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Philosophie-Festivals: Das Denken als Spektakel

In Berlin feierte man das »Denkfest« Philo.live! – und die Warenförmigkeit des Denkens

Auf der Bühne der Phil.Cologne werden wechselnde Philosoph*innen platziert – wer da spricht und was gesagt wird, ist per Definition beliebig.
Auf der Bühne der Phil.Cologne werden wechselnde Philosoph*innen platziert – wer da spricht und was gesagt wird, ist per Definition beliebig.

»Was ist Philosophie?«, diesen Buchtitel findet man verlässlich bei vielen der großen Köpfe der letzten 100 Jahre – »Wozu (noch) Philosophie?« als dessen dramatischere Zuspitzung. Anscheinend ist die Philosophie der ständigen Gefahr ausgeliefert, bedeutungslos zu sein. Tatsächlich hat sie es spätestens seit Marx schwer. Ihr fehlt, wie es Althusser einmal formulierte, der wirkliche Gegenstand (d’object propre) und sie droht nur um das Denken selbst zu kreisen. Oder, wie Adorno es der bürgerlichen Philosophie ideologiekritisch vorhielt: Sie kippt in den Idealismus und die Verblendung über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie eigentlich wahrheitsgemäß deuten soll.

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In kaum einem Moment allerdings kommt die Philosophie so sehr zu ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit, zu reiner Selbstreferenz und idealistischer Verblendung wie auf einem »Philosophie-Festival«. Hier soll das »Bedürfnis nach Orientierung im Denken und Handeln« die Menschen zusammenbringen, wie alljährlich beim Internationalen Festival der Philosophie, der Phil.Cologne, die seit 2013 in Köln stattfindet. Was man dort bekommt, ist aber das Spektakel des Denkens um des Denkens willen. Weil ein solches »Philosophie-Festival in Berlin bisher gefehlt hat«, wie dessen neue Geschäftsführerin verlautete, fand dort am 29. Juni zum ersten Mal das Philo.live! statt.

Zum »hochkarätig besetzten Denkfest« über die Frage »Was heißt hier Freiheit?« konnte das Publikum einen ganzen Tag lang Podiumsdiskussionen beiwohnen, etwa Eva von Redecker zu einer neuen Freiheitskonzeption angesichts der Klimakrise lauschen oder Oliver Nachtwey mit Thea Dorn zu Meinungsfreiheit reden hören. Wie die Redaktion des veranstaltenden »Philosophie Magazins« resümierte: »Die lebendigen, kontroversen Debatten (…) über kollektive vs. individuelle Freiheit, über Migration, Klimawandel, Meinungsfreiheit, Arbeit und sexuelle Selbstbestimmung zeigten, wie umstritten der Freiheitsbegriff heute ist.« Anders gesagt, es geht hier natürlich nicht um eine Klärung in der Sache, sondern um den Austausch interessanter und spannender Gedanken – ganz nach dem Vorbild des freien Marktes und seines Äquivalententausches, dessen Bedingung ja erst die Beliebigkeit der Waren ist.

Trotz alles erhofften Mehrwerts von öffentlicher Meinungsbildung, Tiefgang und Diskursqualität ist es leider so, dass die Reduktion des Nachdenkens über die Welt auf ein bloßes Spektakel mehr Schaden am Denken anrichtet, als das Gedachte darin selbst wiedergutmachen könnte. Nun kann man einwenden: Ein solch allgemeiner und formaler Vorwurf ließe sich ja nicht nur dem von einem Special-Interest-Magazin veranstalteten und von einer Drogeriemarktkette geförderten Festival anhängen. Ist dieser Logik nach nicht jeder »interessante« Feuilletonbeitrag und jede »spannende« Podiumsdiskussion, jedes Event und Kulturindustrieprodukt, gar jede wissenschaftliche Tagung und sogar unser Alltagsverstand von der Warenförmigkeit des Denkens bestimmt? Ja! Und genau diese gesellschaftliche Zurichtung des Denkens nachzuvollziehen, wäre die Aufgabe der Philosophie.

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