Studie: Mieter mit niedrigen Einkommen überlastet

Große Haushalte leben oft in beengten Verhältnissen. Berliner Mieterverein fordert ganzheitliches Konzept für die Wohnraumversorgung

  • David Rojas Kienzle
  • Lesedauer: 5 Min.
Wie Sardinen in der Büchse: Große Haushalte leben oft in überbelegten Wohnungen
Wie Sardinen in der Büchse: Große Haushalte leben oft in überbelegten Wohnungen

Dass die Mieten in Berlin steigen, ist durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannt. Für wen sie deswegen zu hoch sind, zeigt eine neue Studie im Auftrag des Berliner Mietervereins (BMV) auf. Das Ergebnis ist wenig überraschend: »Die Berliner Mieter*innen können sich überwiegend nicht leisten, was von den Eigentümer*innen gefordert wird«, so Ulrike Hamann-Onnertz, Geschäftsführerin des BMV bei der Vorstellung der Studie am Dienstag. Denn mit 61,2 Prozent haben fast zwei Drittel der Berliner Haushalte ein Einkommen, mit dem auf dem freien Markt kaum eine bezahlbare Wohnung zu finden ist.

Die Studie wurde von der Asum GmbH durchgeführt und stützt sich auf Daten des Mikrozensus von 2022, bei dem rund 20 000 Haushalte befragt wurden. Es sei zentral, nicht nur Durschnittswerte heranzuziehen, sagt Sigmar Gude, einer der Autoren der Studie. Die Mietbelastung etwa – also der Anteil des Haushaltseinkommens, der für die Miete aufgewendet wird – liegt durchschnittlich etwa bei 27 Prozent. Ab 30 Prozent Mietbelastung gilt ein Haushalt als überlastet. Im Schnitt ist also alles im Lot. Aufgeschlüsselt nach Einkommensklassen und Haushaltsgrößen zeigt sich jedoch ein gänzlich anderes Bild.

So liegt etwa die Mietbelastung bei Einpersonenhaushalten mit niedrigem Einkommen bei 55,1 Prozent. Auch Einpersonenhaushalte mit einem durchschnittlichen Einkommen sind im Schnitt noch überlastet und wenden 36,7 Prozent des Haushaltseinkommens für die Miete auf.

Das Problem betrifft viele Berliner*innen: Mehr als 40 Prozent der Haushalte sind von der Miete überlastet. Gut die Hälfte von ihnen, also fast 21 Prozent aller Mieter*innen, wendet sogar mehr als 40 Prozent des Einkommens für die Miete auf. »Das ist jenseits von Gut und Böse«, meint Gude. Diese hohe finanzielle Belastung trifft wiederum fast nur Haushalte mit einem niedrigen Einkommen. Denn reiche und überdurchschnittlich reiche Haushalte wenden durchweg weniger als 20 Prozent des Haushaltseinkommens für Mietzahlungen auf.

Die Kennziffer Mietbelastung sagt aber nicht für alle Haushaltsgrößen gleichermaßen viel aus. So haben bei allen Einkommensgruppen größere Haushalte eine niedrigere Mietbelastung. Haushalte mit niedrigen Einkommen, in denen vier oder mehr Personen leben, zahlen etwa im Schnitt 25,1 Prozent ihres Einkommes für Miete, sind also formal nicht überlastet.

Allerdings bleibt nach Abzug der Miete wesentlich weniger Geld pro Kopf zur Verfügung, teilweise sogar unter Bürgergeldsatz. »Für fünf Personen sind 27 Prozent Mietbelastung eine Katastrophe«, meint Gude. Deswegen leben große Haushalte oft in überbelegten Wohnungen, es wohnen also mehr Personen in einer Wohnung, als es Zimmer gibt. Die großen Haushalte, mit fünf und mehr Personen, seien zu drei Vierteln überbelegt, Vierpersonenhaushalte zu 50 Prozent, so Gude. »Das sind Werte, die meines Erachtens sozial relevant sind.« Der BMV spricht sich deswegen dafür aus, bei Betrachtung der Leistbarkeit eine Mietbelastungsquote für größere Haushalte von 22 Prozent anzusetzen.

Auch beim Wohnflächenverbrauch gibt es klare Unterschiede zwischend den jeweiligen Einkommensgruppen. »Wer viel verdient, nutzt viel Fläche und hat dennoch eine geringe Mietbelastung«, so BMV-Geschäftsführerin Hamann-Onnertz. Vorschläge, die Reduzierung des Wohnflächenverbrauchs über eine Erhöhung der Miete zu erreichen, gingen am Problem vorbei. Dadurch würden Überbelegung und Verdrängung in unteren Einkommensgruppen verstärkt.

Vor allem arme Mieter*innen sind also finanziell überlastet und leben in kleineren Wohnungen. Ein Instrument, um dem entgegenzusteuern, ist der Wohnberechtigungsschein. Laut Asum-Studie wären theoretisch 933 700 Haushalte berechtigt, einen WBS zu erhalten, vor allem Einpersonenhaushalte. Doch es gibt viel zu wenige Sozialwohnungen: 2022 waren es 104 757.

Und die Konkurrenz um die wenigen Sozialwohnungen steigt. Zuletzt hat der Senat neue WBS-Stufen für Haushalte mit höheren Einkommen eingeführt, mit denen sich der Kreis der Berechtigten um gut ein Drittel vergößert hat. Das verschärfe die Wohnungsknappheit für alle WBS-berechtigten Haushalte und fördere die Konkurrenz um die soziale Ressource Wohnung, so Hamann-Onnertz. Da es bisher kaum Wohnungen in den neuen WBS-Stufen gibt, dürfte das vor allem bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen relevant sein. Diese sind angewiesen, 63 Prozent der frei werdenden Wohnungen an WBS-Berechtigte zu vermieten.

Kritik äußerten sowohl der BMV als auch die Autoren der Studie an der Verengung der Debatte auf den Neubau von Wohnungen. »Der Neubau von Wohnungen ist sinnvoll«, sagte Hamann-Onnertz. Jedoch werde er mittelfristig keine Auswirkungen auf das Wohnungsangebot haben, da die Einstiegsmieten dort nach derzeitigen Förderbestimmungen viel zu hoch seien. Der Neubau schaffe keine leistbaren Wohnungen, so Hamann-Onnertz weiter. »Der große Hebel ist daher, leistbare Mieten im Bestand zu sichern.«

»Seit dem Wechsel im Senat stelle ich fest, dass bestimmte Themen von Senatsseite überhaupt nicht mehr angesprochen werden«, so Sigmar Gude. Man müsse sich fragen, wie man im Bestand stärker regulierend eingreifen könne oder wie man eine Mietpreisbremse so gestalten könnte, dass nicht nur die Mieter »zum Kadi laufen müssen und ihren Eigentümer verklagen«. Die Diskussion müsse erweitert werden, meint Gude. Hamann-Onnertz fordert deswegen ein ganzheitliches Konzept für die Wohnraumversorgung in Berlin. »Mit der jetzigen Situation steuern wir mehr und mehr auf die soziale Spaltung und soziale Verwerfungen hin.«

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