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Kollapscamp: Keine Weltuntergangsstimmung
Im brandenburgischen Kuhlmühle fand das bundesweit erste Camp statt, das sich dem solidarischen Preppen für den Kollaps widmete
Ein leichter Wind geht durch die Bäume, Äste knarzen, als rund dreißig Menschen nach einer kurzen Atemmeditation langsam in den Wald ziehen. Dort suchen sie sich einen Platz und eine Pflanze, mit der sie sich intensiv beschäftigen. Ziel ist es, die tief verinnerlichte Trennung von Mensch und Natur zu hinterfragen.
Es ist der Praxisteil eines Workshops mit dem Titel »Sterbebegleitung für die Moderne«. Er basiert auf dem englischsprachigen Buch von Vanessa Machado de Oliveira und will kolonial geprägte Verhaltensweisen überwinden, die unsere Lebensgrundlagen zerstörten. Die Veranstaltung soll auch deutlich machen: Während Menschen in Europa gerade erst beginnen, über die Folgen der eskalierenden Klimakrise für ihr Leben nachzudenken, ist der Zusammenbruch für andere längst Realität – durch Kolonialverbrechen oder weil die Erderhitzung in vielen Regionen bereits verheerende Schäden anrichtet.
Solche emotionalen und körperlichen Übungen gehören zum Kern des »Kollapscamps«. Ausgerechnet an einem Ort, der idyllischer kaum sein könnte, umgeben von Wäldern und Seen, kamen am Wochenende im brandenburgischen Kuhlmühle am Wochenende nach Angaben der Veranstaltenden 600 Menschen zusammen, um sich mit dem ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenbruch auseinanderzusetzen.
Es ist das erste große Treffen einer wachsenden Menge an Menschen, die überzeugt sind: Der Kampf gegen die Klimakrise kann nicht weitergehen wie bisher. Nötig seien solidarische Hilfsstrukturen für Katastrophen, Strategien gegen Bedrohungen durch Klima und Rechtsruck – und Räume, um gemeinsam Gefühle wie Trauer und Angst zu verarbeiten. »Wir werden gemeinsam lernen, auch in einer immer schwierigeren Zukunft widerständig und solidarisch handlungsfähig zu sein«, heißt es dazu auf der dazugehörigen Website.
Es gehe nicht mehr darum, an Regierungen zu appellieren, sondern Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ein Workshop zeigte, wie man Zähne versiegelt, ein anderer, wie man lebensbedrohliche Blutungen stoppt. Für die Eröffnungsparty erzeugten Aktivist*innen den Strom mit Solarpanels.
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Wer sind die Menschen, die hier Notfallmedizin lernen und zugleich üben, CSDs gegen rechte Angriffe zu schützen? Viele Besucher*innen kamen aus Neugier. Manche betonen die Bedeutung einer emotionalen Auseinandersetzung mit einer sich verändernden Welt. Anderen sehen in »solidarischem Preppen« einen Ausweg aus der gesellschaftlichen Vereinzelung: es gehe nicht Vorräte zu horten, sondern Resilienz durch soziale Netzwerke zu schaffen.
Im Katastrophenfall wird der Kontakt über technische Geräte zur Herausforderung, daher finden sich auch viele Technikbegeisterte unter den Teilnehmenden, die sich mit dem Aufbau alternativer Kommunikationsstrukturen auseinandersetzen. Der Gedanke, nicht auf staatliches Handeln zu warten, sondern schon jetzt eigene Strukturen aufzubauen, zieht auch Ökoanarchist*innen aus der Waldbesetzungsszene an. Aus der Klimagerechtigkeitsbewegungen stammen viele weitere Teilnehmende, vor Ort sind Aktivist*innen von Ende Gelände sowie einige, die früher bei der Letzten Generation aktiv waren.
Wenn man über das Kollapscamp spricht, kommt man an dem Namen Tadzio Müller nicht vorbei. Der selbsternannte »Bewegungsintellektuelle« beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Thema Kollaps und hat das Camp mitinitiiert. Sein Buch »Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps« von 2024 und sein Newsletter trugen entscheidend dazu bei, dass die Tickets schnell vergriffen waren – in einer Zeit, in der die Klimabewegung kleiner wird.
Auf der Eröffnungszeremonie trat Müller zwar symbolisch von seiner Führungsrolle zurück. Doch sein Einfluss bleibt groß. Ein Teil von Müllers Erfolgsrezept ist seine drastische Kommunikation. Wer ihn hört, gewinnt leicht den Eindruck, jeder Versuch, die Erderwärmung zu bremsen, sei vergeblich – einzig die Vorbereitung auf den Kollaps zähle. Die Klimabewegung erklärt er undifferenziert als gescheitert; als eine Ortsgruppe von »Ende Gelände« – das Bündnis hat er ebenfalls mit aufgebaut – ihre Auflösung bekanntgab, feierte er das als »starke Entscheidung«.
»Natürlich geht es auch darum, weitere Verschlimmerungen der Klimakrise zu verhindern.«
Cindy Peter Pressesprecherin des Kollapscamps
Seine Mitstreiterin Cindy Peter versucht während des Camps zu beschwichtigen, »Tadzio provoziert bewusst«, sagt Peter im Gespräch mit »nd«. »Aber natürlich geht es auch darum, weitere Verschlimmerungen der Klimakrise zu verhindern.« Es brauche beides: solidarischen Katastrophenschutz und konsequenten Klimaschutz. Vielleicht um Einigkeit zu zeigen, trägt sie an diesem Tag ein Ende-Gelände-T-Shirt.
Müllers harte Rhetorik sorgt dennoch für Frust, gerade bei einigen Aktivist*innen von Ende Gelände. Peters versuchte im Vorfeld, die Wogen zu glätten. Doch auch während des Camps kam es zu hitzigen Diskussionen.
Aktivist Manuel steht einer möglichen Kollapsbewegung noch skeptisch gegenüber: »Es ist noch nicht zu spät für wirksamen Klimaschutz«, sagt er. »Vor allem, weil wir damit noch so viel Leid und Zerstörung verhindern können«. Man könne nicht alles gleichzeitig machen, meint er. »Und das, was wir global bewirken können – im Klimaschutz und auch in der Katastrophenvorbereitung – ist viel wichtiger als lokales Prepping.«
Ihm fehlt außerdem eine Diskussion über den Begriff »Kollaps«. Auf der Website des Kollapscamps heißt es dazu zwar: Kollaps bedeute kein Massensterben, sondern dass der Alltag immer schwieriger, bis unmöglich wird. Dennoch waren viele weitere Teilnehmende, mit denen das »nd« sprach, skeptisch gegenüber dem Begriff, er klinge zu sehr nach Weltuntergang oder einem konkreten Moment des Zusammenbruchs. Manche sehen darin eine weitere zugespitzte Formulierung Müllers, doch es gibt mit der Kollapsologie ein ganzes Forschungsfeld, das den Begriff aufgreift und sich mit möglichen gesellschaftlichen Umbrüchen befasst. Einige Klimaforschende betonen allerdings, dass es nicht seriös möglich sei, einen Zusammenbuch der Zivilisation zu prognostizieren.
Pressesprecherin Peter jedenfalls hält den Begriff für gut gewählt, denn »Kollaps bedeutet für jeden etwas anderes«. Das habe mit dazu beigetragen, dass auch weit über die typische »Klima-Bubble« hinaus Menschen das Kollapscamp besucht hätten. Und das sei in einer schwierigen Zeit für soziale Bewegungen besonders wichtig.
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