Verzweiflung im Katastrophengebiet

Im Westen Ungarns wird nach einer giftigen Schlammlawine der Notstand ausgerufen

  • Von Gábor Kerényi, Budapest
  • Lesedauer: 2 Min.

Im Gebiet um die westungarische Ortschaft Kolontár wurde nach dem Auslaufen von einer Million Kubikmeter giftigen Rotschlamms – einer Lauge, die als Nebenprodukt der Bauxitaufschließung anfällt – der Notstand ausgerufen. Die Schlammlawinen tötete mindestens vier Menschen, weitere sieben Personen werden vermisst und über hundert verletzt. Mehr als 400 Häuser sind überschwemmt. Auf 40 Quadratkilometern sind außerdem Flora und Fauna bedroht. Der Chemikalienschlamm könnte auch den Fluss Raab und sogar die Donau erreichen. Die Schäden für Mensch und Umwelt sind unabsehbar.

Die Umweltorganisation Global 2000 beschrieb den Rotschlamm als extrem giftig, aber nicht radioaktiv. Die Umweltbelastung sei jedoch erheblich, das enthaltene Blei und die sonstigen Schwermetalle »alles andere als gesund«. Für die betroffenen Dörfer bestehe akute Gefahr, denn der Rotschlamm könne aufgrund der Lauge zu schweren Verätzungen führen, die innerhalb eines Tages tödlich sein können. Das Einatmen der Dämpfe verursache Lungenschäden, Augenirritationen, und die eingeatmeten Stoffe sind krebserregend. Der Eigentümer, des geplatzten Auffangbeckens, die Ungarische Aluminiumerzeugungs- und Handelsaktiengesellschaft, erklärte dagegen, dass laut EU-Abfallnorm der Rotschlamm nicht als »gefährlicher Müll« gilt, weil seine Bestandteile stabil, also durch das Wasser nicht lösbar seien. Ein Fehler seitens des Unternehmens liege nicht vor – und Anzeichen für eine Bereitschaft, an der Beseitigung der Folgen auch nur mitzuwirken, gibt es nicht.

Die Aluminiumerzeugungsgesellschaft hat schon einmal, vor drei Jahren, eine kleinere Umweltkatastrophe produziert. Damals starben hunderte Fische, weil wegen einer Betriebsstörung Lauge aus der Fabrik in mehrere Bäche floss. Die neuen Eigentümer, die den Betrieb im Rahmen der Privatisierungswelle der 1990er Jahre vom Staat erwarben, finden sich auf den ersten Plätzen der jährlich erstellten Liste der reichsten Ungarn. Generaldirektor Zoltán Bakonyi wurde außerdem vor drei Jahren, also im Jahr des Fischsterbens, vom damaligen liberalen Umweltminister Gábor Fodor mit dem Preis »Für unsere Umwelt« ausgezeichnet.

Auf dem Internetportal des zuständigen Ministeriums – das Umweltministerium als solches wurde von der neuen rechtskonservativen Regierung vor wenigen Monaten als überflüssig abgeschafft – findet sich lediglich eine kurze Information vom Montag dieser über die größte Chemikalienkatastrophe des Landes. Dabei wird berichtet, dass der zuständige Staatssekretär und der Innenminister das Katastrophengebiet besucht haben, und das ist auch schon alles.

Die Menschen im Katastrophengebiet sind verzweifelt, und sie werden sich wohl wieder einmal selber helfen müssen, ohne finanzielle Mittel und mit einer hoffnungslos veralteten Infrastruktur.

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