa unterscheidet sich bereits heute stark – zum Beispiel zwischen Deutschland, Finnland und Spanien. So könnte in der einen Region das Aussterben von nur wenigen verbreiteten Arten in einem Lebensraum mit geringer Artenvielfalt bereits dazu führen, dass sich die Gesamtzahl der geeigneten Arten kritisch verringert, während in anderen Regionen womöglich eine größere Auswahl verbleibt.

Die Forscher schließen daraus, dass die Optionen für den Waldumbau durch den Klimawandel stärker begrenzt sein werden. Durch großflächige Verluste von Baumarten werde in einigen Regionen Europas die Schaffung von Mischwäldern stark eingeschränkt sein. Damit Waldökosysteme intakt bleiben und wichtige Ökosystemleistungen weiter erbringen können – etwa Kohlenstoff zu speichern oder Nahrung und Lebensraum für Tiere zu bieten –, müsse der Klimawandel eingedämmt werden, betonen die Autoren.

Unter den Wirtschaftsbaumarten in Mitteleuropa – Fichte, Kiefer, Buche, Eiche, Douglasie – werde vor allem die Fichte an Vitalität verlieren und erhöhte Sterblichkeiten aufweisen, in den trockeneren Tieflandregionen regional auch Buche und Kiefer, befürchtet Christoph Leuschner von der Georg-August-Universität Göttingen. Und auch für die Douglasie dürfte dies regional in trockeneren Tieflagen gelten. Die Eichen dürften noch am ehesten mit der Erwärmung zurechtkommen, wenn auch hier Schädlings- und Krankheitsbefall zunehmen werden.

Mischwälder mit fünf bis acht Arten

Mit Mischwäldern der Zukunft seien fast immer nur zwei Arten – etwa die Douglasie mit einem Laubbaum wie etwa der Buche – gemeint, kritisiert der Pflanzenökologe. Artenreiche Mischwälder mit fünf bis acht Arten seien fast nirgends geplant. Laubbaumarten wie Spitzahorn, Hainbuche, Winterlinde und Elsbeere fehlen in der heutigen Waldbauplanung. Nadelbäume sind zwar rentabler, jedoch fast alle recht empfindlich für Trocken- und Hitzestress, sodass sie vermutlich früher ausfallen werden als die toleranteren Laubbaumarten.

Die Zahl der infrage kommenden Baumarten nehme generell in den wärmeren Tief- gegenüber der kühleren Berglagen ab. Erwärmt sich das Klima weiter so drastisch, dürften nur wenige Baumarten, die heute gepflanzt werden, die übliche Umtriebszeit von 60 bis 100 Jahren von der Pflanzung bis zur Holzernte im Tiefland vital überstehen. Schäden, die heute bei Esche, Schwarzerle oder auch Bergahorn zu sehen sind, können dann auch andere Arten treffen.

Die Vorhersagen der Studie zur Verbreitung von Baumarten sei völlig unzureichend, kritisiert Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Die in der Studie berücksichtigten Mittelwerte und die Zunahme von Temperatur- und Niederschlagsschwankungen reichten nicht aus, um die Wirkungen von kombinierten Wetterereignissen sowie von kritischen Extremen vorauszusagen.

So könnten etwa das Verschwinden des arktischen Eises und eine abgeschwächte atlantische Meeresströmung künftig heftigere Achterbahnfahrten des Wetters verursachen.

Wichtige Rolle lokaler Ökosysteme

Zudem werde nicht berücksichtigt, dass die Lebens- und Anpassungsfähigkeit von Bäumen lokal und regional auch erheblich von Böden, Mikroklima, Landnutzung und Forstwirtschaft abhängig ist. Auch Schadorganismen wie Insekten oder Pilze oder andere Mikroorganismen werden zu wenig berücksichtigt. Zudem werden lokale Einflüsse auf die Ökosysteme zu wenig abgebildet.

Ibisch zufolge unterschätzt die Studie die Wechselwirkungen im Ökosystem, deren Folgen wir bereits jetzt erlebten. So würden Feuer, Krankheiten, Schädlinge oder menschliche Reaktionen auf Waldschädigungen die Ökosysteme stark beeinträchtigen. Die Suche nach vermeintlich angepassten »Wunderbäumen« sei irreführend, glaubt der Biologe. Doch ist er überzeugt, dass wir unabhängig von der Wahl zu pflanzender Baumarten die Waldgesundheit durch vielfältige andere Maßnahmen unterstützen können.

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