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Bebelplatz in Berlin: Leere Stühle gegen das Vergessen

Ein temporäres Denkmal macht den Bebelplatz im Zentrum der Hauptstadt zum »Platz der Hamas-Geiseln«

  • Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit Mitte Mai stehen die Stühle und der Nachbau eines Hamas-Tunnels auf dem Bebelplatz.
Seit Mitte Mai stehen die Stühle und der Nachbau eines Hamas-Tunnels auf dem Bebelplatz.

»Rami, 23 Jahre alt«, »Ednan Alexander, 19 Jahre alt« – es sind zwei von 132 Gesichtern, zwei von 132 Namen auf Plakaten, die mit Kabelbindern an leeren weißen Plastikstühlen auf dem Bebelplatz befestigt wurden. Mit ihrer Installation will die Kampagne »Freiheit für die Hamas-Geiseln« in der Mitte Berlins an jene Menschen erinnern, die bei dem Überfall der Terrororganisation am 7. Oktober aus Israel in den Gazastreifen verschleppt wurden und noch nicht zurückgekehrt sind.

Freund*innen und Angehörige bangen nach wie vor um das Schicksal der Entführten. Für diejenigen, deren Tod mittlerweile bestätigt ist, wurden Plakate, Kerzen und kleine Briefe auf den Boden gelegt. So etwa für den 19-jährigen Ron Sherman und die 23-jährige Shani Louk. Wer die Plakate studiert, kann sehen, dass zu den Opfern der Hamas neben israelischen Staatsbürger*innen auch Menschen mit Pässen aus Tansania, Russland, Argentinien, Deutschland und anderen Ländern zählen.

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»Ich bin froh, dass an diesem Ort an die Geiseln erinnert wird«, sagt Roswitha Schneider zu »nd«. Die pensionierte Lehrerin ist von Steglitz zum Bebelplatz gekommen, um sich die Installation anzusehen. »In den letzten Wochen wird fast nur noch über die israelische Kriegsführung geredet und Israel ein Vernichtungsinteresse vorgeworfen«, so Schneider. »Ich habe Mitleid mit den Menschen in Gaza. Aber es wird oft vergessen, dass es den Krieg nicht gäbe, wenn die Hamas Israel nicht überfallen und am 7. Oktober dort ein Massaker angerichtet hätte.«

Der Rentner Alexander Neuhaus wünscht sich, dass sich auch jene Menschen die Ausstellung ansehen, die sich in den vergangenen Monaten für die Palästinenser*innen eingesetzt haben. »Dann würden sie auch Empathie mit den Opfern in Israel zeigen«, sagt Neuhaus. Natürlich habe er Verständnis, wenn sich Menschen für die Zivilist*innen in Gaza einsetzten. Doch das dürfe nicht dazu führen, dass der Überfall der Hamas verharmlost oder gar als antikolonialistische Tat gerechtfertigt wird. Die Installation selbst beschränkt sich auf die Forderung, die Geiseln zu befreien.

Neben den Stühlen sind am Bebelplatz mehrere Boxen mit zerstörten Büchern zu sehen. Sie gehörten den Menschen, die in den von der Hamas überfallenen Kibbuzim, also ländlichen Siedlungen, lebten. Dort wurden viele Menschen gefoltert und ermordet. Auch ein großer Teil der Geiseln lebte in diesen Kibbuzim.

»Wie es ihnen jetzt wohl geht?«, fragt der 17-jährige Raffael. Er ist mit einer Schüler*innengruppe aus Hessen zu Besuch in Berlin und entdeckte die Installation bei einem Spaziergang. Mit drei Schulkolleg*innen begeht er den nachgebauten Hamas-Tunnel, der ebenfalls Teil der Installation ist. Wenn man durch den mit nackten Glühbirnen erleuchteten Gang geht, hört man aus Lautsprechern Schreie und undifferenzierte Geräusche. Die Besucher*innen sollen einen kleinen Eindruck von den Verhältnissen bekommen, unter denen die Geiseln seit acht Monaten zu leben gezwungen sind. Es wird angenommen, dass ein Großteil von ihnen in die Hamas-Tunnel verschleppt wurde.

Die meisten Besucher*innen verlassen die Installation betroffen. Das ist auch an den Tafeln zu erkennen, auf denen Besucher*innen mit bunten Filzstiften ihre Eindrücke festhalten können. In verschiedenen Sprachen sind das Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus und der Wunsch nach Freilassung der Verschleppten zu lesen. Am Eingang steht eine Sanduhr, die die Dringlichkeit dieser Forderung deutlich machen soll. Noch bis zum 16. Juni wird der Bebelplatz »Platz der Hamas-Geiseln« bleiben. Zwischen 10 und 20 Uhr kann die Installation täglich besucht werden, die als Mahnmal gegen das Vergessen gedacht ist. Denn das Entsetzen nach dem Pogrom vom 7. Oktober ist von einigen Berliner*innen allzu schnell verdrängt worden.

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