Generation Antifa in der Offensive

Das Bündnis Widersetzen sorgt für einen leeren Gründungsparteitag der AfD-Jugend

  • John Malamatinas, Gießen
  • Lesedauer: 5 Min.
Demonstrierende haben in Gießen fast alle Zufahrtsstraßen zur Kongresshalle blockiert, in der sich die »Generation Deutschland« gründete.
Demonstrierende haben in Gießen fast alle Zufahrtsstraßen zur Kongresshalle blockiert, in der sich die »Generation Deutschland« gründete.

Kurz vor 22 Uhr am Freitagabend auf einem Berliner Bahnhofsparkplatz: Motoren brummen, letzte Thermoskannen werden in Rucksäcke geschoben, Fahnen noch schnell mit Tape geflickt. Dann steigen die Aktivist*innen in ihre Busse. Ziel: Gießen. Auftrag: Den Gründungsparteitag der AfD-Jugend »Generation Deutschland« blockieren.

Der Berliner Konvoi ist Teil eines bundesweiten Blockadekonzepts des Bündnisses Widersetzen, das alle Zufahrten zu den Hessenhallen dichtmachen will. Zum Bündnis gehören Schüler*innenverbände, Gewerkschaften, migrantische Organisationen, Omas gegen Rechts, Kirchen und linke Gruppen.

Während der letzten Pause vor Gießen tauchen zwei Streifenwagen auf und verhandeln mit der Buskoordination. Rund 30 Kilometer vor dem Ziel entfernen sich die Streifenwagen plötzlich – im Bus herrschen Erleichterung und Jubel.

Einsatz für die Demokratie

Kurz vor 6 Uhr morgens am Sonnabend steigen die Aktivist*innen im Dunkeln aus. Mit Stirnlampen, Knicklichtern und Fahnen mit Leuchteffekten formiert sich die Gruppe hinter dem Fronttransparent und macht sich auf den Weg zur Zielkreuzung, wo bereits ein großes Polizeiaufgebot wartet. Als der Zug einen weniger gesicherten Seitenstreifen nutzt, greifen weitere Einsatzkräfte ein und setzen Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Beim Eintreffen des Nord-Konvois kommt es erneut zu massiver Polizeigewalt gegen das Fronttransparent. Minutenlange Auseinandersetzungen folgen.

»Meine erste Amtshandlung heute als parlamentarischer Beobachter: Sanitäter suchen«, sagt Luke Hoß, Bundestagsabgeordneter der Linken, dem »nd«. »Denn nach dem Ausstieg gab es quasi direkt die erste Ladung Pfefferspray. Sich beschwerenden Demonstrant*innen rief ein Polizist noch zu: ›Kommt doch, ich mach sie gerne leer.‹« Laut Hoß kein netter Empfang für Menschen, die sich, »um für unsere Demokratie einzustehen«, mitten in der Nacht auf den weiten Weg gemacht haben.

Noa Sander von Widersetzen berichtet von »vielen mutigen Menschen, die entschlossen waren, gemeinsame Solidarität und Widerstand gegen Faschismus auf die Straße zu tragen.« Gleichzeitig habe Sander »eine Polizei erlebt, die extrem gewaltvoll auf Demonstrant*innen eingeschlagen hat, die nicht nur den Faschist*innen in Gießen den roten Teppich ausgerollt hat, sondern ihnen auch wortwörtlich die Straße freigeprügelt hat.«

Blockaden zeigen Wirkung

Um 10.15 Uhr meldet der Aktionsticker von Widersetzen: »Von 1500 bis 1900 erwarteten Gästen bei der Faschoshow in der Gießener Messehalle sind bisher nur etwa 200 aufgetaucht. Das reicht wohl eher nicht für eine ›Generation Deutschland‹.« An 19 Blockadeorten ist die Anfahrt der AfD blockiert. »Wir lassen nicht zu, dass die AfD eine weitere Generation gewaltbereiter Faschist*innen heranzieht.« Alle wesentlichen Zufahrten sind versperrt.

Tausende Menschen versammeln sich gleichzeitig auf der östlichen Seite der Lahn. Zuvor hatte es Streit um erlaubte Versammlungsorte gegeben, da die Stadt wegen der erwarteten Lage Einschränkungen erließ, darunter ein Demonstrationsverbot westlich der Messehalle. Der Verwaltungsgerichtshof bestätigte schließlich das Sicherheitskonzept der Stadt. Eine kleinere Demonstration mit bis zu 1000 Teilnehmern wurde direkt an der Messe genehmigt.

Viele kamen aus der Region, wie Karl, Schreinermeister aus Ulrichstein im Vogelsberg: »Wir kommen vom Land – dort sehnen sich viele Menschen nach einfachen Antworten. Die AfD bietet solche Scheinlösungen an, die nur plausibel klingen. Wir sind hier, um aufzuklären und zu zeigen: Die AfD liefert keine Antworten. In unserem Ort hat sie mehr als 25 Prozent bekommen.«

Andere legten lange Anreisen zurück, wie Käthe und Jona aus Bielefeld. »Um ein Zeichen gegen die gruselige AfD zu setzen«, sagt Jona. Käthe ergänzt: »Die Auftritte, die man im Internet sieht, machen mir Angst. Ich muss jetzt hier sein und zeigen, dass ich das nicht will.« Auf die Frage, ob ihr Protest in Gießen willkommen sei, erklärt Jona: »Also bei den Bürgern glaube ich schon. Das merkt man und sieht man an den vielen Transparenten. Auch an den Häusern hängen tolle Schilder. Es ist schön bunt.« Zugleich sei die Vorberichterstattung erschreckend: »Eigentlich werden Demos nur ungern zugelassen und viele Möglichkeiten werden genommen.«

Spontandemonstration und Polizeieinsatz

Kurz nach diesen Gesprächen startet auf der anderen Lahn-Seite eine Spontandemonstration von etwa 5000 Menschen. Sie umgehen Polizeisperren und werden erst 300 Meter vor den Messehallen von Hundertschaften und Wasserwerfern gestoppt. Viele junge Menschen bleiben entschlossen und sichtbar direkt am Ort des Geschehens. Der Tag endet für einige mit einem Kraftklub-Konzert, für andere mit der Rückfahrt im Bus.

Widersetzen zeigte sich auf einer Pressekonferenz erschrocken über das Ausmaß der Polizeigewalt. »Auch als die Versammlungen sich schon auflösten und der AfD-Kongress bereits begonnen hatte, eskalierte die Polizei die Situation weiter durch brutale Attacken auf Antifaschist*innen«, heißt es in einer Mitteilung. »Außerdem setzte die Polizei bei eisigen Temperaturen Wasserwerfer ein.« Rieka Becker von Widersetzen erklärt: »Wir haben heute wieder gesehen: Auf den Staat können wir uns im Kampf gegen den Faschismus nicht verlassen.«

Luke Hoß zieht dennoch ein positives Fazit: »Über 50 000 Menschen haben sich heute widersetzt. Das war kein entspannter Tag für die Jungfaschisten und damit ein guter Tag für unsere Gesellschaft.« Auch Sander sprach von einem bedeutenden Signal: Am Samstag habe es »die größten antifaschistischen Blockadeaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben – ein großartiger Erfolg«. Die Bilanz bestätigt dies: Nur 839 der erwarteten 1500 AfD-Delegierten erreichten die Messehalle, darunter nicht einmal die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla pünktlich. Nächste Station von Widersetzen ist der Bundesparteitag der AfD in Erfurt im Juli 2026.

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