Schulen in Berlin: Mangel auf Dauer

Berlin fehlt große Zahl von Lehrkräften

Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU)
Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU)

Sie kann es nicht lassen: Die eigentlich als souverän geltende Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hat es sich zuletzt angewöhnt, bei öffentlichen Auftritten Berichte von Medien und Organisationen über Vorgänge in ihrem Haus zu kommentieren und »richtigzustellen«. Auch bei der Pressekonferenz nach der Senatssitzung am Dienstag schoss sie scharf: »Ich bedauere es, wenn die Berichterstattung stark tendenziös, wenn nicht gar unseriös ist«, sagte sie. »Ich zweifele stark an, dass der Bericht überhaupt gelesen wurde.«

Was war geschehen? Der »Tagesspiegel« hatte bereits am Montagabend über die Schülerbedarfsprognose für die kommenden Jahre berichtet, die eigentlich erst am Dienstag im Senat vorgestellt werden sollte. 5000 Lehrkräfte würden den Berechnungen nach im kommenden Jahr fehlen, so die Zeitung. Dieser Zahl widersprach Günther-Wünsch entschieden. An den Schulen seien für das kommende Schuljahr vielmehr 695 Stellen unbesetzt. Die Lage habe sich sogar eher ent- als verschärft: Vor einem Jahr habe die Zahl der unbesetzten Stellen noch 1500 betragen. »Wir konnten den Bedarf halbieren«, so Günther-Wünsch.

Die Zahl von 5000 fehlenden Lehrkräften taucht im Bericht allerdings tatsächlich auf, ist sogar Teil eines prominent platzierten Balkendiagramms. Dabei handele es sich aber um eine Rechengröße, gab Günther-Wünsch an. Die Zahl gebe nur die rechnerische Differenz zwischen den Schüler- und den prognostizierten Lehrerzahlen wider. Neueinstellungen seien noch nicht einberechnet. Ziehe man diese für das kommende Jahr ab, komme man auf besagte 695 Stellen, die noch unbesetzt seien.

Alle Rechenspiele können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berlin vor massiven Herausforderungen steht: Mehr als ein Drittel der Berliner Lehrkräfte wird in den kommenden acht Jahren in Pension gehen – 1600 pro Jahr. Zugleich wachsen die Schülerzahlen nach einer demografischen Delle wieder. Um fünf Prozent werde die Zahl der Schüler pro Jahr ansteigen, prognostizierte Günther-Wünsch. Der Bedarf steigt also, während die Versorgung sinkt.

Um die Lücke zu schließen, sollen zügig mehr Lehrkräfte an den Universitäten ausgebildet werden. 2500 Absolventen pro Jahr wurden als Zielgröße vereinbart. Zudem soll es möglich werden, dass Lehrkräfte auch nur mit einem Fach an Schulen unterrichten. Das betrifft fast ausschließlich Absolventen, die ursprünglich kein Lehramt angestrebt haben. Ein beträchtlicher Teil von ihnen arbeitet bereits an den Schulen – allerdings als sogenannte Seiteneinsteiger, die deutlich schlechter bezahlt werden als reguläre Lehrkräfte. Sie sollen via Quereinstieg zu vollwertigen Lehrkräften werden können. »Ich bin zuversichtlich, dass wir zeitnah Ein-Fach-Lehrkräfte in den Quereinstieg überführen können«, so Günther-Wünsch.

Auch unter den vorhandenen Lehrkräften soll umverteilt werden: Günther-Wünsch will an die sogenannte strukturelle Zumessung ran. Unter dem Begriff läuft Unterrichtszeit, die nicht für die Stundentafel genutzt wird. Dazu gehören etwa Sprachförderung, Inklusionsmaßnahmen und separate Lerngruppen. »Was bislang on top kam, was mit der Gießkanne verteilt wurde, kann definitiv nicht fortgesetzt werden«, so die Senatorin.

Statt der Gießkanne – also pauschaler Zuweisung der Mittel – soll die strukturelle Zumessung künftig gezielter eingesetzt werden. »Das Personal soll an den Standorten ankommen, wo es benötigt wird«, sagte Günther-Wünsch. An den Schulen gebe es unterschiedliche Bedarfe für die Strukturstunden. Dazu soll es nun Gesprächskreise mit Schulleitungen und -aufsicht geben, damit am Ende die »begrenzte Ressource Personal besser gesteuert werden kann«.

Für die Bildungssenatorin sind dies durchaus ungewohnte Töne. Bislang vertrat sie die Position, dass die Schulleitungen möglichst autonom über ihre Personalplanung entscheiden können sollen. Auf Nachfrage streitet ein Sprecher der Bildungsverwaltung allerdings ab, dass eine zentrale Steuerung geplant ist. Es gehe vielmehr um ein verbessertes Monitoring und Möglichkeiten für Schulen, die Mittel gezielter einzusetzen.

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