Ertrunkene Geschichten

Youssouf Amine Elalamy: Literarisches Meisterwerk aus Marokko

  • Von Friedemann Kluge
  • Lesedauer: 3 Min.

Nähern wir uns diesem Buch mit einem Märchen, ohne das die darin geschilderten Begebenheiten gar nicht denkbar wären: Es war einmal ein mächtiger, böser König, der eines üblen Tages den Entschluss fasste, rund um sein Reich herum eine Mauer zu errichten, die nur von einer Seite her durchlässig war. Die Menschen auf der anderen Seite hätten diese Mauer zwar auch gern überwunden, bezahlten aber oft genug den bloßen Versuch mit Gefängnis oder sogar mit ihrem Leben. Diese Mauer war tatsächlich eine Schandmauer, und sie wurde errichtet am 19. Juni 1990.

Wie, werden sie sagen, erst 1990? Die wurde doch schon 1961 hochgezogen! Aber nein, diese Mauer meinen wir ja gar nicht, und sie gibt es ja auch nicht mehr, glücklicherweise. Unser kleines Märchen thematisiert jene Mauer, die der Wohlstand um sich herum aufgezogen hat, um niemanden anders mehr daran teilhaben zu lassen – nicht einmal jene Menschen, denen er sich zu einem Großteil verdankt: durch ihre Arbeit auf den Ölfeldern, den Diamantminen, den Kaffee- und Kakaoplantagen, den Fischkuttern des Schwarzen Kontinents. Und an dieser, der Schengen-Mauer, zerschellen immer wieder Menschenleben und Menschenhoffnungen. »Siehst du, wenn du nicht auf der richtigen Seite geboren bist, gibt es immer eine Mauer, die dich daran hindert, vorwärts zu kommen.«

Bei dem marokkanischen Schriftsteller Youssouf Amine Elalamy sind es 12 Männer und eine schwangere Frau, die sich nächtens mit einem Boot aufmachen, um von der Nordküste Afrikas aus jenes Gelobte Land zu erreichen. Sie schaffen es nicht, sie kentern und ertrinken, und ihre Leichen werden an jenen Strand zurückgeworfen, der sie noch kurz zuvor so hoffnungsfroh ins Meer entlassen hatte. Und das ist auch schon die ganze Geschichte.

Aber wie sie erzählt wird, mit welcher Sprachgewalt, auf welch virtuose Weise Elalamy das Stilmittel der Wiederholung handhabt, das ist meisterlich! In der deutschen Literatur gibt es Vergleichbares nur in jenem wohl berühmtesten deutschen Gedicht des 20. Jahrhunderts, Paul Celans »Todesfuge«. Und es ist keineswegs vermessen, Elalamys Roman mit diesem Gedicht zu vergleichen: Auch er erzählt eine »Todesfuge», allerdings prosaisch, in des Wortes doppelter Bedeutung. Jeden der tödlich Gestrandeten zitiert der Autor herbei, jeden lässt er seine Geschichte und die Geschichte seines Todes selbst erzählen, und jeder Tod ist jedesmal genau derselbe und jeder Tod ist jedesmal doch ganz anders. »All diese Geschichten und all diese Wörter, die ertrunken auf dem Grund des Ozeans liegen. Haufenweise Wörter, Tausende von Wörtern, Wörter aller Farben, wie Fische im Wasser«.

Am Ende seines Buches spricht der Autor von einer langen Liste von Toten: »... und die Liste jener ist lang und wird offen bleiben, die eines Tages versuchen werden, ihren Namen darauf einzutragen. Und für lange Zeit noch. Solange es noch ein Hier und ein Anderswo gibt. Und das Meer dazwischen. Solange es ein Dortdrüben gibt. Auf der anderen Seite des Meeres.« Elalamys Buch wurde in seiner Heimat mit dem Prix Grand Atlas Maroc ausgezeichnet. Es ist auch und gerade bei uns, hier, innerhalb der Schengen-Mauer, in höchstem Maße preiswürdig.

Youssouf Amine Elalamy: Gestrandet. Roman. Aus dem Französischen von Barbara Gantner. Verlag Donata Kinzelbach. 145 S., brosch., 18 EUR.

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