Brasilien: In den Vorstädten ist die Lage besonders prekär

Für Fernando Campos Costa von der brasilianischen Wohnungslosenbewegung hängen Katastrophenschutz und soziale Frage eng zusammen

  • Interview: Niklas Franzen
  • Lesedauer: 4 Min.
In Brasiliens südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul sind viele Straßen wie hier in Canoas überflutet.
In Brasiliens südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul sind viele Straßen wie hier in Canoas überflutet.

Nach heftigen Regenfällen kam es in Rio Grande do Sul zu Überschwemmungen, viele Menschen starben, Zehntausende wurden obdachlos. Sie sind Aktivist der Wohnungslosenbewegung MTST und gerade in Porto Alegre. Wie ist die Situation vor Ort?

Furchtbar, vor allem natürlich, weil es so viele Tote gegeben hat. Die Menschen leiden, für viele hat sich ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. Die Versorgung ist absolut prekär, gerade auch im Gesundheitsbereich. Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess. Viele haben alles verloren: ihre Häuser, ihre Möbel, ihre Bücher, ihre Fotos, einfach alles.

Eigentlich ist Ihre Bewegung dafür bekannt, mit Besetzungen urbanen Leerstand nutzbar zu machen. Wie leisten Sie nun in Rio Grande do Sul Hilfe?

Am zweiten Tag nach der Katastrophe begannen wir, uns zu organisieren und unsere Strukturen auszubauen. Es gibt in Porto Alegre eine Solidaritätsküche, die vor der Katastrophe rund 400 Mittagessen pro Tag zubereitete. Nach den schweren Regenfällen schraubten wir die Arbeit der Küche hoch, mittlerweile verteilen wir dort 4000 Mittagessen. So schaffen wir es, dass viele Menschen jetzt zumindest eine warme Mahlzeit am Tag bekommen.

Interview

Fernando Campos Costa, 49, gehört der Nationalkoordination der Bewegung der wohnungslosen Arbeiter (MTST) an. Costa koordiniert die Solidaritätsküche im Stadtteil Azenha in Porto Alegre. Mit ihm sprach für »nd« Niklas Franzen.

Das Modell Ihrer Solidaritätsküchen bewährte sich auch während der Corona-Pandemie. Zehntausende Menschen wurden von ihnen versorgt.

Ja, die MTST arbeitet seit Jahrzehnten in den Peripherien der großen Städte, wir stehen im engen Dialog mit den Bewohnern armer Stadtteile. Seit etwa vier Jahren gibt es unsere Solidaritätsküchen. Damit wollen wir den Hunger bekämpfen, aber auch Beziehungen zu Familien der Peripherie aufzubauen. Auf nationaler Ebene diskutieren wir schon lange über Notfallstrukturen und sind mittlerweile so aufgebaut, dass wir schnell auf Katastrophen reagieren können. So konnten wir auch in anderen Momenten rasch handeln. Den Regierungen fällt es hingegen oft schwer, schnell auf Katastrophen zu reagieren. Bei der Flut in Rio Grande do Sul kümmern wir nicht nur um die Verteilung von Lebensmitteln, sondern auch um Kleidung für Bedürftige und den Wiederaufbau von Häusern.

Der Süden Brasiliens gilt als sehr konservativ, viele Unterstützer des rechtsradikalen Ex-Präsidenten leben hier. Wie ist die Reaktion der Bevölkerung darauf, dass eine dezidiert linke Bewegung so präsent in der Katastrophenhilfe ist?

Es gibt hier eine Klassenperspektive. Die Arbeiter, egal ob links, rechts, mit Schulbildung oder ohne, sind sehr solidarisch. Viele Menschen kennen uns und wissen, welche Arbeit wir seit langem leisten. Unsere Solidaritätsküche in Porto Alegre gibt es schon seit drei Jahren. Wir haben also nicht erst seit heute mit der Arbeit begonnen. Oft bekommen wir zu hören: Es ist gut, dass es euch gibt.

Können Sie feststellen, dass arme Menschen in den Vorstädten von der jüngsten Katastrophe besonders stark betroffen sind?

Ohne Zweifel, die Auswirkungen der Klimakatastrophe treffen einige stärker als die anderen. Es ist offensichtlich, dass es Bewohner der Vorstädte am heftigsten trifft. Es sind Menschen, die sowieso schon auf verschiedene Weise ausgebeutet werden und denen es an grundlegenden Dingen fehlt: Wasser, Elektrizität, Kultureinrichtungen, gute Schulen, Wohnungen. Gleichzeitig sind Brasiliens Peripherien Orte, wo es ein größeres Verständnis für die Gemeinschaft gibt. Die Menschen kennen sich gut, organisieren sich schon lange in Bewegungen und kämpfen für ihre Rechte. Durch die lang erlebte Vernachlässigung sind die Menschen viel stärker als im Rest der Stadt aufeinander angewiesen. Solidarität wird hier im Alltag gelebt.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Ihre Arbeit?

Als Erstes geht es darum, den Menschen konkrete Unterstützung zu bieten. Sowohl in den Notfallunterkünften als auch in den Vorstädten. Einige müssen ihr Leben komplett neu aufbauen, sind auf fremde Hilfe angewiesen. Aber wir dürfen auf diese Katastrophe nicht so reagieren, wie wir es immer gemacht haben. Wir brauchen neue Lösungen, neue Initiativen. Wir wollen nicht zur Normalität zurück – denn diese war ungerecht und ausbeuterisch.

Auch im Hinblick auf die Folgen von Klimakatastrophen?

Ja, für uns ist die Antwort auf den Klimawandel auch die Garantie von Rechten und die Bereitstellung von Wohnungen für arme Menschen. Es gibt eine historische Schuld gegenüber der armen Bevölkerung, diese muss eingelöst werden. Gerade das Thema Land ist in Brasilien zentral, und Ursprung von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Wir müssen die Landfrage stellen, denn: Es sind diese Familien, die letztendlich dafür sorgen, dass die Umwelt geschützt wird.

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