Schwule und Tiere unerwünscht

In Italien nimmt die Diskriminierung Homosexueller zu

  • Anna Maldini
  • Lesedauer: 3 Min.

In Mailand wurde ein Blutspender abgewiesen, weil er homosexuell ist. In den Zeitungen häufen sich Mietanzeigen, bei denen klar darauf hingewiesen wird, dass »Schwule und Tiere« unerwünscht sind. Und in Rom wurden in den letzten Monaten immer wieder Homosexuelle auf offener Straße verprügelt. In Italien nimmt die Diskriminierung von allen zu, die »anders« sind.

Gabriel ist Blutspender. Er beschreibt, was ihm vor ein paar Tagen in Mailand im öffentlichen Krankenhaus »Daniele Pini« geschehen ist, das seit Kurzem der örtlichen Universitätsklinik angeschlossen ist. »Heute früh bin ich Blut spenden gegangen, wie ich es in den letzten acht Jahren schon mehr als 20 Mal gemacht habe. Die Krankenschwestern sind freundlich wie immer und geben mir den üblichen Fragebogen über Auslandsreisen, möglichen Kontakt mit infiziertem Blut und sexuelle Vorlieben. Wie jedes Mal gebe ich an, dass ich schwul bin und in einer festen Beziehung lebe. Dann kommt die Ärztin und klärt mich auf. Nach der Fusion mit der Universitätsklinik gilt jetzt deren Protokoll für Blutspender. Und darin heißt es unmissverständlich, dass Schwule kein Blut spenden dürfen«.

Offenbar ist man in der Mailänder Klinik davon überzeugt, dass Homosexualität ansteckend ist oder zumindest jeder Homosexuelle HIV-positiv ist. Und auch die europäische Richtlinie, die erklärt, dass nur das eventuelle Risikoverhalten bei der Zulassung zur Blutspenden interessiert, nicht aber, ob ein Menschen hetero- oder homosexuell ist, belehrt sie nicht eines Besseren.

Die demokratische Abgeordnete Paola Concia ist entsetzt und bereitet jetzt eine Anfrage an den Gesundheitsminister vor. Darin unterstreicht sie, dass die Diskriminierung wissenschaftlich vollkommen unbegründet ist, dass aus den letzten Daten hervorgeht, dass der Virus 2008 in 44,4 Prozent der Fälle in einer hetero- und nur bei 23,7 Prozent in einer homosexuellen Beziehung übertragen wurde. »In Italien«, so die lesbische Parlamentarierin, »gehen neun Millionen Männer zu Prostituierten. Sie dürfen Blut spenden. Schwule nicht«.

Wenn es schon in einer medizinischen Struktur solche Vorurteile gibt, ist es ja eigentlich nur »normal«, dass sich in den letzten Jahren die Fälle gehäuft haben, in denen man sich weigert, Zimmer an Homosexuelle zu vermieten. »Keine Raucher, keine Schnarcher, keine Homosexuellen und nur seriöse Menschen, die auch die Miete bezahlen«, heißt es in einer Anzeige im Internet. Das »No gay« findet sich in vielen Anzeigen wieder.

In Italien, wo ein farbiger Fußballer wegen seiner Hautfarbe in vielen Stadien ausgebuht wird, wo »Ausländer« und »Krimineller« fast Synonyme sind und Roma und Sinti auch heute noch dem Volksmund nach »Kinder klauen«, wo Bischöfe öffentlich Schwule als »lasterhaft und krank« bezeichnen, kann die alltägliche Diskriminierung von Homosexuellen kaum verwundern. Im ganzen Land setzt sich immer stärker ein allgemeines Klima der Intoleranz durch, das von vielen Institutionen – wie einer Universitätsklinik – auch noch bekräftigt wird.

Gabriel und seine Freunde haben jetzt beschlossen, jeden Tag massenweise im Krankenhaus »Daniele Pini« in Mailand zu erscheinen, um als erklärte Schwule Blut zu spenden. Die Ärzte und Krankenpfleger erklären, dass sie ihre Vorschriften haben und sich daran halten müssen. Aber mehr als einer sagt hinter vorgehaltener Hand: »Das hier sind alles Taliban und Fundamentalisten. Geht in ein anderes Krankenhaus. Da nehmen sie euer Blut mit Kusshand«.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal