»L’Etat Et Moi« von Blumfeld: Der Staat und ich

Das war auch »Hamburger Schule«: Vor 30 Jahren erschien das Album »L’Etat Et Moi« von Blumfeld

Das war Gesellschaftstheorie auf der Höhe der Zeit.
Das war Gesellschaftstheorie auf der Höhe der Zeit.

Niemand würde die Band Blumfeld als Punk bezeichnen. Formal erfüllen sie keines der Kriterien von Dilettantismus, Unmittelbarkeit der Wut und Aggression. Die am Popschema geschulten Kompositionen, lyrischen bis offen kitschigen Texte, die Intellektualität und Feingeistigkeit ihres Frontmanns und die bürgerliche Ich-Bezogenheit – all das wirkt unendlich weit entfernt vom schnellen, schrammeligen Underground. Und trotzdem haben Blumfeld vor 30 Jahren Punkgeschichte geschrieben, genauer gesagt: das Ende der Geschichte.

1994 erschien das Album »L’Etat Et Moi« mit der vielsagenden Andeutung der berühmten Sentenz des französischen Sonnenkönigs, der gesagt haben soll: »L’etat, c’est moi.« Bei ihm fielen Staat und seine Person in eins. Bei Blumfeld wurde daraus die künstlerische Bestimmung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft, über »den Staat und mich«. Als Gegensatz war dies die höchste Ausdrucksform des Punk. Dieser artikulierte diese Zwangsbeziehung als beschissenes Faktum, widersetzte sich performativ oder kompensierte nihilistisch über. Blumfeld aber besangen die Einsicht, dass der Staat kein zu attackierendes Gegenüber mehr ist, sondern ein Selbstverhältnis.

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»L’Etat Et Moi« erschien vor fast genau 30 Jahren, Ende August 1994. Es war eine Zeit der musikalischen Selbstfindung. Gewohnte Genres und Ausdrucksmöglichkeiten waren, wie die bipolare Weltordnung 1989/90, zerfallen. Einer ganzen Generation von Musiker*innen blieb in ihrer Orientierungslosigkeit eigentlich nur die Intellektualisierung als Fluchtpunkt. Was als »Hamburger Schule« später berühmt wurde, ist zu großen Teilen nichts anderes als eine Neuzusammensetzung der »einfachen Rockmusik«, wie sie etwa Tocotronic besangen, auf einer höheren und nicht unmittelbaren Reflexionsstufe. Formal orientierte sich die ganze Szene uneingestanden am musikalischen Erweckungserlebnis des Noise-Rock von Sonic Youth. Inhaltlich aber war der Ausdruck einer Gesellschaftskritik auf der Höhe der Zeit tatsächlich Neuland.

»Authentischen« Punk gab es nur um den Preis einer Erstarrung zum nostalgischen Relikt. »Bullenschweine« und »Fickt das System« tauchten nur mehr als Reminiszenz auf, wie etwa in der gleichnamigen EP von Die Sterne aus dem Jahr 1992. Der Tendenz nach ging es in die Introspektion: Die Aeronauten lieferten 1995 den Abgesang auf die politische Existenz und suchten stattdessen »lieber eine Freundin«, Tocotronic wollten im selben Jahr zwar noch »Teil einer Jugendbewegung« sein, drückten damit aber vielmehr das Leiden an der eigenen Unbestimmtheit aus, das zu ihrem Markenkern wurde. Andere wie Huah! orientierten sich gleich hin zum Dadaismus. Blumfeld, eine der prägenden Bands jener frühen »Hamburger Schule«, wählten augenscheinlich den Weg der Poesie, der ihre späteren Werke dann bis zum Schlager führte.

Mit »L’Etat Et Moi« aber lieferten sie 1994 ein absolutes Ausnahmealbum. Zwei Jahre nach ihrem Debut »Ich-Maschine« präsentierten sie auf der Platte eine Form der gesellschaftlichen Reflexion, die die Höhe der Debatten linker Sozialtheorie sogar überbot. Das Aufkommen der Neuen Linken in den 70er und 80er Jahren war begleitet von der theoretischen Einsicht Michel Foucaults, dass Macht nicht einfach nur ein staatliches Herrschaftsverhältnis sei, sondern die produktiven Beziehungen benennt, die Individuen zu Subjekten werden ließen. Er formulierte damit eine Art neuer Hoffnung der 68er auf politischen Widerstand: Denn wenn die Macht nicht mehr zentral ist, sondern quasi überall, dann braucht es keine Revolution oder Eroberung des Staates, dann ist Widerstand im Subjekt selbst angelegt. Wir können uns unsere eigene Geschichte machen.

Das Entdecken dieser produktiven Macht sorgte für ein »Verschwinden« des Staats aus Theorie und Wirklichkeit: Subjektivierung statt ideologische Anrufung, Regierung des Selbst und Gouvernementalität statt Herrschaft, Diskurs statt Ideologie. Zurück blieb ein vereinzeltes und von unbekannten Kräften bedrängtes Individuum. Blumfeld standen auf dem Boden dieser Entwicklung. Aber bevor sich Sänger Jochen Distelmeyer später dem Kitsch von Depression, unerfüllter Liebe und Empowerment hingab, sang er in dem albumdefinierenden Song »Eine eigene Geschichte« wütend und mit sich fast überschlagender Stimme: »Der Staat ist kein Traum, ist sogar in meinen Küssen ein mich gestaltender (…) und weltverwaltender Zustand, eher Raum als Position. Und so organisiert er sein Verschwinden, indem er sich durch mich bewegt: durch Gedanken aus Stein, aus Licht eine Mauer, eine Sonne aus Eisen und eine Sprache aus Trauer.«

Der Staat verschwindet in »eine Zerstreuung aus unzähligen Teilchen, die wie die Splitter eines Spiegels das ganze Bild bewahren« und hinterlässt das Subjekt als »Staat im Staat in der ersten Person«. Distelmeyers Dichtkunst gibt sich zunächst der Fantasie hin, das Verschwinden könnte die Freiheit des vollkommenen Individuums bedeuten: Im Lied »Ich – wie es wirklich war« will er als Subjekt eins sein mit der Macht, mit der erschaffenden Sprache – »und ließ mich nieder, wo ich mich beherrsche, in den Liedern und in den Sätzen«. Aber das Drehen um sich selbst stößt an seine Grenzen. In »Eine eigene Geschichte« artikuliert der Sänger seine Wut gegen die gesellschaftliche Ohnmacht, die ihm »den Traum aus dem Kopf geschlagen« hat, unabhängig von der Gesellschaft existieren zu können. Er will eine eigene Geschichte haben, aber diese »eigene Geschichte, aus reiner Gegenwart, sammelt und stapelt sich von selbst herum um mich«.

»Plötzlich ist Platzangst bei dir«, heißt es dann in »Sing Sing«, das Distelmeyer zur Musik nicht singt, sondern spricht. Die Hoffnung auf befreite Individualität kippt zurück in Unfreiheit. Poetisch und materialistisch löst Distelmeyer diesen Zusammenhang auf, denn »die Angst, die du fühlst, ist das Geld, das dir fehlt, für den Preis, den du zahlst, für etwas, das für dich zählt und dich sicher sein lässt, dass du da (wo du hingehörst) bist«. Das ist das nüchterne Fazit der Hoffnungen jener kleinen Kulturrevolutionäre der 68er, von denen 20 Jahre später nur mehr die Ideologie übrig geblieben war, dass man doch alles erreichen könne, wenn man sich selbst nur leidenschaftlich genug investiert. Distelmeyer singt düster von diesem vererbten Freiheitsversprechen der Unangepassten: »Ich wollte mir einen Namen geben, nicht in Staaten, nicht in Vollzugsanstalten leben. Und baute statt Staat einen Turm. Sohn meiner Eltern und dagegen, etwas ging schief. Hochstaplerkarriere auf der Lauer, der Turm fiel um und wurde Mauer.«

In dem Song »Superstarfighter« – zu dem sich die gesamte »Hamburger Schule«-Prominenz als Chor für die gemeinsame Refrainzeile »Und davon handeln wir« versammelte – erzählt Distelmeyer dann die Episode einer Trennung: »Als der Sturm weg war, kamst du zu mir und du sagtest, los komm erklär mir: in den Liedern, die du spielst, ist immer weniger von dir selber drin. Stimmt genau, sag’ ich, die sind so, wie ich selber bin.«

Blumfelds »L’Etat Et Moi« ist kein Konzeptalbum großer theoretischer Erkenntnis. Hier wird nicht einfach alles Leiden auf die Herrschaft projiziert, die das Subjekt wie eine Marionette führe. Da gibt es die Trennungsschmerzen, die einen fühlen lassen wie »Draußen auf Kaution«, da gibt es bürgerlichen Weltschmerz, Freundschaft, Freude und Trauer. Blumfeld reflektieren subjektive Erfahrungen als den Ausdruck der Vermittlung von individueller Existenz und staatlicher Herrschaft. Und sie wehren sich gegen das Zwangsverhältnis mit ihren einzigen Mitteln: mit Poesie, mit Wort- und Bedeutungsspielen, unzähligen Referenzen von Kristof Schreufs Parole »Alles Feind« bis Hildegard Knef – und mit zunehmender Traurigkeit.

30 Jahre später ist es schwer, Blumfelds Album als die sensationelle Platte zu erkennen, die sie ist. Auf uns wirkt das spezifische Aufbegehren von »L’Etat Et Moi« genauso gegenstandslos wie die anachronistischen Protestsongs und Punknummern, weil sich jene Entwicklung der »Macht« längst weitergedreht hat. In den 90er Jahren gipfelte das Unbehagen noch einmal in Konsum- und Entfremdungskritik. Leute schauten »Matrix« und »Fight Club«, mussten sich aber zugleich als Ich-AG vor dem Abbau des Sozialstaats retten. Und seit geraumer Zeit sind sie in eine schier endlose Schleife der ewigen nostalgischen Wiederkehr des Immergleichen geraten, die alle Spezifik des künstlerischen Ausdrucks in der Äquivalenz bloßer Formen ausgelöscht hat. Es ist vielleicht unmöglich geworden, mit derselben Radikalität wie Blumfeld damals um einen künstlerischen Ausdruck zu ringen.

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