Ein falsches Stück echter Welt

25 Jahre »Lindenstraße«: Deutsche Befindlichkeit im Serienformat

Die Revolution begann bieder: Die Beimers mit Gitarre, Flöten und Gesang, friedlich vereint am Adventskranz, Gelsenkirchener Barock im Rücken, davor Helga, Hans, Benny, Klaus und Marion im hausmusikalischen Kampf gegen den Zerfall unserer gesellschaftlichen Zentralinstanz – so feierte eine Serieninstitution vor genau 25 Jahren ihr Debüt: Die »Lindenstraße«, dienstälteste, meistdiskutierte, noch immer beliebteste, dabei seriöseste, mittlerweile aufwändigste, in einem Wort: beste Serie im Land. Seit 1985 ist das ARD-Gewächs ein Stück Heimatkunde, Essenz der Familienserie schlechthin, eine soziokulturelle Endlosstudie.

So wie Hans W. Geißendörfer, Erbauer und Autor der Serie, noch jeden Keim sozialer Erschütterung in die »Lindenstraße« säte, so war auch das Schicksal der Beimers bereits früh besiegelt. Papa Hans lebt ja längst im neuen Stall voll eigener Kinder. Stammhalter Benny traf der TV-Tod und Onkel Franz den des Schauspielers. Marion, die Älteste, wurde à la »Dallas« gesichtsverändert und der Stadt verwiesen; Nesthaken Klausi war schon Nazi, autonom und spießig, seine Mama depressiv, alkoholkrank, suizidgefährdet, das volle Programm. Eins aber hält bis heute an: die weihnachtliche Hausmusik.

»Leider war 1985 das Fremdschämen noch nicht erfunden«, sagt ARD-Programmchef Volker Herres über die erste Szene dieser Art und meint wohl auch die nächste. »Sonst hätte ich es getan.« Jetzt aber freut er sich über ein televisionäres Kollektivschicksal, das dieses Land von der »geistig-moralischen Wende« bis »Stuttgart 21« in Echtzeit abbildet und damit Sonntag für Sonntag, Monat für Monat, Jahr für Jahr unverdrossen bis zu vier Millionen Menschen vor den Fernseher lockt, nicht wenige davon seit dem 8. Dezember 1985. Sie alle schauen zuhause oder mit Freunden, in Altenheimlobbys und Szenebars. Der Altersschnitt liegt klar unter dem der ARD. Und wer von ihnen Späteinsteiger oder Frühbekehrter ist, kann in einer der zahllosen Publikationen nachblättern wie »1000 Folgen in Wort und Bild«. Und wer sich nicht grad die steigende Zahl an DVD-Boxen zulegen möchte oder wie ein besonders eifriger Fan alle 1304 Episoden auf 30-minütigen VHS-Kassetten speichern will, kann sie sich dank all der schönen Bildbände jederzeit vor Augen führen: all jene Momente, die Fernsehgeschichte (oder doch nur die der »Lindenstraße«) geschrieben haben.

Da ist er also wieder, in Folge 68, der erste schwule Zungenkuss via TV und kurz darauf die Premiere mit Priester plus Marion B. Oder die verhängnisvolle Affäre ihres Vaters mit Anna Ziegler – Urkatastrophe der Beimeridylle in Episode 147. Oder Gung, dieser »Konfuze« zitierende Flüchtling aus Vietnam, der im Herbst 1998 fiktional als Kanzler kandidierte und ganz reale Stimmen erhielt. Oder oder oder. Fernsehaugenblicke, die sich ins Zuschauerhirn gebrannt haben, Landmarken einer Nation im dauerhaften Umbruch, stets donnerstagesaktuell kommentiert von zwei Dutzend Regisseuren: Unfälle, Raub und Mord, Aids, Bulimie und Ärztepfusch, Terrorismus, Rechtsextremismus, Zivilcourage. Dazu Mobbing, Vergewaltigungen, Immobilienspekulation, Organtransplantationen, Kinderschwangerschaften, Atomdebatten, Brandanschläge, Drogenexzesse, Seniorenerotik – reichlich Sex & Crime also, aber auch ganz biedere Liebe, dargestellt allein in 27 Hochzeiten, die meisten unter Nachbarn; in 25 Jahren dürfte die »Lindenstraße« ein Inzestproblem haben und damit eines der wenigen Tabus, das auf 63 000 Drehbuchseiten ungebrochen blieb. Sonst war fast alles dabei.

Zum Beispiel bei Ludwig Haas, einem von sechs Premierendarstellern. Als Dr. Dressler war er Mörder, Dealer, Opfer, Patriarch und einsam, Mann einer Jugendlichen, eines Unfallopfers, einer multiplen Persönlichkeit, geschieden, verwitwet, verlassen, Vater von Schwulen und Junkies, dazu Schriftsteller, Bösewicht, Samariter, Telefonseelsorger, Intrigant – ist das nicht etwas viel für ein Leben? »Nur, wenn man es mit dem echten vergleicht«, meint der Schauspieler. Das wäre ja, in all seiner Normalität, »sterbenslangweilig«. Und vorbei an beschleunigten Sehgewohnheiten. »Da muss man mit der Zeit gehen«.

Das tut die »Lindenstraße«, zweifellos. Nicht immer geschmackssicher, deshalb muss zum Geburtstag mit ein paar Peinlichkeiten gerechnet werden wie stets, wenn sich die Serie selbst thematisiert. Aber wer die Serienlandschaft sonst so betrachtet, gute oder schlechte Zeiten all der Dr. Kleists unter uns in aller Freundschaft, kehrt oft reuig zurück zu 150 Meter Außenkulisse und der Studiowelt dahinter. Ein falsches Stück echter Welt, ausgerechnet im Fernsehen.

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