Dringend benötigte Solidarität für Rojava

Eine internationale Kampagne will Solarpanels in Nordsyrien aufbauen

  • Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Freiwilliger der kurdischen Community Protection Forces bewacht Weizenfelder vor Feuer und Plünderung in der Nähe der türkischen Grenze im nordostsyrischen Gouvernement Hasakeh, nahe der Stadt Tarbesbeyeh (arab.: Al-Qahtaniyah). Die Stromausfälle aufgrund der Bombardierungen der Infrastruktur durch die türkische Armee treffen auch die Landwirtschaft: Ohne Strom kann kein Wasser zur Bewässerung der Felder gepumpt werden.
Ein Freiwilliger der kurdischen Community Protection Forces bewacht Weizenfelder vor Feuer und Plünderung in der Nähe der türkischen Grenze im nordostsyrischen Gouvernement Hasakeh, nahe der Stadt Tarbesbeyeh (arab.: Al-Qahtaniyah). Die Stromausfälle aufgrund der Bombardierungen der Infrastruktur durch die türkische Armee treffen auch die Landwirtschaft: Ohne Strom kann kein Wasser zur Bewässerung der Felder gepumpt werden.

Am Freitag hat die türkische Luftwaffe erneut den Nordosten Syriens mit Drohnen und Artillerie angegriffen. Seit Oktober lässt Ankara die autonome Region in Syrien, die auch unter dem kurdischen Namen »Rojava« bekannt ist, regelmäßig bombardieren. Die örtlichen Behörden berichten von der Zerstörung von Stromkraftwerken, Umspannwerken und Ölraffinerien. Krankenhäuser, Bäckereien und Wasserversorgungsanlagen sind nicht mehr in Betrieb.

Strom war bereits vor den türkischen Angriffen Mangelware und wird meist durch schmutzige Diesel-Generatoren erzeugt. Nun droht der gesamten Energieversorgung der Kollaps. Doch in Berlin hat sich eine internationale Kampagne vorgestellt, die mit dezentralen Solarpanels vor Ort kommunale Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen oder Frauenhäuser mit Strom versorgen will. Das ambitionierte Ziel der Kampagne »Solardarity. Neue Energie für Rojava« ist es, dafür eine Million Euro Spendengelder zu sammeln.

»Im Schatten des Krieges in Gaza begeht die Türkei seit Monaten durch ihre Angriffe Kriegsverbrechen, ohne dass die westliche Staatengemeinschaft eingreift«, berichtete am Dienstag beim Kampagnenstart Dr. Sherwan Bery im Berliner SO36. Bery ist Arzt und Gründungsmitglied des »Kurdischen Roten Halbmonds« in Nordsyrien, den er bis 2021 leitete. Die Angriffe beeinträchtigten den Alltag der Menschen in Nord- und Ostsyrien massiv. Hunderte Dörfer und Gemeinden waren durch die Angriffe komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bewohner*innen mussten ohne Strom im Dunkeln ausharren.

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Stromausfälle schaden Landwirtschaft

Doch Licht ist nicht das einzige Problem. Ohne Strom kann man auch kein Trink- und Nutzwasser pumpen, die Landwirtschaft ist stark betroffen – in einer Region, die ohnehin bereits massiv vom Klimawandel betroffen ist und in der es im Sommer regelmäßig über 45 Grad heiß wird. Dazu behindern die Angriffe auch die humanitäre Hilfsarbeit in der Region. »Wir konnten während der Bombardements kaum arbeiten«, berichtet Dr. Bery weiter. Dies betraf nicht nur den Roten Halbmond, auch die Infrastruktur westlicher Hilfsorganisationen war Angriffsziel des Nato-Mitglieds Türkei.

So wurde in der nordsyrischen Stadt Kobane das Krankenhaus zerstört; es bot der Stadtbevölkerung eine kostenlose Ambulanz und wird vom Verein »Armut und Gesundheit« des Notfallmediziners Gerhard Trabert unterstützt. In der Stadt Qamishlo wurde ein Behandlungszentrum für Dialyse-Patienten und eine Produktionsstätte für medizinischen Sauerstoff zerstört, die auch mit Spendengeldern von deutschen Organisationen errichtet wurden.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan rechtfertigt die Angriffe auf die Autonomieregion mit dem Recht auf Selbstverteidigung, auch wenn die Menschen in Nordsyrien die Türkei nie angegriffen haben. Seit Jahrzehnten geht die Türkei gegen die kurdische Bevölkerung vor. Ankara betrachtet kurdische Souveränität als Gefahr – sowohl im eigenen Land als auch in Nord- und Ostsyrien. Zudem gibt Ankara an, im Norden Syriens keine zivilen Ziele anzugreifen, sondern nur Stellungen des von der kurdischen Miliz YPG angeführten multiethnischen Militärbündnisses »Syrische Demokratische Kräfte.«

Dem widerspricht Anita Starosta von der Hilfsorganisation Medico International. Starosta war vor wenigen Wochen in der Region und hat sich mit lokalen Partnern ausgetauscht: »Die Situation ist verheerend, viele Menschen versuchen zu fliehen«, sagt sie im Gespräch mit »nd«. »Die Menschen brauchen jetzt Unterstützung beim Wiederaufbau, es fehlt nahezu an allem.« Daher hat sich Medico entschlossen, die Kampagne »Solardarity« zu unterstützen und ein Spendenkonto zur Verfügung zu stellen, damit die Gelder wirklich vor Ort ankommen. Die Verteilung der Solarpanels übernehmen die Menschen vor Ort.

»Unsere Partner in Nordostsyrien entscheiden anhand von Bedarfsanalysen und den humanitären Grundsätzen selbst, wo und wie die Solarpanels verteilt werden«, erklärt Starosta. »Sie wissen am besten, wo Energie am dringendsten benötigt wird.« Durch die jahrelange Arbeit vor Ort hat Medico International gute Kontakte in die Kommunen, Städte und zur autonomen Selbstverwaltung. So soll vermieden werden, dass es vor Ort zu Konkurrenz kommt. Lokale Kooperativen und Landwirte haben bereits begonnen, Solarpanele selbst aufzubauen. Die Kommunalverwaltungen unterstützen dies, allerdings gibt es bisher keine Möglichkeit, Panele zur Verfügung zu stellen, weil das Geld fehlt.

Solidarität mit den Menschen

»Wir sind es den Menschen in Nord- und Ostsyrien schuldig, dass wir ihnen helfen«, erklärte daher am Dienstag Ibo Mohamed von Fridays for Future Deutschland und sagte Unterstützung für die Kampagne zu. »Wenn die Menschen gerade Solarpanels brauchen, helfen wir gerne und sammeln Geld«, so Mohamed weiter. Doch am Ende ist es nicht nur die eine Million Euro, die zusammenkommen soll. »Es kommt gar nicht so sehr auf die Höhe der Spenden an, entscheidend ist die Solidarität mit den Menschen in Nordsyrien. Wir dürfen sie nicht vergessen«, sagte Dr. Sherwan Bery.

www.solardarity-rojava.org/spenden/

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