Revolution des Mitgefühls

Jeremy Rifkin hofft auf die empathische Zivilisation

  • Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

Den vorerst letzten Schritt vor dem Paradies hat der amerikanische Vordenker und Berater u. a. der Europäischen Union Jeremy Rifkin jetzt getan und aus einem neuen Menschenbild Möglichkeiten für die Zukunft der Gesellschaft entwickelt. Das Überraschende an seinem Entwurf ist die Verknüpfung der Erkenntnisse um die Spiegelneuronen mit dem schon vor gut 150 Jahren formulierten zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.

Spiegelneuronen sind Gehirnzellen, die im Beobachter eines anderen Menschen dieselben Empfindungen wie bei dem beobachteten Anderen auslösen. Der Freiburger Neurobiologe Prof. Joachim Bauer hat das Phänomen mit seinem Buch »Warum ich fühle was du fühlst« am besten auf den Punkt gebracht. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass bei jeder Energieumwandlung Wärme entsteht. Der »Verlust« führt zur Entropie.

Rifkin behauptet nun in seiner neuesten Gesellschaftstheorie, dass das Wesen des Menschen nicht egoistisch, sondern empathisch, also vom Einfühlungsvermögen in den Anderen geprägt ist. Der Mensch ist demnach nicht länger »der Wolf des Menschen«, sondern er ist sein Freund – und das von seiner Natur her. Diese solidarische Grundeigenschaft des Menschen sei die Voraussetzung dafür, dass die auf Grund physikalischer Gesetzmäßigkeiten aus dem wachsenden Energiebedarf und dem übermäßigen Verbrauch fossiler Brennstoffe resultierende Entropie überhaupt noch eine Zukunft offen lasse: »Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem der Wettlauf zwischen globalem empathischen Bewusstsein und globalem entropischen Zusammenbruch vor der Entscheidung steht … Sollte der Mensch von Natur aus durch und durch materialistisch, egoistisch, zweckbestimmt und vergnügungssüchtig sein, so besteht wenig Hoffnung, dass sich der Empathie-Entropie- Widerspruch auflösen lässt.«

Rifkin ist hoffnungsvoll. Wenn er allerdings die Weihnacht 1914 als Beweis für die empathische Grundanlage des Menschen anführt, als deutsche und englische Soldaten an der Front gemeinsam Weihnachten feierten, klingt das gewagt. Steht nicht das ganze 20. Jahrhundert gegen diese eine Nacht? Historiker und Anthropologen beurteilen die Welt sicher aus sehr verschiedenen Perspektiven. Zum Glück gibt es andere Beweise für die empathische Anlage des Menschen. Die Frage ist, wie ihr zu mehr Wirksamkeit zu verhelfen ist.

Rifkin untersucht die Wechselwirkungen zwischen Zivilisation und Empathie, die Rolle der Religion, der Wirtschaft, der Kultur und der Ideologien. Er beschreibt z. B. die »Thermodynamik Roms« und führt den Niedergang des antiken Imperiums auf das damals erschöpfte Energiesystem und die hohen Entropiekosten zurück. Schließlich skizziert er das »Zeitalter der Empathie«. Das Einfühlungsvermögen wird global, erstreckt sich auch auf andere Arten (»Rettet die Eisbären!«) und führt in eine Epoche des »dezentralisierten Kapitalismus« mit weltweitem Biospärenbewusstsein, dem Niedergang der Religion. Die »Globalisierung der Familie« durch multikulturell gemischte Ehen erhöht schließlich die weltweite Empathie unter den Menschen.

Rifkins Buch hat außer den »frommen Wünschen« etwas Umstürzlerisches. Man könnte auch von einer »Revolution des Mitgefühls« sprechen, und vielleicht ist das die einzige Option, um vom Fortbestand der Menschheit träumen zu können. Doch wie kann der gestaltenden Kraft der Empathie zum Durchbruch zu verholfen werden? Rifkin wiederholt seine früheren Thesen aus »Access« von der Ablösung der Eigentumsgesellschaft durch eine, die von Zugangs- und Benutzungsrechten geprägt ist, er erneuert seine Solar-Wasserstoff-Vision aus »H2« und ergänzt sein schon weit beachtetes Bild von der neuen Weltgesellschaft um die Erkenntnisse aus der neurobiologischen Welt. Er schreibt so überzeugend, dass man sich zwingen muss, sich an die Produktivkraft des Zweifelns zu erinnern, um nicht dieser hochintellektuellen Romantik der Empathie schutzlos auf den Leim zu gehen.

Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Campus, Frankfurt. 468 S., geb., 26,90 €.

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