Umweg über Birkenwerder

Mark Cavendish gewinnt überraschend den Klassiker Mailand - San Remo

  • Von Tom Mustroph, San Remo
  • Lesedauer: 3 Min.

Wege können kurios sein. Die erste Zeile im Siegesregister des jungen Briten Mark Cavendish nehmen ausgerechnet zwei Tagessiege bei der Tour de Berlin des Jahres 2006 ein. Für das Team Sparkasse holte der damalige hauptamtliche Bahnfahrer die Etappen im Berliner Vorort Birkenwerder und der Hauptstadt selbst. Drei Jahre später hat er das traditionsreichste Klassikerrennen überhaupt gewonnen. Der 23-Jährige hat die 298 Kilometer von Mailand in den Badeort San Remo in epischer Manier für sich entschieden. 70 m vor dem Ziel sah der junge Deutsch-Australier Heinrich Haussler noch wie der sichere Sieger aus. Der Hoffnungsträger des neuen, um Tour de France-Sieger Carlos Sastre gebauten Cervelo-Teams, hatte sich 150 m vor dem Ziel überraschend aus der Phalanx der Sprinter gelöst. Der Antritt war selbst für seinen Kapitän Thor Hushovd zu heftig, für den Haussler eigentlich anfahren sollte. So kam der Angriff jedoch einen Tick zu früh.

Als Haussler dem Ziel schon sehr nahe gekommen war, hatte sich aus dem Feld plötzlich eine schwarz-gelbe Kanonenkugel namens Cavendish gelöst, war hinter ihm her geschossen, hatte 20 m Abstand im Nu überwunden und Millimeter vor ihm die Ziellinie überquert. »Und dann kam bloody Cavendish«, klagte Haussler frustriert. Der Sieger hingegen strahlte: »Es ist der schönste Moment meiner Rennfahrerkarriere.« Den Sieg stelle er auf eine Stufe mit seinem ersten Weltmeistertitel auf der Bahn und seinem ersten Tagessieg bei der Tour de France, verriet Cavendish.

Der für seinen kauzigen Humor bekannte Rotschopf von der Isle of Man hatte sogar noch einen zweiten Grund zu feiern: »Ich habe mich gefreut, dass ich an der Cipressa Tom Boonen hinter mir gelassen habe.« Mit dem belgischen Ex-Weltmeister trägt der Young-ster eine Privatfehde aus. Boonen hatte sich über die mangelnden Kletterkünste von Cavendish lustig gemacht. Doch Cavendish hatte alle Erwartungen übertroffen. Er war sogar in der gleichen Gruppe wie Rückkehrer Lance Armstrong über den Berg gestiefelt.

Seinen Sieg verdankt Cavendish auch Erik Zabel. Der Oldie ist neuerdings Berater des Team Columbia und hatte Cavendish explizit vorbereitet. »Ich habe ihm gesagt, wo er an sein Limit gehen muss«, sagte Zabel. Die Erfahrung des vierfachen San-Remo-Siegers war Gold wert für den Debütanten: »Ohne Erik hätte ich diesen Sieg nicht errungen«, gab Cavendish zu. Er ist einer der jüngsten Gewinner von Mailand – San Remo. Jünger als er war nur Eddy Merckx. Dem Radsport ist ein neue Führungsfigur erwachsen. Hoffentlich eine, die sich den milieutypischen Abwegen verweigert.

Mailand - San Remo (298 km): 1. Cavendish (Gbr) 6:42:31 std., 2. Haussler (Cottbus) gl. Zeit, 3. Hushovd (Nor) + 0:02 min., 4. Davis (Aus), 5. Petacchi (Ita), 6. Bennati (Ita) alle gl. Zeit, ...18. Knees (Euskirchen) + 3:39, 24. Wegmann (Freiburg) + 8:05.

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