Augstein muss Aust folgen

Kaum war – vor fünf Jahren – Rudolf Augstein tot, da ergriff Stefan Aust mit einem Trick die Alleinherrschaft im deutschen Nachrichtenmagazin. »Betr.: Rudolf Augstein«, schrieb er in der Hausmitteilung des »Spiegel«: »Nach ihm kann und wird es keinen Herausgeber geben, der diesen Titel verdient. Die Schuhe sind zu groß.« Dazu das Foto einer Redaktionskonferenz: Irgendwo am Rande, klein, Rudolf Augstein, überlebensgroß, in der Mitte: Stefan Aust. Ihn hatte Augstein gegen den Widerstand der Redaktion zum Chefredakteur gemacht. Vor seinem Tod bereute er es noch, hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn zu entfernen.

Der »Spiegel«, der in Augsteins bester Zeit im Zweifelsfall links sein sollte, gedieh unter Aust zum deutschen Zentralorgan der neoliberalen Weltordnung. Redaktionelle Beiträge hatten sich nur zu oft in die Anzeigenlandschaft einzupassen. Redakteure gingen, weil ihre kritischen Texte zu Wirtschaftsfragen von Aust in ihr Gegenteil verwandelt wurden. Von solchen Künsten verstand der Mann viel, der wie Don Quichotte gegen die Windmühlenenergie anritt. Der talentierte Pferdezüchter – gerade erst hat er einen Gaul für 400 000 € verkauft – vergaß, dass selbst »Spiegel«-Redakteure kein Rennpferde sind, die auf Schenkeldruck gehorchen.

Vor genau drei Jahren sollte sein Chefredakteurs-Vertrag um fünf Jahre verlängert werden. Das schien schon beschlossen. Doch da kam heraus, dass der ehemalige Redakteur der St.Pauli Nachrichten für Pornoaktivitäten von Spiegel-online verantwortlich war. Auf Hamburgs Schulhöfen galt als Geheimtipp, was die Öffentlichkeit nicht wusste: Wer bei »Spiegel-Online« auf »Wa(h)re Liebe« klickte, gelangte umstandslos zu einem breiten Angebot. Alles, was ein Porno-Herz begehrt, bescherte Stefan Austs »Spiegel«-Gruppe. Man konnte die »absolut süßesten und versautesten Mädels« anklicken, um sie in voller Aktion zu erleben. Auch dem religiös Veranlagten half die »Spiegel«-Gruppe weiter: »Jesus loves Porn«, verkündete in bewegten Bildern ein Christus mit Dornenkrone bei der Ausübung dessen, was seine Anhänger für Unzucht halten

Es nutzte nur wenig, dass Aust dieses Angebot schnell sperren ließ. Sein Vertrag wurde nicht wie vorgesehen für fünf Jahre ausgestellt, er bekam erst einmal eine Bewährungsfrist von drei Jahren. Die sind 2008 abgelaufen. Der Vertrag wird nicht verlängert.

Vor zwei Jahren kritisierte Augsteins Tochter Franziska, der »Spiegel« habe unter der Ägide des Chefredakteurs Aust seinen Platz als Leitmedium verloren. Sie analysierte: »Der Akzent auf Wirtschaftsthemen, die Vernachlässigung politischer Entwicklungen und Probleme zugunsten der Personalisierung, die Verlagerung auf die so genannten weichen Themen: All dies kennzeichnet heutzutage den ›Spiegel‹ und hat das Magazin zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen gemacht.« Und sie fügte hinzu: »Der Fisch stinkt vom Kopf.« Jetzt hat die Mitarbeitergesellschaft diesen Kopf abgeschlagen.

Retten kann den »Spiegel« nicht – er ist schon als Nachfolger im Gespräch – ein Mann wie Giovanni di Lorenzo, der die Wochenzeitung »Die Zeit« zur Bunten Illustrierten für die gebildeten Stände verkommen lässt. Nein, nicht so ein Nachfolger. »Wenn das Blatt, das bisher Standards setzte, diese Standards freiwillig aufgibt, haben andere Zeitungen und Magazine keinen Grund, sich mehr um Ernsthaftigkeit, Ausführlichkeit und Problemdurchdringung zu bemühen.« Franziska Augstein, die so den »Spiegel« – und damit auch die deutsche Presselandschaft – kritisierte, und die sich bei der FAZ und bei der Süddeutschen Zeitung als hervorragende Publizistin bewährt hat, sie muss an die Spitze des deutschen Nachrichtenmagazins treten. Sie, die alle guten Seiten ihres Vaters verkörpert, könnte dessen Werk retten.

Unser Autor (72) war Medienkolumnist beim »Spiegel«. Er ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums.

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