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AfD-Wählerinnen: Steigbügelhalterinnen patriarchaler Herrschaft

Veronika Kracher hat vier Gründe ausgemacht, warum Frauen bei der EU-Wahl die AfD gewählt haben

Zwei Frauen, eine Meinung: Gegen den Islam und für Deutschland und die AfD.
Zwei Frauen, eine Meinung: Gegen den Islam und für Deutschland und die AfD.

Meine Mutter war kurz nach der Europawahl zu Besuch. Wir sprachen über das desaströse Wahlergebnis: die Niederlage der Linken und das Erstarken rechtsradikaler Parteien, gerade in Deutschland. »Wieso wählen eigentlich Frauen rechts oder werden faschistisch aktiv? Damit schaden sie sich doch letztendlich selbst!«, sagte mir meine Mutter und guckte mich irritiert an.

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Bei der Europawahl haben zwölf Prozent aller Wählerinnen ihr Kreuz bei der AfD gemacht – und damit gegen ihre eigenen Interessen gestimmt. Wieso sind wir eigentlich nicht alle Feminist*innen? Sondern im Gegenteil: Warum identifizieren sich so viele Frauen mit genau jener patriarchalen Gewalt, unter der sie selbst leiden, und fungieren dann als Steigbügelhalterinnen oder gar selbst brutale Exekutorinnen patriarchaler Herrschaft gegen ihre Geschlechtsgenossinnen?

Das hat vier wesentliche Ursachen:

  1. Die Verleugnung feministischer Erkenntnis aus »Selbstschutz«
  2. Die Girlboss-Lüge
  3. Internalisierte Misogynie
  4. Identifikation mit Herrschaft

Zu 1.: Das Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt hat etwas traumatisierendes. Es ist nachvollziehbar, dass viele weiblich sozialisierte Menschen aus einem Selbstschutz heraus verdrängen, dass Männer uns sexualisieren, sobald uns die ersten A-Cups wachsen. Dass wir aufgrund unserer Geschlechtszugehörigkeit nicht ernst genommen werden. Dass uns vermittelt worden ist, dass unser primäres Kapital unsere Sexualität sei. Dass Jungen und Männer uns sexuelle Gewalt angetan haben, stellenweise in einem Alter, in dem wir gar nicht das Bewusstsein und die Begriffe dafür hatten.

Veronika Kracher

Veronika Kracher, geboren 1990, hat Soziologie und Literatur studiert und ist seit 2015 regelmäßig als Autorin und Referentin mit den Arbeitsschwerpunkten Antifeminismus, Rechtsextremismus und Online-Radikalisierung tätig. Zudem ist sie Expertin für belastende Männer im Internet. Für »nd« schreibt sie die monatliche Kolumne »Jenseits des Patriarchats«.

Antifeminist*innen sagen gerne: »Der Feminismus macht Frauen zu Opfern.« Das stimmt nicht – das Patriarchat ist es, das Frauen und queere Menschen in eine Opferposition zwingt. Der Feminismus macht diesen Zustand bewusst – und gibt FLINTA* (Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen) so die Möglichkeit, ihn zu kritisieren und durch kollektive, solidarische Organisation zu bekämpfen.

Ein besonders perfider Aspekt patriarchaler Ideologie ist es, sie zur Normalität zu deklarieren – und dem Hinterfragen dieser Normalität wird mit Hohn, Gaslighting oder Gewalt begegnet. Es ist nachvollziehbar, wenn sich gerade Frauen unbewusst dafür entscheiden, sich mit der Barbarei des Geschlechterverhältnisses abzufinden. Feminismus muss auch immer bedeuten: Wir müssen Verhältnisse schaffen, in denen eine feministische Bewusstseinswerdung und damit die Erkenntnis über all das Leid und die Brutalität patriarchaler Herrschaft solidarisch und sicher aufgefangen werden kann.

Zu 2.: Es gibt Frauen, die behaupten, diese Solidarität gar nicht zu brauchen. »Ich brauche keine Frauenquote, ich kriege das auch alleine hin« ist eines der klassischen Argumente. Diese Aussage beinhaltet: »Ich weiß durchaus, dass es eine systematische Unterdrückung von Frauen gibt – aber eine Überwindung derselben ist mir egal, solange ich es nach oben schaffe.« Wie auch bei Lohnabhängigen, die sich gewerkschaftlicher Organisation verweigern, wird hier das Bekenntnis zur Notwendigkeit kollektiver Arbeit abgewehrt. Die Verhältnisse selbst sollen hier nicht überwunden werden, sondern die Einzelne will sich eigenständig durchbeißen – und kann danach im besten Falle andere Frauen ausbeuten, als Chefin einer unterbezahlten Reinigungskraft zum Beispiel.

Zu 3.: Es war anstrengend, eine Teenagerin in den Nullerjahren gewesen zu sein. Denn: Alles, was weiblich konnotiert ist, war cringe, lächerlich, wertlos. Cool hingegen war es, »nicht wie die anderen Mädchen« zu sein, wie Avril Lavigne und später Taylor Swift erklärten. Weil Mädchen, die sind oberflächlich und interessieren sich nur für Jungs und Make-up und nicht für coole, männlich konnotierte Dinge wie gitarrenlastige Musik und zynischen Internet-Humor. Diese Vorstellung von Weiblichkeit ist natürlich nichts anderes als eine sexistische Zuschreibung, die Mädchen und Frauen abspricht, komplexe Subjekte mit individuellen Gedanken und Gefühlen zu sein.

Und damit kommen wir zu Punkt 4. Wer sich als Feminist*in zu erkennen gibt und die herrschenden Geschlechterverhältnisse kritisiert und/oder sich gender-nonkonform verhält, wird dafür nach wie vor abgestraft. Wer sich ihnen unterwirft, wird zumindest in Ruhe gelassen. Und wer sie forciert, kann damit stellenweise Karriere machen. Dies beweisen antifeministische Influencer*innen, Autor*innen und Politiker*innen. Ich nenne sie gerne die »Pick Me-Girls des Patriarchats«.

Antifeminismus geht von einer »richtigen«, vermeintlich »natürlichen« Geschlechtsperformance aus. Aus dieser Position werten Antifeministinnen regelmäßig Frauen ab, die einer »falschen« Weiblichkeit entsprechen, zum Beispiel dicke Frauen, queere Frauen, Sexarbeiterinnen, Feminist*innen, alleinerziehende Mütter. Aus dieser Abwertung resultiert dann eine narzisstische Selbstüberhöhung: »Ich bin eine von den Guten!«

Wenn Antifeministinnen andere Frauen angreifen, hat das zum Ziel, sich der patriarchalen Herrschaft anzubiedern und die gesellschaftliche Misogynie auf die als Feindbild markierte Verräterin an der Weiblichkeit zu lenken. Darin schwingt vermutlich eine naive Hoffnung mit: »Wenn ich andere Frauen verrate, dann lassen mich die Männer in Ruhe. Sie sehen mich als eine von ihnen.« Berichte von rechten Frauen oder Aussteigerinnen aus der Szene wie Lauren Southern oder Lisa Licentia über den Sexismus und Chauvinismus ihrer Kameraden zeigen aber auf, dass dies nicht der Fall ist. Da diese Vorstellung von Weiblichkeit eng mit der Idee der Frau als Repräsentantin ihres Volkes/ihrer Nation verknüpft ist, zählen auch migrantisierte Männer regelmäßig zu dem Feindbild von Antifeministinnen. Denn die »richtige« Weiblichkeit muss vor der Bedrohung des Fremden beschützt werden.

Das sind nur ein paar Gründe, wieso Frauen ihre eigenen Interessen und damit Geschlechtsgenoss*innen verraten: eine Mischung aus Frauenhass und reaktionärer Ideologie. Es ist die Identifikation mit der Gewalt aus der Hoffnung heraus, selbst von ihren schlimmsten Auswirkungen verschont zu werden, wenn man mitmacht. Oder gar – wie im Falle von religiösen Fundamentalistinnen, rechten Politikerinnen und antifeministischen Aktivistinnen – selbst zur (Mit-)Täterin wird. Über diese Frauen hat die Feministin Madeleine Albright das gesagt: »Es gibt einen besonderen Ort in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.« Gut gesprochen.

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