Hopp, hopp, hopp auf der Selbstquälmaschine

Fitnessstudios sind trostlose Exerzierplätze des Kapitalismus. Nichts an ihnen sieht nach Freude und Genuss aus

Hier wird sich noch nicht mal Mühe gegeben, diesen Ort in der Vorhölle irgendwie mit Chichi zu verschleiern.
Hier wird sich noch nicht mal Mühe gegeben, diesen Ort in der Vorhölle irgendwie mit Chichi zu verschleiern.

Sie rackern sich ab, schuften und schwitzen. Sie machen sich an klobigen Gerätschaften zu schaffen. Sie schinden sich, verbiegen sich und zerdehnen auf ungesund aussehende Art ihre Körper. Und sie werden dafür nicht etwa entlohnt oder in anderer Weise entschädigt, sondern – im Gegenteil – sie bezahlen groteskerweise allmonatlich eine Geldsumme dafür, sich körperlich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben zu dürfen: die Fitnessgestörten.

Das Fitnessstudio, diese vorletzte Pointe des Spätkapitalismus, bildet auf engstem Raum die Welt ab, in der wir heutzutage leben müssen: Wir betreiben fortwährend eine von jedem Sinn befreite Aktivität, und hinterher haben wir weniger Geld auf dem Konto.

Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft das Fitnessstudio, der tückische Zwilling der Fabrik und des Büros, nicht abgeschafft werden sollte. Hier, auf diesem trostlosen, neonbeleuchteten, mit einem Dach und vier Wänden ausgestatteten Exerzierplatz der Moderne, gibt es nichts, was der Entspannung dient, keinen halben Quadratmeter, der einem normalen Menschen Muße und Erholung erlaubt. Eine Frechheit allein schon, dass diese als Freizeitstätten getarnten, geisttötenden Tretmühlen sich wie zum Hohn als »Studios« bezeichnen, ein Begriff, der einst Ateliers und anderen Arbeitsorten von Künstlern vorbehalten war.

Die gute Kolumne

Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute

Zur Dekoration, wie um zu verschleiern, dass es sich hier um eine Art Vorhölle handelt, in der moderne Sklaven aus freiem Willen stumpfsinnig Frondienst am eigenen Körper verrichten, hat man an einer der Wände zwei Tische und ein paar unbequem wirkende Stühle aufgestellt, doch niemals sitzt hier jemand. Wer sitzt, ist verdächtig. Hier wird ohne Pause gymnastikt, geknechtet, gewerkelt, nicht gesessen. Hier ist man Knecht, nicht Herr. Hier darf der eigene Masochismus straflos ausgelebt werden. Hier erschöpft sich das Dasein nicht im Warten auf den Tod, hier turnt und sportelt man ihn eifrig herbei.

Nicht allein die Umgebung, der grell erleuchtete Raum mit seinen zahllosen, lieblos aneinandergereihten Selbstquälmaschinen, an denen die beschwerliche Plackerei stattfindet, erinnert an eine Fabrikhalle, auch die Atmosphäre insgesamt gleicht typischen Akkordarbeitsorten: Menschen führen monoton die immer gleichen Hand- und Beinbewegungen aus, heben Gewichte, nicht etwa um die Last von A nach B zu tragen, sondern nur um diese hinterher wieder an derselben Stelle auf dem Fußboden abzusetzen. Menschen laufen schnaufend auf sich bewegenden Laufbändern, während sie selbst an Ort und Stelle verbleiben: Der Gedanke an ein Hamsterrad ist bei diesem Anblick nur schwer zu verdrängen.

Das Fitnessstudio, diese vorletzte Pointe des Spätkapitalismus, bildet auf engstem Raum die Welt ab, in der wir heutzutage leben müssen.

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Alles ist leere, dumme, vollkommen vergebliche Bewegung und Betriebsamkeit um ihrer selbst willen: Hopp, hopp, hopp. Eins, zwei, drei, vier, und wieder von vorne, immer wieder. Man weiß, dass Soldaten und Hunde, wenn sie nicht besonders helle sind, an derlei stupidem Tun ein rätselhaftes Vergnügen empfinden. Man findet nicht die Spur von einem Geist, und alles ist Dressur. Insbesondere die sich automatenhaft bewegenden und geistig erloschen wirkenden Männer haben die gleiche Sport-Uniform an: ein Leibchen und ein kurzes Kunstfaserhöschen, das die wollig behaarten Beine zur Schau stellt. Ein unausgesprochenes und niemals zu übertretendes Gesetz scheint darin zu bestehen, dass ausnahmslos alle ununterbrochen einen eckigen, asymmetrisch geformten, mit Wasser befüllten Blech- oder Pastikbehälter mit sich herumzutragen haben.

Und aus Lautsprechern von einer Qualität, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht, wird man, während man ebenso gleichförmigen wie kräftezehrenden Aktivitäten nachgeht, unablässig mit blechern klingendem Bausparvertragspop oder infamstem Technoschlager-Bum-Bum beschallt. Sämtlichen Anwesenden scheint diese akustische Dauerfolter vollkommen gleichgültig zu sein. Offenbar sind sie, womöglich infolge der fortgesetzten Überbeanspruchung ihrer Muskulatur und der Vernachlässigung ihrer verkümmerten Sinneswahrnehmung, derart abgestumpft und geistig-seelisch derangiert, dass sie sich längst an ihren täglichen oder wöchentlichen Aufenthalt in einem dieser mitten in Berlin gelegenen Guantánamos gewöhnt haben. Nur dass die Fitnessgestörten keine orangefarbenen Häftlingsoveralls tragen müssen.

Sicher ist jedenfalls, dass die ganze Fitnesstortur, richtig verstanden und angewandt, auch einen eminenten Vorteil bieten könnte. Kein Geringerer als Bertolt Brecht hat einmal darauf hingewiesen: »Freilich wäre der größte Teil der kulturellen Produktion der letzten Jahrzehnte durch einfaches Turnen und zweckmäßige Bewegung im Freien mit großer Leichtigkeit zu verhindern gewesen.«

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