Der rote Grimm

Vor 200 Jahren wurde Ferdinand Freiligrath, Dichter der Revolution, geboren

Man liebte ihn gleich. 1834 gab es die erste Bekanntschaft: Gustav Schwab und Chamisso druckten in ihrem »Deutschen Musenalmanach« Gedichte von ihm. 1838 dann der Debütband. Die Resonanz war gewaltig. »Seit dieser zu singen begonnen hat«, erklärte Chamisso begeistert, »sind wir anderen Spatzen«. Plötzlich war ein neuer, unerhörter Ton in der Lyrik. Nichts Fades, nichts Seichtes war in diesen Versen, der modische und glatte Emanuel Geibel ins Abseits gestellt, die Poesie lebte wieder, sie strahlte, sie lockte mit starken Bildern und kühner Rhetorik in eine bunte, exotische, romantisch ausstaffierte Welt.

Der junge Mann, der die Strophen zu Papier gebracht hatte, lebte derweil als kaufmännischer Angestellter erst in Amsterdam, dann in Soest, Barmen und Darmstadt. Er war, geboren am 17. Juni 1810 in Detmold, der Sohn eines Lehrers, der ihm gerade noch den Besuch des Gymnasiums ermöglichen konnte, ein Studium aber schon nicht mehr. Enttäuscht, aber unverzagt machte Ferdinand Freiligrath das Beste aus seiner Situation. Er vertiefte sich weiter in die Bücher Walter Scotts, er lernte Englisch, Französisch und Italienisch und fing an zu übersetzen und zu dichten. Der Erfolg seines Bandes ermunterte ihn 1839, künftig als freier Schriftsteller zu arbeiten. Da war er, gefeiert von den Lesern, von Heine gerühmt als »Talent ersten Ranges«, bewundert auch von Brentano, Immermann, Varnhagen und Lenau, schon überall ein Begriff. 1842 wird er, gewährt vom preußischen König, sogar eine Pension von jährlich 300 Talern erhalten.

Noch war er weit weg von aller Politik, weit weg auch von den bedrückenden deutschen Zuständen. Seine Lyrik suchte die Ferne, floh vor der erbärmlichen Misere in Wüsten und Savannen zu Mohrenfürsten und arabischen Scheichs, zu den Farbigen, die an den Ketten rüttelten, zu den Freiheitskämpfen von einst. Seine Sympathie gehörte denen, die gegen ihre Unterdrücker opponierten. Aber mitten in sein Gedicht »Aus Spanien« schrieb er die Zeilen: »Der Dichter steht auf einer höhern Warte / Als auf den Zinnen der Partei…«

Freiligrath hat diesen Standpunkt, mitgerissen von der revolutionären Stimmung im Land, bald aufgegeben. Eben noch hatte er auf den Vorwurf, er wandle »wie ein Mann, der träumt« und ziehe sich in Wüsten zurück, mit einer Frage beantwortet: Wächst in der Wüste nicht die Palme?« Doch nun, im Mai 1844, galt das nicht mehr. Inzwischen freilich hatte Friedrich Wilhelm IV., entschlossen, alle Kritik strikt zu unterbinden, die »Rheinische Zeitung« und die »Leipziger Allgemeine Zeitung« verboten und auch Strophen Freiligraths verstümmeln lassen. Jetzt, nach langem Schwanken, bekannte sich der Dichter »offen und entschieden zur Opposition«, er verweigerte die weitere Annahme der königlichen Pension und eröffnete seinen neuen Gedichtband mit einem »Glaubensbekenntnis«: »Fest und unerschüttert trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust der Reaktion sich entgegenstemmen!« In der nächsten Sammlung, zwei Jahre danach, das Gedicht »Von unten auf!«, darin die Zeilen: »Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat, / Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!«

Das »Glaubensbekenntnis« veränderte alles. Das Büchlein, aus dem man in den Weinstuben von Frankfurt am Main bis in die Nacht enthusiastisch rezitierte, wurde verboten, und Freiligrath, dem prompt der Steckbrief folgte, verließ Preußen. In Brüssel traf er auf Marx (»ein interessanter, netter, anspruchslos auftretender Kerl«), im März 1845 zog er weiter in die Schweiz, dann nach England, und er spielte schon mit dem Gedanken, nach Amerika auszuwandern, als 1848 die Revolution ausbrach. Er zögerte keinen Augenblick. Anfang Mai fuhr er nach Düsseldorf. Er wollte der »Trompeter der Revolution« sein, den »roten Grimm« wecken, er forderte, aus der halben eine ganze Revolution zu machen, wurde wegen hochverräterischer Aktivitäten verhaftet und im Prozess freigesprochen.

Drei Jahre blieb er an der Seite seiner Freunde Marx und Engels, er schrieb für die »Neue Rheinische Zeitung«, wurde deren Redaktionsmitglied, schließlich auch Mitglied des Bundes der Kommunisten und emigrierte im Mai 1851 nach England, rechtzeitig genug, um der Verurteilung im Kölner Kommunistenprozess zu entgehen.

Sie haben sich in London wiedergetroffen, Freiligrath und Marx. Noch hielten sie zusammen. Ein Jahr lang brachte der Dichter seine Familie mühsam mit mageren Honoraren über die Runden, dann fand er eine Anstellung als Kaufmann. Sie ließ ihm allenfalls Zeit für ein paar Gelegenheitsgedichte. Seit 1856 saß er im Chefbüro einer Schweizer Bankfiliale in London und half dem stets klammen Marx aus mancher finanziellen Kalamität. Freiligrath sei ein »wirklicher Revolutionär und ein durch und durch ehrlicher Mann«, hatte Marx noch 1852 geschrieben. Doch bei dieser hohen Meinung blieb es nicht. Am Ende des Jahrzehnts war aus dem Revolutionär, der die Umsturzbemühungen von 1848 mit seiner umjubelten Lyrik begleitet und nun, nach der Niederlage, allen Schwung verloren hatte, für Marx ein »Scheißkerl« geworden.

Die Konsequenz eines Marx und Engels hat Freiligrath, leitender Vertreter einer Bank, als Poet abgeschnitten von seinem Publikum, nicht aufgebracht. Beide rechneten ihn, enttäuscht, zur Fraktion der kleinbürgerlichen Demokraten. Sie sagtens allerdings nie laut. Sie verurteilten ihn auch nicht. Dass sie ihn nun für einen »dicken Philister« hielten, steht nur in ihren Briefen.

Der Bruch war bloß noch eine Frage der Zeit. Er kam, nachdem sich Freiligrath in einer Intrige gegen Marx nicht an dessen Seite gestellt und ihm am 28. Februar 1860 auch noch erklärt hatte, die Partei als Käfig zu empfinden, »und es singt sich, selbst für die Partei, besser draus als drin!« Sie schieden als Freunde. »Dein Brief war mir sehr lieb«, antwortete Marx schon am folgenden Tag auf Freiligraths Bekenntnis, »da ich nur mit sehr wenigen Menschen Freundschaft schließe, dann aber auch sie festhalte. Meine Freunde v. 1844 sind es noch jetzt.«

Bis 1865 ging Freiligrath in London täglich seinen Geschäften nach, dann wurde er arbeitslos. Manchmal schrieb er noch Verse. Die haben seinen alten Traum von Freiheit und Gerechtigkeit nicht verraten. Eine Nationalspende, initiiert von englischen und deutschen Freunden, befreite ihn schließlich aus der Not und erlaubte 1868 seine Rückkehr in die Heimat. Einmal noch, bei einer Fahrt nach Bielefeld und Detmold, hat man ihn wie einen Triumphator gefeiert. Kurz darauf, am 18. März 1876, ist Freiligrath, ohne den die politische Dichtung in Deutschland nicht denkbar ist, gestorben.

Eine vernünftige Edition seines Werks sucht man heute vergebens. Mehrbändige Sammlungen gibt es schon lange nicht mehr. Wer Freiligrath lesen will, kann froh sein, wenn er eine der schmalen DDR-Ausgaben im Regal hat. Sonst hilft nur der Gang in eine Bibliothek. »Den deutschen Traditionshütern«, sagt Martin Walser, »ist dieser Dichter der kleinbürgerlichen Revolution heute nichts mehr wert.« Sein Urteil ist über dreißig Jahre alt. Überholt ist es nicht.

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