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»Wir wissen nicht, was morgen kommt«

Viele Opel-Beschäftigte sind nach dem turbulenten Jahr 2009 reichlich ernüchtert

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Zum Jahresende herrscht bei den Opelanern am Stammsitz Rüsselsheim eine Mischung aus Bangen und Hoffen, Ungewissheit und Fatalismus.

Nach einem Jahr, in dem sich Spitzenpolitiker von Merkel über Steinmeier bis Koch vor laufenden Kameras im Werk als Retter der Opelaner feiern ließen, ist bei der Belegschaft Ernüchterung eingekehrt. »Von den Parteipolitikern haben wir nichts zu erwarten; die haben noch nie ihre Versprechen gehalten«, sagt ein Fließbandarbeiter. »Die haben uns vor der Wahl nur ausgenutzt«, ist sich der Gewerkschafter, der wie andere anonym bleiben möchte, sicher.

»Es war ein verlorenes Jahr«, blickt ein anderer zurück: »Man hat uns veräppelt, hingehalten, zermürbt und demotiviert.« Er kritisiert die »Ausreden«, mit denen sich die Regierenden partout gegen eine direkte Staatsbeteiligung an Opel und Einflussnahme als Gegenleistung für staatliche Finanzspritzen ausgesprochen hätten. »Wir könnten heute schon viel weiter sein.« Er warnt vor einem Sterben auf Raten. Etliche Opelaner hielten schon jetzt nach vermeintlich krisenfesteren Jobs etwa am nahe gelegenen Rhein-Main-Flughafen Ausschau.

»Yes we can, auch ohne GM«, hatten sich Opel-Arbeiter Anfang 2009 auf Pappschilder gemalt. Inzwischen haben sich die Hoffnungen auf eine Loslösung vom US-Mutterkonzern General Motors (GM) zerschlagen. Anfang November hatte GM den Deal mit dem kanadisch-österreichischen Zulieferer Magna und der russischen Sberbank doch noch platzen lassen. Nach den neuen Sanierungsplänen stehen 9000 Opel-Jobs europaweit auf der Kippe, davon bis zu 6000 an den vier deutschen Standorten. »Keiner weiß, wer betroffen sein wird«, sagt ein Angestellter.

Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz hat kurz vor dem Beginn der Verhandlungen mit GM über die Zukunft von Opel angekündigt, dass man 9000 Stellen weniger keinesfalls akzeptieren werde. Nach anfänglicher Wut über das Platzen des Magna-Deals hatte Franz bereits finanzielle Opfer für die Belegschaft akzeptiert, dafür aber Zugeständnisse verlangt, an denen er weiter festhält: etwa die Umwandlung von Lohnopfern in eine zehnprozentige Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter, mehr Mitbestimmung, die Umwandlung der Opel GmbH in eine Aktiengesellschaft und mehr Autonomie der europäischen Werke. Dies soll mehr Transparenz bringen, zumal viele argwöhnen, dass die vermeldeten Opel-Verluste von Detroit den Europäern »in die Schuhe geschoben« wurden.

Mit der Forderung nach mehr Unabhängigkeit verbinden Wissenschaftler und Techniker im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum die Hoffnung, sich künftig ohne Gängelung und Blockaden besser auf ausgereiftere Lösungen für Komponenten und Modelle konzentrieren zu können. Weniger Zuversicht herrscht unter den Produktionsarbeitern. »Man hat uns über ein Jahr lang in Unsicherheit gehalten und wir wissen nicht, was morgen kommt«, sagt einer von ihnen: »Das liegt alles nicht in unserer Hand.«

Im Opel-Hauptsitz Rüsselsheim standen in den 1970ern noch über 40 000 Beschäftigte in Lohn und Brot. Heute sind es noch gut 15 000, Tendenz fallend. Daran hängen zehntausende Jobs bei Zulieferern und Dienstleistern bis hin zu Bäckern und Metzgern. Nahezu jeder hier kennt Werksangehörige.

So auch der Stadtverordnete Karl Heinz Schneckenberger (DIE LINKE). »Opel zahlt seit Jahren keine Gewerbesteuer mehr«, kritisiert er: »In früheren Jahrzehnten war Rüsselsheim eine reiche Stadt mit vielen sozialen und kulturellen Einrichtungen. Heute sind die Finanzen prekär. Ein Schwimmbad wurde geschlossen, ein Hallenbad steht auf der Kippe.« Doch angesichts der industriellen Monostruktur zeige sich das rot-grün regierte Rathaus als »willfähriger Gehilfe« der Opel-Manager, bemängelt Schneckenberger, so etwa bei Bau- und Planungsfragen im Zusammenhang mit der Umwandlung eines Werksgeländes in ein Einkaufszentrum.

Während sich viele Opelaner über den guten Absatz beim Mittelklassewagen Insignia freuen und das Elektroauto Ampera als neuen Verkaufshit sehen, warnt Ex-VW-Betriebsrat Stephan Krull vom Attac-Rat vor Illusionen, die Strukturkrise der Branche allein in einem Konzern lösen zu können. Ohne den Umbau eines Großteils der Industrie etwa in Richtung ökologische Mobilität gebe es in der Branche für viele Beschäftigte keine Zukunft, warnt Krull gegenüber ND und verweist auf weltweite Überkapazitäten von rund 40 Prozent.

Erste Ansätze sieht Krull im Bau energiesparender Blockheizkraftwerke durch VW und den Stromanbieter Lichtblick. Zur Bekämpfung von Klimakatastrophe und Armut gebe es noch mehr als genug zu tun, so der Gewerkschafter, der einen entsprechenden Attac-Appell an die Opelaner mit initiiert hat. Anstatt Jobs mit Milliardensummen und hohen sozialen Folgekosten für immer zu vernichten, müsse der Umbau der Industrie jetzt mit diesen Geldern angepackt werden. Dies sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die ein Betriebsrat und ein Konzern alleine nicht stemmen könnten, sagt Krull.

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