Werbung

Fünftes Leben für Bauhaus-Denkmal

Einstige Gewerkschaftsschule bei Bernau wird nach wechselvoller Geschichte BarnimWissensZentrum

  • Von Wolfgang Richter
  • Lesedauer: 3 Min.
Möglich, dass Brandenburg bald um eine Teilstätte des Weltkulturerbes reicher wird. Sie liegt, versteckt im Wald, am Rande Berlins zwischen Bernau und Wandlitz. Kurz hinter der allgemein bekannteren Gaststätte »Waldkater« zweigt die Zufahrt zum Baudenkmal Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) rechts ab.
Des Gebäude-Ensemble gilt als der bedeutendste Bauhaus-Komplex außerhalb von Dessau und zählt zu den wichtigsten Baudenkmalen der Moderne in Europa. Grund genug für die Absicht des Vereins »baudenkmal bundesschule bernau«, sich an den Welterbe-Status (seit 1996) der Bauhäuser Weimar und Dessau anzukoppeln. Doch die verschiedenen Zeitabschnitte haben tiefe Spuren und Narben ihrer Nutzung hinterlassen. Aber jetzt gibt es ein Konzept, das Bauhaus-Ensemble nach fast drei Jahren Agonie zu retten. Denn seit kurzem ist die Handwerkskammer Berlin Eigentümer und übernimmt Rekonstruktion und Sanierung. Am 4. Mai 1930 war die Bundesschule des ADGB als erste und einzige in Deutschland eröffnet worden. Die Ausschreibung für das Projekt hatten die Schweizer Architekten Hannes Meyer - er war als Nachfolger von Walter Gropius von 1928 bis 1930 Leiter des Bauhauses - und Hans Wittwer gewonnen. Anlässlich des 50. Todestages von Hans Wittwer am heutigen Freitag veranstaltet der »baudenkmal«-Verein an seiner Wirkungsstätte eine Feierstunde. Die Funktion des Bauwerkes sahen die beiden Architekten sozial bestimmt; konzentriertes Lernen, kollegiale Gemeinschaft, sinnvolle Freizeit, naturnahe Erholung sollten eine Einheit bilden. Das Modell im Vereinsraum lässt den geschlossenen Charakter des Ensembles deutlich werden, obwohl es in seiner funktionalen Gliederung architektonisch streng untergliedert ist. Entsprechend dem Bauhausstil bestimmten gelbe Ziegel, Stahl, Beton und Glas, vor allem Glas, das Licht und Luft in alle Räume ließ, die fast puritanische Funktionalität des Ensembles, das sich harmonisch in die Natur fügte. Drei Jahre nach der Eröffnung bereiteten die Nazis der Gewerkschaftsarbeit in der zentralen Bildungseinrichtung ein jähes Ende. Das Objekt wurde Reichsführerschule der NSDAP und so wichtig, dass Hitler sie persönlich einweihte. Später bildete die SS hier Führungskräfte aus. Nachweislich und vom Verein »baudenkmal bundesschule bernau« dokumentiert ist, dass im August 1939 auf dem Gelände der Schule unter strengster Geheimhaltung SS-Angehörige für das »Unternehmen Tannenberg« vorbereitet wurden, die in polnischen Uniformen den deutschen Reichssender Gleiwitz und die Zollstation Hochlinden überfielen, um einen Vorwand für den Überfall auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkrieges zu schaffen. Nach dem Krieg nutzte zunächst die Rote Armee das Objekt als Lazarett, bis es 1946 dem FDGB zugesprochen wurde. Auf den Tag genau 17 Jahre nach der Eröffnung wurde das Bauhaus-Ensemble am 4. Mai 1947 ein weiteres Mal als Schule der Gewerkschaft übergeben. 1952 erhielt die Bundesschule den Status als »Hochschule der Deutschen Gewerkschaften« und trug den Namen des kommunistischen Gewerkschafters Fritz Heckert. 15000 Gewerkschafter studierten bis zur Schließung der Schule nach Auflösung des FDGB 1990 in der Einrichtung, dazu kamen etwa 4400 ausländische Gewerkschafter aus 93 Staaten. Der zunehmende Bildungsbedarf hatte die Kapazität der Bauhausschule schon bald als zu gering erscheinen lassen. Der Berliner Architekt Georg Waterstradt orientierte sich am vorhandenen Bauhausensemble und setzte seinen Neubau parallel dazu in die Waldlichtung. Er vermochte aber gravierende Veränderungen auch am Baukörper der Bundesschule, bei der »das modernste angewandt und verwirklicht wurde, was die neue Baukunst überhaupt kennt«, wie es bei der Einweihung hieß, nicht zu verhindern. Bis 1998 wurde das Bauhaus-Objekt als Fachschule für öffentliche Verwaltung des Landes Brandenburg genutzt. Danach war das Herzstück dem Verfall preisgegeben. Bis es jüngst die Handwerkskammer Berlin erwarb. Als erstes sollen die Internate wieder in den Originalzustand versetzt werden, und nach dem Rückbau des Eingangstraktes, dem einstigen Sozialbereich, und des Schulkomplexes auf die ursprüngliche Form, richtet die Handwerkskammer hier ihr Aus- und Weiterbildungszentrum ein. Mit neuem Gymnasium und Oberstufenzentrum in den Nachbargebäuden entsteht somit das BarnimWissensZentrum. Damit erhält die Bundesschule ihr fünftes Leben und kommt wieder dem Anspruch ihrer Eröffnung nahe: »Die Schulanlage ist ein einzigartiges Zeugnis verwirklichter sozial-pädagogischer Intentionen des Bauhauses.« Ausstellung und Führung: Verein »baudenkmal bundesschule bernau«, Fritz-Heckert-Str. 43, 16321 Bernau, Tel./Fax: (03338)767875.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung