Gegen Agrarindustrie und sterbende Dörfer

Auch in Südeuropa revoltieren die Bauern – doch dort geht es vor allem um unterschiedliche Modelle der Landwirtschaft

  • Raul Zelik, Navarra
  • Lesedauer: 8 Min.
Auch im spanischen Baskenland kämpfen die bäuerlichen Familienbetriebe ums wirtschaftliche Überleben.
Auch im spanischen Baskenland kämpfen die bäuerlichen Familienbetriebe ums wirtschaftliche Überleben.

Ein Bauerndorf im spanisch-baskischen Navarra, ein Ausblick wie eine Panoramatapete: Richtung Süden erhebt sich eine dicht bewaldete, 1500 Meter hohe Bergkette, Richtung Norden erahnt man im Dunst den nahegelegenen Atlantik. Unten im Tal liegt Nebel über den klotzig wirkenden Bauernhäusern. Das Wetter am Golf von Biskaya erinnert immer eher an England als ans spanische Mittelmeer.

Dominique Martini dreht sich eine Zigarette. Die Frau mit den muskulösen, tätowierten Oberarmen hat gerade sechs Stunden Arbeit in einem Stall hinter sich, die Anstrengung ist ihr anzusehen. 400 Schafe haben ihr Mann und zwei Kollegen seit dem Morgen geschoren. Es ist Knochenarbeit. »Man arbeitet immer vornübergebeugt, das geht sehr ins Kreuz«, erklärt die 32-jährige Französin. Die Schafscherer*innen haben deshalb kleine Kräne dabei, an denen sie sich mit einem Bügel einhängen können. »Wir legen uns mit dem Bauch in den Gurt, dann ist es nicht ganz so anstrengend im Rücken.« Aber nicht nur die Körperhaltung, sondern auch der Widerstand der Schafe sorgt für Erschöpfung. Man braucht schon Kraft, um die Tiere mit den Beinen und der einen Hand zu fixieren, während man mit der anderen die Schermaschine durch die Wolle führt.

Auf die Frage, wie lange sie sich nach dem harten Arbeitstag erholen können werde, reagiert die Schafschererin überrascht. »Wir arbeiten monatelang durch. Nur wenn das Wetter schlecht ist und wir nicht in einem Stall arbeiten können, machen wir frei. Doch die Tage können wir uns nicht aussuchen.«

Die Schafschererin Martini und ihr Mann reisen auf diese Weise von Hof zu Hof. Seit einigen Wochen tingeln sie durch Dörfer auf der Südseite der Pyrenäen, dann geht es nach Norden, ins französische Okzitanien und von dort weiter nach Sardinien. »Und im Sommer irgendwann Neuseeland«, schiebt sie hinterher. Die Arbeit ist für Martini auch so etwas wie ein Kunsthandwerk. Ihr Mann hat an mehreren spanischen und internationalen Meisterschaften im Schafscheren teilgenommen. Beim Mittagessen hat er gerade erklärt, wie die Leistungen bewertet werden – Punkte gibt es nicht nur für Schnelligkeit, sondern auch für die Qualität der Arbeit. Man merkt, dass der Beruf des Schafscherers, obwohl man die ganze Zeit die klebrigen Haare und das Wollfett der Tiere am Körper hat, für das Ehepaar etwas Erfüllendes hat. Sicherlich auch, weil man dabei herumkommt. Vermutlich gibt es wenige, die über die Lage der europäischen Landwirtschaft so gut Bescheid wissen wie Dominique Martini.

Auch in Südeuropa habe es in vergangenen Monaten Bauerndemonstrationen gegeben, erzählt die Schafschererin. Anders als in Deutschland sei es dabei aber nicht um Dieselsubventionen, sondern um die allgemeine Lage gegangen. »Für die Bauern ist alles teurer geworden. Nur ihre Preise steigen nicht«, sagt Martini. »In Frankreich haben protestierende Bauern deshalb auch Supermärkte besetzt und Lebensmittel aus den Regalen geräumt. Viele Billigprodukte kommen aus Ländern, in den es kaum Vorschriften für die Landwirtschaft gibt.« Auch Martini glaubt, dass den europäischen Bäuer*innen aus der EU zu viele Vorgaben gemacht werden.

Den Einwand, dass Regulierung aber auch ein Mittel sei, um unlauteren Wettbewerb zu verhindern und Umweltbelastungen zu verringern, lässt sie nicht gelten. Sie hat eine andere Perspektive: »Die EU sagt den Bauern heute, die Tierställe seien zu groß, die Bewirtschaftung von Flächen zu intensiv. Aber davor haben die Regierung und die großen Bauernorganisationen den Landwirten jahrzehntelang erzählt, sie müssten industrieller produzieren. Man überredet sie zu Krediten, bis sie überschuldet sind, fördert die Agrarindustrie mit Subventionen. Und dann sagt man den Bauern, sie sollten ökologischer werden.«

Auf die Frage, ob die französischen Bauernproteste rechtsradikal geprägt gewesen seien, wie es in anderen Teilen Europas der Fall war, reagiert die eher alternativ wirkende Martini zurückhaltend. »Politisch war das nicht so klar einzuordnen, aber ein paar Aktionen fand ich eher links. Bei einer Supermarktaktion haben sie sich zum Beispiel draußen mit den eigenen Produkten zum Verkaufen vor die Tür gestellt.« Die Schafschererin hält das für den richtigen Ansatz: Die Discounter sabotieren und eigene Vertriebswege aufbauen.

Der Konflikt durchziehe auch die Bauernverbände selbst, schiebt Martini hinterher. Die große Fédération Nationale des Syndicats d'Exploitants Agricoles (FNSEA) sei in Frankreich Treiberin der Industrialisierung der Landwirtschaft. Die kleinbäuerliche Confédération Paysanne hingegen stehe für regionale Wirtschaftskreisläufe und Umweltschutz. »Die FNSEA macht mit der Regierung, den Banken und Konzernen gemeinsame Sache.«

Maider Agirrebarrena und ihr Mann können sich trotz 60-Stunden-Woche nicht viel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn auszahlen.
Maider Agirrebarrena und ihr Mann können sich trotz 60-Stunden-Woche nicht viel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn auszahlen.

Auch die Schäferin Maider Agirrebarrena, bei der Dominique Martini an diesem Tag auf dem Hof gearbeitet hat, glaubt, dass es in der Bauernschaft sehr unterschiedliche Positionen gebe. Agirrebarrena und ihr Mann halten 400 Muttertiere und produzieren Schafskäse in Handarbeit. Von der allgemeinen Krise der Landwirtschaft sind sie etwas weniger betroffen als andere Höfe, denn mit Qualitätskäse lässt sich in Delikatessengeschäften ein besserer Preis erzielen als mit Rohprodukten wie Milch. Doch auch auf dem Hof von Agirrebarrena stehen Arbeitsaufwand und Einkommen in keinem Verhältnis zueinander. Drei Familienangehörige betreiben die Käserei zusammen als Genossenschaft. Die Arbeitszeiten sind entgrenzt, pro Person sicher 60 Stunden wöchentlich. Doch auszahlen können sich die drei Schäfer*innen nur 1300 Euro monatlich pro Person – und auch das nur dank der viel kritisierten EU-Subventionen.

Dabei hat die Familie Agirrebarrena immer vorsichtig gewirtschaftet. Um die Kreditbelastung gering zu halten, kauft sie Maschinen auf dem Hof aus Prinzip nur secondhand. Das macht mehr Arbeit, weil an den Maschinen ständig etwas nicht funktioniert. Aber man wahrt eine gewisse Autonomie. »Unsere Dörfer sterben. Bei uns sind von 25 Höfen nur zwei übrig geblieben«, erzählt die baskische Bäuerin. »Die Nachbarn haben Milchkühe, etwa 100 Tiere plus Kälber. Um zu überleben, arbeiten sie Tag und Nacht.«

Die Bauernproteste, die in den vergangenen Monaten auch Spanien erfassten, hat Agirrebarrena aus der Distanz verfolgt. »Die Demonstrationen in Navarra wurden von Großbauern angeschoben. Da waren riesige Traktoren auf der Straße – solche Maschinen können wir uns gar nicht leisten.« Doch weil die allgemeine Unzufriedenheit groß ist, hätten sich in der Folge auch kleinere Höfen an den Protesten beteiligt. »Mit Landwirtschaft kann niemand ein normales Leben führen. Für das Einkommen, das wir kriegen, müssen wir viel zu viel arbeiten. Aber diese Bauernproteste waren trotzdem problematisch. Das Einzige, was bei uns konkret durchgesetzt wurde, war, dass jetzt noch mehr Pestizide eingesetzt werden dürfen. Noch mehr Gift auf den Feldern – das ist wirklich nicht das, was wir brauchen.«

Die Forderung nach weniger bürokratischen Vorgaben aus Brüssel wird allerdings auch von Agirrebarrena geteilt. »Die EU erfindet jedes Jahr neue Regeln, die wir einhalten sollen. Für uns entsteht dadurch ein unglaublicher Verwaltungsaufwand. Wir Bauern sollen alles können: Informatik, Verwaltung, Betriebswirtschaft, Hygiene, Umweltschutz – neben unserer eigentlichen Arbeit. Wir sind Schäfer.« Am Ende stärkten die Vorschriften nur die Agrarindustrie, da Großbetriebe die verschiedenen Aufgaben an Fachkräfte delegieren können. Unter dem Vorwand, Europa grüner machen zu wollen, gerät die kleinbäuerliche Landwirtschaft also zusätzlich unter Druck. »Wenn die Regierung will, dass bestimmte Dinge erfasst werden, muss sie das übernehmen. Man muss Experten auf die Höfe schicken und uns unterstützen. Ansonsten ist das eine weitere Belastung für uns. Dabei geben sowieso ständig Höfe auf.«

Agirrebarrena, die sich an den Protesten der vergangenen Monate nicht beteiligt hat, mobilisiert im Augenblick selbst zu einer Demonstration. 150 Organisationen – darunter Gewerkschaften, Umweltgruppen, Genossenschaften und die baskische Rentnerbewegung – habe eine Kampagne für die sogenannte Lebenssouveränität gestartet. »Wir wollen, dass sämtliche Freihandelsabkommen für den Nahrungsmittelsektor aufgekündigt werden. Denn der Freihandel zerstört kleine Höfe, die einen Bezug zum Territorium, zur Umwelt haben.«

Bei »Souveränität« geht es in diesem Sinne nicht um die Verteidigung des Nationalstaats oder des Baskenlands, sondern um die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe gegen eine Agrarindustrie, in der die einzelnen Bauern nur noch als überschuldeter und fremdbestimmter Subunternehmer existiert. »Wir brauchen ein anderes Agrarmodell. Der Bauer, der sich verschuldet hat und deshalb immer größere Flächen bestellt, ist nicht unser Gegner«, sagt die Schäferin. »Sie werden ja zur industriellen Landwirtschaft gezwungen.«

Wie komplex die Lage ist, sieht man auch an einem anderen Punkt. Die Käserei der Familie hat bis heute kein Ökosiegel, obwohl die Schafe fast das ganze Jahr über frei auf Weiden und Almen sind und der Käse ohne Zusatzstoffe hergestellt wird. »Damit die Schafe im Winter genug Milch haben, füttern wir neben dem eigenen Heu auch proteinhaltiges Alfalfa dazu. Und dieses Zusatzfutter ist zwar hier aus der Region, aber hat kein Ökosiegel und deshalb auch unser Käse nicht.« Obwohl wahrscheinlich kaum ein Hof so nachhaltig produziert wie der Familienbetrieb von Agirrebarrena, gilt der Käse nicht als ökologisch. Das EU-Agrarmodell in a nutshell.

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