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Deutschland schielt auf Chiles weißes Gold

Präsident Boric und Kanzler Scholz reden einem Ausbau der Zusammenarbeit das Wort

  • Malte Seiwerth
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Lithiumförderpumpe pumpt in einer Lithiummine in der Atacama-Wüste. Der Boom bei Elektroautos lässt den Bedarf an Batterien und damit die Nachfrage nach Lithium rasant ansteigen.
Eine Lithiumförderpumpe pumpt in einer Lithiummine in der Atacama-Wüste. Der Boom bei Elektroautos lässt den Bedarf an Batterien und damit die Nachfrage nach Lithium rasant ansteigen.

»Deutschland und Chile verbindet eine enge Freundschaft, die sich weiter verbessert.« Mit diesen Worten begann Bundeskanzler Olaf Scholz die gemeinsame Pressekonferenz beider Staatschefs am späten Montagnachmittag in Berlin. Beide Regierungen verbinde der Wille, gemeinsam den wirtschaftlichen Umbau zu mehr Umweltschutz und Einhaltung der Klimaabkommen zu fördern.
Obwohl der chilenische Staatschef Gabriel Boric von einer »Beziehung auf Augenhöhe« sprach, machten beide Regierungschefs die Rolle ihrer jeweiligen Staaten sehr deutlich. Deutschland will derzeit vor allem Lithium und liefert dafür Forschungsgelder und wirtschaftliche Investitionen. Chile braucht Geld und hofft, teilweise eine Wertschöpfungskette im eigenen Land aufbauen zu können, um mehr Beschäftigung und Einkommen im Land anfallen zu lassen als beim Export.

Deutschland finanziert bereits mit mehreren Millionen Euro Forschungsprojekte im Bereich der erneuerbaren Energien, die in Chile von deutschen Forschungsinstituten in Kooperation mit chilenischen Universitäten umgesetzt werden. Chiles Staatschef spricht derweil von über einer Milliarde Euro, die deutsche Unternehmen in Chile investieren, und erwartet, dass sich diese Zahl nach seinem Besuch weiter erhöht.

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Deutschland ist derzeit Chiles fünftwichtigster Handelspartner, nach China, den USA, Brasilien und Argentinien. Hauptexportprodukt nach Deutschland war im Jahr 2022 Kupfer, Hauptimportprodukte waren Flugzeuge, Autos und Medikamente. 2023 war Chile nach Australien der zweitgrößte weltweite Lieferant von Lithium, Trägerstoff für Lithium-Ionen-Batterien. Gerade in diesem Bereich konkurriert Deutschland stark mit anderen Ländern wie China und den USA. Chinesische Unternehmen besitzen derzeit 22 Prozent des größten chilenischen Lithiumproduzenten SQM, ein ehemaliges staatliches Unternehmen, das während der Militärdiktatur von 1973 bis 1990 an den Stiefsohn des Diktators Augusto Pinochet, Julio Ponce Lerou, verscherbelt wurde. Um die Produktion von Lithium in den kommenden Jahren zu verdoppeln, ging das staatliche Minenunternehmen Codelco im Frühjahr 2024 eine Kooperation mit SQM ein.

Die Kooperation von Codelco mit SQM wird in linken Kreisen kritisiert, da mit dem Privatunternehmen SQM ein direkter Nutznießer der Militärdiktatur gefördert wird. Umweltorganisationen und Vertreter*innen der indigenen Bevölkerung vor Ort zeigten zudem auf, dass die Regierung weitere Wasserverkommen in der Atacamawüste dem »grünen« Wirtschaftsumbau im Globalen Norden opfere, schrieben 55 Umweltorganisationen in einer gemeinsamen Deklaration im März 2024. Die Regierung habe zudem gegen das internationale Abkommen zum Schutz indigener Völker, kurz ILO 169, verstoßen. Denn die Ausweitung des Lithiumabbaus hätte unbedingt mit den indigenen Gemeinschaften koordiniert werden müssen. Im Januar 2024, kurz nach Ankündigung der Ausweitung der Abbauflächen, blockierten indigene Gemeinschaften für mehrere Tage die zentralen Straßen um das wichtigste Abbaugebiet im Norden Chiles.

Deutsche Unternehmen hegen großes Interesse an den Rohstoffen und sind sich der Wasserproblematik in der trockensten Wüste der Welt, wie die Atacamawüste auch genannt wird, durchaus bewusst. Über die staatliche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) finanzieren unter anderem Mercedes-Benz, Volkswagen, BMW und Fairphone ein Entwicklungsprojekt, das die Verwaltung des Wassers verbessern und den Wasserkonsum durch die lokale Tourismusindustrie und Bevölkerung reduzieren soll.

Kaum Erwähnung fand in der Pressekonferenz der Aufbau einer lokalen Wasserstoffindustrie zum zukünftigen Export von Energie nach Europa. Chile produziert bereits zwei Drittel seiner Energie aus erneuerbaren Quellen und baut insbesondere die Solarenergie enorm aus. Ziel der Regierung in Chile ist es daher, daraus einen neuen Exportsektor zu machen. Dafür setzte bereits die rechte Vorgängerregierung unter Präsident Sebastián Piñera einen »Grünen Wasserstoffplan« auf, der von der derzeitigen Regierung leicht überarbeitet wurde. Dieser besagt, dass bereits ab 2025 grüner Ammoniak, ein leichter zu transportierendes Vorprodukt von grünem Wasserstoff, exportiert werden soll.

Deutschland förderte den Ausbau mit dem Bau einer Testanlage im Süden Chiles, die mit Windenergie grünen Wasserstoff für den Betrieb des Rennstalls des Autoherstellers Porsche produziert. Die Anlage wurde bereits Ende 2022 in Betrieb genommen und soll derzeit ausgebaut werden. Weitere Anlagen, die bereits vom chilenischen Staat gefördert wurden, sind derzeit in Verzug und es ist unklar, ob und wann der Bau beginnt. So bleibt es beim Export von traditionellen Rohstoffen in die industrialisierten Länder. Zum Schluss der gemeinsamen Pressekonferenz unterstrich Boric noch die internationalen Prioritäten beim Kampf gegen den Klimawandel. Sein Land stoße relativ wenig CO2 aus und sei auf dem besten Weg, die Klimaziele zu erfüllen. Es sei nun auch Aufgabe der großen CO2-Emittenten, die eigene Industrie umzubauen, um die Klimakrise in ihrem Umfang einzudämmen.

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