»Reichsbürger«-Prozess: Wer ist Rüdiger von Pescatore?

Der Ex-Offizier gilt neben Heinrich XIII. Prinz Reuß als der zweite mutmaßliche Rädelsführer einer Terrororganisation

  • Joachim F. Tornau
  • Lesedauer: 4 Min.
Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages salutierte Rüdiger von Pescatore.
Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages salutierte Rüdiger von Pescatore.

Eigentlich hätte die Vernehmung der Zeugin schon nach wenigen Minuten wieder vorbei sein können. Im Frankfurter Prozess gegen die mutmaßliche Führungsriege der »Reichsbürger«-Verschwörung um Heinrich XIII. Prinz Reuß soll die Kriminalbeamtin am Dienstag berichten, was sie vor anderthalb Jahren an Informationen über den ehemaligen Bundeswehr-Offizier Rüdiger von Pescatore zusammengetragen hat.

Heute ist der 70-Jährige angeklagt, neben Prinz Reuß der Rädelsführer bei den Putschplänen der »Patriotischen Union« gewesen zu sein. Damals aber, als die Festnahme der mutmaßlichen Rechtsterrorist*innen bei der größten Polizeiaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch in der Zukunft lag, war das Wissen über den Mann recht dürftig.

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Entsprechend wenig kann die Kriminaloberkommissarin sagen. Dass von Pescatore drei Kinder habe, referiert sie. Dass er irgendwann nach Brasilien ausgewandert sei, wo er als Geschäftsführer verschiedener Consulting-Firmen tätig gewesen sei. Und dass er offenbar eine monatliche Rente in Höhe von 1383,98 Euro bezogen habe. Sein militärischer Hintergrund? »Es gab Hinweise, dass er für die deutsche Bundeswehr gearbeitet hat«, sagt die Beamtin.

Es soll erst einmal nicht um den Anklagevorwurf gehen

Der immer noch schneidig wirkende Ex-Oberstleutnant hat in der Tat eine lange Karriere bei der Bundeswehr hinter sich. 28 Jahre lang war er Soldat, zeitweilig führte er als Bataillonskommandeur das Fallschirmjägerbataillon 251 in Calw, eine Vorgängereinheit der Elitetruppe Kommando Spezialkräfte (KSK). 1999 wurde er aus dem Dienst entlassen, weil er sich Waffen aus den Beständen von NVA und DDR-Volkspolizei illegal unter den Nagel gerissen hatte. Beim Auftritt der Zeugin aber kommt das nicht zur Sprache. Sobald sie auch nur in die Nähe des Anklagevorwurfs gerät, beim Besitz von Waffen oder einem Satellitentelefon etwa, wird sofort interveniert: Es soll erst einmal nur um Informationen zur Person gehen.

Ein Buch mit dem Titel »Freie Impfentscheidung« und Blankovordrucke für negative Corona-Tests, die in dem vom Angeklagten genutzten Gästezimmer bei seiner Tochter gefunden wurden, kann die Beamtin gerade noch erwähnen. Dann zieht der Senat auch hier die Notbremse.

Es könnte schnell vorbei sein mit der Vernehmung. Doch schnell geht nichts, in diesem Prozess mit neun Angeklagten und mehr als 25 Verteidiger*innen. Allein zweieinhalb Stunden vergehen, ehe die Befragung der Polizistin überhaupt beginnen kann. Erst einmal wollen die Anwält*innen die Zeugenvernehmungen der vergangenen Woche kommentieren, als Polizeibeamte zur Person von Prinz Reuß Auskunft gaben. Von »tendenziöser Falschdarstellung« ist die Rede, von einer »Wolke der Unredlichkeit«, von »Inkompetenz« und »Mittelmaß«.

Ein Verteidiger aus der rechtsextremen Szene

Bemerkenswert: Es sind keineswegs allein die Anwälte von Prinz Reuß selbst, die da so kräftig abledern und ein vermeintlich falsches Bild ihres Mandanten geraderücken wollen. Die es zum Beispiel für unredlich erklären, wenn Dokumente aus der Nazi-Zeit oder ein Wehrmachtsliederbuch als »NS-Devotionalien« bezeichnet werden. Oder wenn hervorgehoben wird, dass im Büro von Prinz Reuß eine Schrift des Shoah-Leugners Gerard Menuhin gefunden wurde. »Ein weltoffener und politisch interessierter Mensch beliest sich in verschiedenen Richtungen«, sagt Reuß-Anwalt Roman von Alvensleben.

Die meisten Verteidiger*innen in diesem Prozess scheinen nicht nur für die eigenen Mandant*innen in die Bresche springen zu wollen, sondern auch für die Mitangeklagten. Und so nehmen sie auch die BKA-Beamtin stundenlang ins Kreuzverhör. Offenkundiges Ziel: die Ermittlungen in Misskredit zu bringen.

Ganz besonders tut sich dabei ein Verteidiger hervor, der als Ersatz für einen an Krebs erkrankten Kollegen an diesem siebten Verhandlungstag zum ersten Mal dabei ist: Olaf Klemke aus Cottbus, ein Anwalt der rechtsextremen Szene, der vor allem als Verteidiger des NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben bekannt geworden ist. Er schreckt nicht einmal davor zurück, die Zeugin mit sexistischen Bemerkungen zu verhöhnen.

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