Pisten-Machos sind Schnee von gestern

Gigi von Arosa gefragt: Was ist dran am Mythos Skilehrer?

Dani Meisser, alias Gigi von Arosa, 1975 auf der Piste...
Dani Meisser, alias Gigi von Arosa, 1975 auf der Piste...

Braungebrannt, durchtrainierter muskulöser Körper, natürlich umwerfend aussehend, und stets gut gelaunt – so sieht er aus, der Skigott, bei dessen Anblick Frauen schwach werden und ihm bedingungslos vom Berg in die Bar und von dort ins Bett folgen. Und – glaubt man den Tourismusexperten von Schweiztourismus – er ist selbstverständlich ein Eidgenosse. Denn: »Wir haben die begehrtesten Skilehrer der Welt« verkünden sie selbstbewusst.

... und 2010 im Büro
... und 2010 im Büro

Im Januar 1975 bekam der helvetische Superman auf Brettern sogar durch die Schweizer Sängerin Ines Torelli einen Namen: Gigi von Arosa. »Das isch de Gigi vo Arosa, kei Frau im Ort wo Eerewort nöd uf ihn staa tät«, trällerte sie und führte mit dem Ohrwurm wochenlang die Schweizer Hitparade an. Den Gigi aus Fleisch und Blut hatte man durch ein Casting in der örtlichen Skischule von Arosa gefunden. Elf Skilehrer gab es in dem 1800 Meter hoch in den Graubündener Bergen gelegenen und absolut schneesicheren Ort. Da sie natürlich alle braungebrannt, durchtrainiert und umwerfend gut aussahen, entschied man sich letztlich für den jüngsten, den 28-jährigen Dani Meisser. Der entsprach nicht nur ganz besonders dem Bild vom Herzensbrecher, er war auch als einziger noch ledig. »Ich hab's genossen, und ehrlich gesagt, ich hab gar nicht erst versucht, das Skilehrer-Klischee zu widerlegen«, gesteht er. Selbst als der Hit längst aus den Charts verschwunden war, blieb Dani Gigi von Arosa, das hat sich bis heute nicht geändert.

35 Jahre später ist mir vergönnt, wofür mich einst Frauen aller Altersgruppen beneidet hätten: Ich bin allein mit Gigi bei ihm zu Hause. Gut sieht er immer noch aus, hat ein strahlendes Lächeln, ist durchtrainiert und bestens gelaunt. Auch wenn das Haar dünner geworden und das Leben ihm feine Spuren ins Gesicht geschrieben hat. Doch nicht Champagner, sondern einen heißen Tee bietet er mir an, und statt seine Vorzüge als hüftschwingenden und pistenwedelnden Verführer zu preisen, erfahre ich etwas über seine Familie und seinen Job. Architekt ist er geworden, lebt nach wie vor in Arosa, und ab und an kann man ihn als immer noch gut aussehenden Skilehrer auf der Piste treffen.

Dennoch: Die alten Zeiten sind vorbei, der Pisten-Macho ist Schnee von gestern, ist Dani Meisser überzeugt, auch wenn die Werbung nach wie vor anderes verheißt. Der Beruf habe sich grundlegend geändert. Früher buchten die Leute einen Skilehrer für Wochen, man war den ganzen Tag zusammen, und natürlich war der Après-Ski genau so wichtig, wie den Leuten beizubringen, sicher auf Brettern zu stehen, erzählt er. Heute wollen die Leute in wenigen Tagen am liebsten perfekt laufen lernen. Zeit ist Geld. Der Lehrer muss nicht nur ein ausgezeichneter Skifahrer sein, sondern wie jeder gute Lehrer neben pädagogischem Geschick auch jede Menge Geduld haben. Statt Frauenversteher sei er eher eine Art »Menschenflüsterer«, muss seinen Schülern, die immer wieder die gleichen Fehler machen, Mut zusprechen, sie aufmuntern und motivieren, damit sie sich auch nach dem zigsten Sturz wieder aufrappeln und weitermachen. Denn es sei schon ein Unterschied, so Dani Meisser, ob man drei Wochen Zeit hat, um Skifahren zu lernen oder nur drei Tage. Für Après-Ski bis in die Nacht seien sie die meisten nach einem Tag auf der Piste viel zu fertig. Genau wie der Skilehrer, wenn er nach zehn Stunden Unterricht mit »blutigen Anfängern« endlich Feierabend hat. Da will er sich eher bei einer flotten Abfahrt auf einer schwarzen Piste entspannen als mit einer flotten Biene in der Kiste.

Was natürlich nicht heißt, versichert der Herzensbrecher a. D. dass auf den Skihängen nicht mehr geflirtet wird, ein bisschen gehöre einfach dazu. Wie auch der Après-Ski nach getaner Arbeit. Dabei aber muss der Skilehrer sehr aufpassen, dass er seine »Kunden« alle gleich aufmerksam behandelt. Schließlich darf sich niemand benachteiligt fühlen. Na ja, in Einzelfällen mag das Klischee vom Skilehrer ja durchaus noch stimmen, weiß Gigi. Das aber sei wirklich die Ausnahme! Die meisten Skilehrer seien heute grundsolide Familienväter, die froh sind, nach getaner Arbeit am Abend die Beine unterm heimischen Tisch ausstrecken zu dürfen. Der nächste Tag wird anstrengend genug.

Und was ist aus Gigi von Arosa geworden, will ich von dem heute 63-Jährigen wissen. »Es war eine schöne und wilde Zeit, die ich nicht missen möchte«, erzählt er. Und selbstverständlich fühle er sich geschmeichelt, wenn er noch immer erkannt und gegrüßt wird. Es gebe einen Gigi-von-Arosa-Fanclub bei Facebook, und den alten Hit könne man auf YouTube hören, der inzwischen Kult ist. Genauso wie der Mythos vom herzensbrechenden Skilehrer.

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