Die Selbstbefreiung

Überlebenskampf und Widerstand im faschistischen Konzentrationslager auf dem Ettersberg

  • Ulrich Schneider
  • Lesedauer: 6 Min.

In einer nordhessischen Regionalzeitung konnte man vor wenigen Tagen wieder einmal feststellen, wie bescheiden die Kenntnisse über die Geschichte des KZ Buchenwald sind. Dort war in einem gutgemeinten Beitrag zur Befreiung der Konzentrationslager zu lesen: »Am Eingang des Lagers hängt heute eine Uhr, deren Zeiger auf Viertel nach drei festgeschraubt sind. Zu genau dieser Zeit hatten US-Soldaten und Häftlinge der geheimen Widerstandsorganisation am 11. April das Lager erreicht.« (HNA, 7.4. 2010) Das Wort »Selbstbefreiung« wird tunlichst vermieden. Der unbedarfte Leser fragte sich zudem, woher denn jene Häftlinge gekommen seien, die am 11. April das Lager erreicht hätten.

Tatsächlich bedarf es einiger Kenntnisse, um die Ereignisse des 11. April 1945 in Buchenwald, der 21 000 Häftlingen, unter ihnen über 900 Kindern und Jugendlichen das Leben und die Freiheit schenkte, historisch angemessen einordnen zu können.

Die Auflehnung

Dazu gehört das Wissen, dass es im KZ Buchenwald einen organisierten und wirkungsvollen Häftlingswiderstand gegeben hat. Dieser Widerstand entstand natürlich nicht »über Nacht«. Seine Wurzeln lagen in der Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft. Insbesondere die deutschen politischen Häftlinge, unter ihnen zum überwiegenden Teil Kommunisten, verfügten bereits über langjährige illegale Organisationserfahrungen. Sie kamen gemeinsam aus den Lagern Lichtenburg, Sachsenburg oder anderen Haftstätten. Sie kannten die SS und waren in der Lage, durch die Besetzung von Funktionsstellen im Rahmen der Häftlingsverwaltung, in der Schreibstube, als Kapo oder beim Lagerschutz konspirative Netzwerke, Widerstandszentren zu bilden.

Nachgeborene Historiker, die heute glauben, den »roten Kapos« vorhalten zu können, sie hätten mit der SS paktiert, ignorieren (bewusst?) die Tatsache, dass dieser Widerstand unter den Augen von Mördern geleistet werden musste. Die SS war und blieb Herr über Leben und Tod in Buchenwald. Wenn sie es wollte, wurden wie im Oktober 1941 innerhalb von Tagen fast alle »roten Häftlinge« aus ihren Funktionen entlassen und einige von ihnen ermordet.

Widerstand musste sich daher in Form und Inhalt diesen Kampfbedingungen anpassen. Zuerst einmal ging es um Hilfe zum Überleben. Dazu gehörte eine gerechte Lebensmittelverteilung, die Erleichterung der Bedingungen in den Arbeitskommandos und insbesondere die Hilfe für die schwächsten Mithäftlinge, Kinder, Kranke und andere, die unter dem Druck des SS-Terrors und der Zwangsarbeit ihren Mut und ihre Kraft verloren. Ihnen zu zeigen, dass ein Überleben möglich ist, war bereits eine Tat des Widerstands.

Und zu diesem Widerstand zum Überleben gehörte die Nutzung der Möglichkeiten der bürokratischen Lagerverwaltung, die Veränderung von Transportlisten oder der Austausch von Identitäten von Häftlingen, was dem französisch-spanischen Buchenwaldhäftling Jorge Semprun das Leben rettete. Eine solche Maßnahme bedeutete aber, dass ein anderer Häftling nicht mehr gerettet werden konnte. Es wäre vermessen, solche Maßnahmen des Überlebenskampfes mit Maßstäben heutiger Moralität beurteilen zu wollen. Klar ist jedoch, dass die SS solches Handeln massiv bestraft hätte, da sie dies als Widerstand gegen ihre Anordnungen und Ziele verstand.

Eine Besonderheit des Widerstands in Buchenwald war seine Internationalität. Widerstand und Überlebenskampf orientierten sich anfangs an den Erfahrungen der deutschen und österreichischen Antifaschisten. Mit Beginn des Krieges kamen tausende Häftlinge aus allen vom deutschen Faschismus okkupierten Ländern in das Lager. Sie hatten Deutsche als Feinde erlebt. Ihnen zu vermitteln, dass es auch ein »anderes Deutschland« hinter Stacheldraht gab, war eine der wichtigen Aufgaben beim Eintreffen jener Häftlingsgruppen.

Es begann bereits bei der Ankunft, als die ausländischen Häftlinge erfahren und spüren konnten, dass die deutschen Antifaschisten ihnen vertrauensvoll und solidarisch begegneten. Es ging weiter mit der Bewältigung des Alltags, z. B. trotz fehlender Sprachkenntnisse auf die gebrüllten Befehle der SS so zu reagieren, dass man keinen Anlass für eine Bestrafung bot und andere Strategien zum Überleben. Wichtig war diese Hilfe besonders in den jeweiligen Arbeitskommandos, damit nicht durch Unkenntnis oder Unverständnis der SS Vorwände zum Eingreifen geboten wurden.

Das war praktisch gelebter Internationalismus, der in der Erinnerung und der Erfahrung der Häftlinge aus Polen, aus der CSR, aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich und insbesondere der Sowjetunion tief verankert geblieben ist. Die von der SS vorgegebene Hierarchisierung der Häftlingsgruppen, die dem Prinzip von »teile und herrsche« folgte, wurde auf diese Weise tendenziell durchbrochen. Die von der SS angestrebte Spaltung der Häftlingsgesellschaft wurde damit erlebbar überwunden. So war es den ausländischen Häftlingen auch möglich, nationale Widerstandszellen aufzubauen und Mithäftlingen zu helfen.

Die Schaffung eines konspirativen Internationalen Lagerkomitees im Juli 1943 aus zehn nationalen Häftlingsgruppen und im Gefolge davon der Aufbau einer Internationalen Militärorganisation zur Selbstverteidigung ist ein Zeichen für die Wirksamkeit dieses antifaschistischen Internationalismus der Tat – ein zentraler Aspekt des Widerstandskampfes in Buchenwald. Dies bildete die Grundlage dafür, dass ein Schritt wie die Selbstbefreiung am 11. April 1945 überhaupt denkbar wurde.

Eine genauere Betrachtung verdienen auch die Ereignisse vom 11. April 1945 selber. Hierzu liegt nun seit einiger Zeit – veröffentlicht durch die Gedenkstätte Buchenwald – der Lagebericht Nummer 1 vom 11. April 1945 vor, der sehr deutlich beschreibt, wie es der Widerstandsorganisation der Häftlinge möglich wurde, als amerikanische Truppenteile in unmittelbarer Nähe des Lagers auftauchten, das Lager selber militärisch zu übernehmen, die verbliebenen SS-Männer und andere Wachleute zu überwältigen und das Lager gegen herumirrende SS-Einheiten zu sichern, bevor die Häftlinge es am 13. April 1945 dem amerikanischen Kommandanten übergeben konnten. Wörtlich heißt es in diesem Dokument: »Das Lager befindet sich fest in Händen der ehemaligen Häftlinge, die Funktionen der Lagerverwaltung werden von unseren eigenen Organen ausgeführt. Das Lager ist nach aussen gegen die SS, nach innen gegen die Banditenelemente zu sichern. Das Wichtigste ist, dass wir den Alliierten als fr(e)ie Menschen diszipliniert gegenüberstehen.«

Dieser Bericht ergänzt und bestätigt die verschiedenen Erinnerungsberichte, die in den vergangenen Jahrzehnten von ehemaligen Häftlingen veröffentlicht wurden, die jedoch aus ideologischen Gründen seit den 90er Jahren denunziert wurden. Es ist das Verdienst der Überlebenden aus vielen Ländern Europas, dass sie in den vergangenen Jahren mit Beharrlichkeit darauf bestanden haben, dass ihre Leistung im antifaschistischen Kampf nicht der »Abwicklung des Antifaschismus« geopfert wurde.

Das Vermächtnis

Die Erinnerung an die Selbstbefreiung wäre ohne den »Schwur von Buchenwald« vom 19. April 1945 nicht vollständig. Dieses Vermächtnis in seiner prägnanten Zusammenfassung »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel!« bildete das Fundament für politische Programme einer antifaschistischen Nachkriegsordnung und ist Orientierung für antifaschistische Arbeit bis heute.

Der Schwur leitet seine Legitimität als politische Orientierung nicht allein daraus ab, dass der Ettersberg ein »Ort der Trauer« und der Erinnerung an die dort begangenen Verbrechen ist, sondern gerade aus der Tatsache, dass Buchenwald auch ein Ort des Überlebenswillens, der Solidarität, des Humanismus und des kämpferischen Widerstandes der Häftlinge war.

Unser Autor ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten sowie Bundessprecher der VVN-BdA.

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