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Prekärer Aufstand der Prekären

Proteste gegen die massive Ausdehnung unsicherer Beschäftigung in Südkorea: Mehr als jeder Zweite ist betroffen

  • Von Hae-Lin Choi, Seoul
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Frühjahr 2008 gingen noch Millionen von Koreanern mit Kerzenlichtern auf die Straße, um gegen die neue Regierung unter Präsident Lee Myung-Bak und den Import von US-Rindfleisch zu protestieren – doch zum Erntedankfest stehen die Kerzenlichtproteste unter einem anderen Motto: Abschaffung von prekären Beschäftigungsverhältnissen und Solidarität mit denen, die dagegen streiken. Doch gleichsam wie die Arbeitsbedingungen scheinen auch die Arbeitskämpfe vor allen Dingen eines: prekär.
Streikende E-Land-Beschäftigte blockieren den Bürgersteig vor einem Supermarkt (links); »Wir unterstützen den Kampf der Reinigungsfrauen«, steht   oben auf dem Plakat.
Streikende E-Land-Beschäftigte blockieren den Bürgersteig vor einem Supermarkt (links); »Wir unterstützen den Kampf der Reinigungsfrauen«, steht oben auf dem Plakat.

Diesmal versammeln sich nur etwa 500 Menschen zur Kerzenlicht-Mahnwache für prekär Beschäftigte am Hauptbahnhof in Seoul. Auch an vielen Streikposten ist die Situation angespannt und die Stimmung gedämpft. Alarmierende Nachrichten von Kim So-Yeon erreichen die Mahnwache: Die Vorsitzende der Kiryung-Gewerkschaft, die seit über 95 Tagen im Hungerstreik ist, sei erneut ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Seit über 1000 Tagen streikt die Gewerkschaft, um reguläre Festanstellungen für die befristet Beschäftigten beim Elektronikhersteller Kiryung zu erkämpfen. Nachdem ein Gericht in Seoul das Unternehmen zur Gewährung von Vollzeitverträgen verpflichtet hatte, verließ Kiryung über Nacht die Produktionsstätte in Seoul und verkündete seine Verlagerung nach China.

Dies ist längst nicht der einzige Fall, in dem Unternehmen solche Gerichtsurteile missachten und die Situation prekär Beschäftigter schlicht ignorieren. Auch die Gewerkschaft der Leiharbeiter des IT-Dienstleistungsunternehmens Koscom etwa hat gerichtlich feststellen lassen, dass die Leiharbeiter in Wirklichkeit direkt von Koscom beschäftigt werden und das Unternehmen ihnen daher eine Festanstellung garantieren muss. Koscom weigerte sich trotz des Urteils, die Verantwortung zu übernehmen. Seit Juni 2007 campieren die mittlerweile entlassenen Leiharbeiter daher vor der Firmenzentrale.

Von Ablehnung zur obersten Priorität

Die Liste ließe sich um etliche Fälle erweitern: Prekäre Beschäftigung ist in Südkorea weit verbreitet. Im Zuge der Asienkrise 1997 wurden viele reguläre Vollzeitstellen ersetzt durch Leiharbeit, befristete Beschäftigung oder Scheinselbstständigkeit. In vielen Unternehmen setzte sich ein Geflecht von ausgelagerten Subunternehmen durch. Beschäftigungsunsicherheit und Niedriglöhne sind feste Bestandteile dieser Arbeitsverhältnisse.

Seit 1999 arbeitet mehr als jeder zweite Beschäftigte in solchen Arbeitsverhältnissen, vor allem Frauen sind überproportional betroffen. 2006 verabschiedete die Regierung ein »Gesetz zum Schutz von prekär Beschäftigten«, das in Wirklichkeit eine Ausdehnung vorsah. Seither haben vor allem trianguläre Beschäftigungsverhältnisse zugenommen – Arbeitsverhältnisse, in denen der formelle nicht der tatsächliche Arbeitgeber ist, wie im Fall von Leiharbeit oder Subunternehmen.

Die meisten Gewerkschaften standen prekär Beschäftigten eher ablehnend gegenüber und verweigerten ihnen vielfach die Mitgliedschaft. Daher begannen diese, nach und nach separate Gewerkschaften zu gründen und drängten der Gewerkschaftsbewegung auf diese Weise ihre Problematik auf. Schließlich erklärte der Dachverband der demokratischen Gewerkschaften, Korean Confederation of Trade Unions KCTU, 2003 die Organisierung von prekär Beschäftigten zur obersten Priorität.

In einigen wenigen Fällen aber öffneten sich die Gewerkschaften gegenüber den Prekären und solidarisierten sich mit ihren Forderungen. Eine davon ist die E-Land-Gewerkschaft. Die E-Land Group betreibt zahlreiche Supermarktketten in Südkorea und beschäftigt ihre hauptsächlich weiblichen Angestellten zumeist auf befristeter Basis. Als erste in Korea begann die E-Land-Gewerkschaft im Jahr 2000, prekär Beschäftigte aufzunehmen und organisierte im selben Jahr einen Streik für die Festanstellung von 100 befristet arbeitenden Kolleginnen, den die Gewerkschaft sogar gewann. Im Zuge der Gesetzesreform von 2006 entließ die Geschäftsführung rund 1000 befristete Angestellte, um sie durch Subunternehmer zu ersetzen. Die Gewerkschaft, in der mittlerweile Prekäre die Hälfte der Mitglieder stellen, rief erneut zum Streik auf – und befindet sich nach wie vor, seit 450 Tagen, im Ausstand.

Streiks in Korea finden unter besonders schwierigen Umständen statt. Die wenigsten Gewerkschaften können sich einen Streikfonds leisten, und daher stellt jeder Streiktag für die Streikenden und ihre Familien eine immense Belastung dar. Der Kampf der E-Land- »Ajumas« – (Haus-)Frauen im mittleren Alter, erregte nationale Aufmerksamkeit, als es zu Betriebsbesetzungen und gewaltsamen Räumungen kam. Vom Management angeheuerte Schlägertruppen verwüsteten mehrfach die Streikposten, und die Regierung ordnete im Namen der nationalen Sicherheit die Verhaftung der gesamten Gewerkschaftsführung an. Eine große Solidaritätsbewegung in Zusammenarbeit mit zahlreichen gesellschaftlichen Kräften entstand, die solch einen Druck auf E-Land ausübte, dass sich das Unternehmen im Februar 2008 gezwungen sah, die größtenteils betroffene Supermarktkette »Homever« zu verkaufen. Ende September wird die Übergabe abgeschlossen sein. Die stark geschwächte Gewerkschaft muss ihre Strategie nun überdenken.

Aussichten auf Erfolg sind gesunken

Das Interessante an der derzeitigen Streikoffensive der Prekären ist die Tatsache, dass im Mittelpunkt Akteure stehen, die bislang in der koreanischen Gewerkschaftsbewegung kaum eine Rolle spielten. Die Träger dieser neuen Bewegung der Prekären bilden ältere Frauen, junge Arbeiter und Angestellte – allesamt Personengruppen, die wenig Gewerkschaftserfahrung besitzen und bisher wenig politisiert waren. Doch auch der traurige Umstand, dass sie außerordentlich kräftezehrend und extrem lang sind, eint diese Arbeitskämpfe. Und trotz der überwältigenden Unterstützung der Zivilgesellschaft: Die Aussichten auf Erfolg sind mit der neuen, konservativen Regierung um ein Vielfaches gesunken. Und so bleibt der Eindruck, dass der Kampf der Prekären gleichsam so prekär ist wie es ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sind.

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