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An Tucholsky geschult

  • Von Detlef D. Pries
  • Lesedauer: 2 Min.
Dr. Jochen Reinert (17.1.1941 bis 18.11.2009) war über 38 Jahre Mitglied der ND-Redaktion.
Dr. Jochen Reinert (17.1.1941 bis 18.11.2009) war über 38 Jahre Mitglied der ND-Redaktion.

Der Redakteur ist ein fest angestellter Literat – das Wort Literat in seinem weitesten Umfang genommen.« Kurt Tucholsky war es, der das schrieb. Der Tucholsky-Kenner Jochen Reinert führte ND-Leser in seinen Reportagen nicht nur häufig auf die Spuren »Tuchos«. Er verstand dessen Wort vom Literaten-Redakteur im besten Sinn als Forderung, als hohen Anspruch an sich selbst.

Der gebürtige Meininger war 1966 nach dem Journalistikstudium in Leipzig in die Redaktion des »Neuen Deutschland« eingetreten, zunächst als Kulturredakteur. Anfang der 70er wechselte er ins Auslandsressort und wurde Skandinavien-Korrespondent mit Sitz in Stockholm. Wenn dies ein Privileg war, so hat Jochen nach Kräften versucht, seine Leser daran teilhaben zu lassen. In Hochachtung vor den »großen Alten« der Redaktion, die im antifaschistischen Kampf gestanden hatten, gehörte er zu jener zweiten Generation von ND-Redakteuren, die in der DDR groß geworden waren und am Versuch des Aufbaus einer gerechteren Gesellschaft nach Kräften mitwirken wollten – nicht durch platte Agitation, sondern durch kenntnisreiche, aufklärende, sprachlich geschliffene Beiträge.

Seinem ersten Auslandsaufenthalt folgte in den 80er Jahren ein zweiter als Korrespondent in Indien. Beiden Regionen – Nordeuropa wie Südasien – blieb er später eng verbunden. 1990 gehörte er zu den Gründern der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft, deren Vorsitz er 2007 übernahm. Er rief das Nord-Süd-Forum ins Leben, die wöchentliche ND-Seite, die sich der Entwicklungspolitik widmet, und war einer der Initiatoren der jährlichen Solidaritätsaktion unserer Zeitung.

Als Jochen 2004 nach mehr als 38-jähriger ND-Zugehörigkeit seinen Redaktionsschreibtisch verließ, bedeutete dies nicht das Ende seines journalistischen Schaffens. Es gab fortan wohl keine Reise, von der er nicht mit einer Reportage für uns zurückkehrte – bis ihn die tückische Krankheit heimsuchte, der er am Mittwoch erlag. Als kluger, beharrlicher, verlässlicher Freund und Kollege, der in hektischen Zeiten oft einen ruhenden Pol bildete, wird uns Dr. Jochen Reinert in Erinnerung bleiben. Wir trauern mit seiner Familie.

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