Māori erreichen Millionenmarke

Nach Erhebungen der Statistikbehörde hat die Zahl der neuseeländischen Ureinwohner deutlich zugenommen

  • Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor dem neuseeländischen Parlament in Wellington wurde für die Rechte der Indigenen demonstriert.
Vor dem neuseeländischen Parlament in Wellington wurde für die Rechte der Indigenen demonstriert.

Flächenmäßig ist Neuseeland kein kleines Land. Der Pazifikstaat, der aus zwei großen Inseln besteht, ist mit fast 269 000 Quadratkilometern sogar ein wenig größer als Großbritannien. Neuseelands frühere Premierministerin Helen Clark projizierte einst in einem Post auf der Plattform Twitter ihr eigenes Land auf eine Karte von Europa, um zu zeigen, dass Neuseeland sich in voller Länge in etwa von Kopenhagen bis nach Südfrankreich erstrecken würde.

Dass Neuseeland trotzdem stets als »kleines« Land angesehen wird, liegt eher an seiner geringen Bevölkerungszahl. Laut offiziellen Angaben der Volkszählung aus dem vergangenen Jahr leben weniger als fünf Millionen Menschen in Neuseeland – genauer gesagt: 4 993 923 Personen. Dies sind immerhin 300 000 mehr als bei der letzten Zählung 2018. Doch die Zahl, die es bei diesem Zensus zu beachten gilt, ist eine andere: Schaut man auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen, so zeigt sich, dass die indigene Bevölkerung inzwischen 978 246 Menschen umfasst. Zudem wachsen die Māori-Völker doppelt so schnell wie die Gesamtbevölkerung: Seit 2018 ging es um 12,5 Prozent nach oben, während die Gesamtbevölkerung im gleichen Zeitraum nur um 6,3 Prozent zunahm.

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Die Statistikbehörde des Landes, Stats NZ, nimmt zudem an, dass etliche Māori keine Volkszählungsformulare ausgefüllt haben und manche gar nicht wissen, dass sie Ureinwohner-Erbe haben. Somit wird die Millionengrenze vermutlich leicht überschritten. Außerdem ergab der Zensus, dass das Durchschnittsalter der Māori 27,2 Jahre beträgt. Damit liegt es deutlich unter dem Durchschnittsalter der gesamten neuseeländischen Bevölkerung mit 38,1 Jahren. Fast jeder Dritte unter 25 Jahren identifiziert sich mittlerweile als Māori.

Für die Māori ist diese positive Entwicklung ein historischer Meilenstein. Seit die Briten auf die Inseln kamen und Neuseeland 1840 eine britische Kolonie wurde, sank die indigene Bevölkerung von geschätzt einer Viertelmillion Menschen auf knapp über 40 000 in den 1890er Jahren.

Die Schuld daran trugen weitestgehend die Neuankömmlinge, die Krankheiten einschleppten und den Māori Land wegnahmen und sie damit in die Armut stürzten. Tausende Ureinwohner kamen Anfang des 19. Jahrhunderts aber auch bei Stammeskämpfen – den sogenannten Musketenkriegen – ums Leben. Mit den Waffen, die die Europäer mit ins Land gebracht hatten, endeten die Dispute, die die Indigenen untereinander ausfochten, deutlich tödlicher. Später kam es zudem zu Konflikten mit den europäischen Siedlern, die ins Land drängten.

Ein Fünftel der Bevölkerung

Unter den Siedlern verbreitete sich in den Folgejahren dann immer mehr der Glaube, die Māori seien eine »aussterbende Rasse«. Dass sie nun rund eine Million Menschen zählen und damit ein Fünftel der neuseeländischen Bevölkerung ausmachen, werten viele als Erfolg für die Indigenen.

Trotz der positiven Entwicklung gibt es jedoch auch kritische Stimmen. So mahnte ein Internetnutzer, dass die Ureinwohner stets über einen Kamm geschoren würden und zu selten über die in Neuseeland ebenfalls ansässige Ethnie der Moriori und ihren Status quo berichtet werde. »Die Moriori erlebten eine tragische Zeit der Kolonialisierung und Unterdrückung«, schrieb der Kritiker auf X und verwies auf einschneidende Ereignisse wie den Moriori-Völkermord in den 1830er Jahren, bei dem Māori-Stämme Hunderte Moriori, die damals auf den Chatham Islands lebten, töteten und den Rest versklavten. »Dieses Ereignis reduzierte die Moriori-Bevölkerung drastisch und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Kultur und Gesellschaft.«

Priorisierung der Indigenen

Andere Stimmen stellten die Genauigkeit der Ergebnisse der Volkszählung infrage. Das Wachstum der Māori lasse sich teilweise wohl auch darauf zurückführen, dass sich einige Neuseeländer inzwischen als Māori identifizierten, »um von den zusätzlichen Vorteilen zu profitieren, die diese erhalten«, schrieb ein Internetnutzer. Tatsächlich ist die Priorisierung der Indigenen im Gesundheitssystem – so sind beispielsweise die Wartezeiten bei Operationen kürzer – ein wunder Punkt für einen Teil der restlichen Bevölkerung.

Wie lange die Ureinwohner jedoch noch spezielle Unterstützung erhalten, um einige Benachteiligungen wieder wettzumachen, bleibt abzuwarten. Die rechtskonservative Regierung, die seit der Wahl im Oktober das Land führt, versucht derzeit mehrere Schlüsselprogramme ihrer sozialdemokratischen Vorgänger wieder rückgängig zu machen. So stampfte Neuseelands Premierminister Christopher Luxon ein weltweit bisher recht einzigartiges Gesetz ein, das vorsah, künftigen Generationen den Kauf von Tabak zu verbieten. Dadurch sollte vor allem die Gesundheit der Indigenen verbessert werden, von denen ein höherer Anteil an Lungenkrebs stirbt.

Im Februar kam es am Nationalfeiertag – dem Waitangi Day – zu Demonstrationen der Indigenen, vor allem weil zwischenzeitlich auch diskutiert wurde, die Auslegung des Vertrages von Waitangi infrage zu stellen. Der wurde 1840 zwischen der britischen Krone und den Māori geschlossen und gilt als Gründungsdokument Neuseelands. Premier Luxon ließ die Idee aber wieder fallen.

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