Brennstäbe bei zwei Blöcken unter freiem Himmel

Deutsche Experten befürchten für den Fall der Evakuierung des Personals Totalschaden an allen Reaktoren von Fukushima 1

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.
Der japanische Botschafter in Deutschland bezeichnete vor dem Umweltausschuss des Bundstags am Mittwoch die Situation am AKW Fukushima 1 »als kritisch, aber nicht katastrophal«. Zwei Experten bei einem Pressegespräch der Grünen im Bundestag zeichneten ein weniger optimistisches Bild.

Die Strahlung an vielen Orten des beim Erdbeben von vergangener Woche massiv beschädigten Atomkraftwerks Fukushima 1 hat inzwischen offenbar kritische Werte erreicht. Folgerichtig kämpfen nur noch 50 der zuvor 800 Mitarbeiter das Kraftwerks gegen den Zusammenbruch der Notstromversorgung. Für den AKW-Experten Helmut Hirsch, der als Gutachter bereits wiederholt für die österreichische Bundesregierung gearbeitet hat, ein Indiz, dass die Lage inzwischen ziemlich katastrophal ist. Auch die inzwischen wegen der Strahlung eingestellten Versuche, das Abklingbecken von Block 4 mit Hubschraubern durch das beschädigte Dach der Anlage wieder mit Wasser aufzufüllen, belegen das für Hirsch.

Sollte das Personal gänzlich abgezogen werden, müsse man in den nebeneinanderstehenden Blöcken 1 bis 3 sowohl mit einem Fortschreiten der Kernschmelze als auch mit einem Zusammenbrechen der Kühlung der Abklingbecken rechnen. Auch in den übrigen bislang intakten drei Reaktoren würde ein Ende der Kraftstoffversorgung für die Notstromaggregate laut Hirsch zum Totalschaden führen. Die dort lagernden Brennelemente könnten sich dann auf Temperaturen über 800 Grad Celsius aufheizen. Bei dieser Temperatur käme es dann durch Reaktion von Wasser mit dem Zirkonium der Brennstabhüllen zur Bildung von Wasserstoff und vermutlich auch zu einer Knallgasexplosion, bei der dann ein Teil des radioaktiven Inventars in die Luft geschleudert würde. Da bei Block 1 und 3 frühere Explosionen bereits das Dach weggesprengt haben, befinden sich die dortigen Abklingbecken bereits unter freiem Himmel. Die normalerweise über die Becken laufenden großen Brückenkräne seien auf den Bildern nach den Explosionen nicht mehr zu sehen, so dass zu erwarten sei, dass in den Becken Brennelemente durch herabstürzende Trümmer beschädigt sind.

In den Abklingbecken befinden sich pro Block rund 80 Tonnen radioaktives Material, zehn Tonnen weniger als im Reaktor selbst. Bei den schon länger abgelagerten Brennstäben seien zwar einige kurzlebige Isotope wie Jod-131 bereits zerfallen, doch langlebige wie Cäsium-137, Strontium-90 oder Plutonium-139 seien darin noch vorhanden.

Hirsch ist der Meinung, der Punkt für wirksame Gegenmaßnahmen sei vermutlich schon überschritten, nachdem in drei Blocks die Kernschmelze bereits fortgeschritten ist. Da bei mindestens einem der Reaktoren der Sicherheitsbehälter bereits beschädigt ist, bestehe die Gefahr, dass selbst nach einem Ende der akuten Gefährdung durch das AKW eine Beseitigung des radioaktiven Materials und ein Rückbau wie nach dem Reaktorunfall von Harrisburg in den USA nicht möglich wäre. Es müsste wohl eine Art von Sarkophag, ähnlich wie in Tschernobyl, um die Anlage errichtet werden.

Für deutsche AKW zieht der Experte vor allem eine Lehre aus dem Unglück in Japan: Ältere Kraftwerke seien mit ihren teils zu engen, teils gegen Fremdeinwirkungen (Flugzeugabsturz) ungenügend geschützten Sicherheitsbehältern kaum rentabel nachzurüsten, Materialmängel an den Reaktordruckbehältern und Rohrleitungen älterer Bauart seien ebenfalls kaum zu beheben. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, sagte, dass die Grünen genau deshalb mit einem Antrag ins Parlament gingen, wonach sieben der deutschen AKW dauerhaft abzuschalten seien. Und ihre Fraktionskollegin Sylvia Kotting-Uhl bezweifelte, ob der von der Bundesregierung genannte Zeitraum von drei Monaten für Sicherheitsüberprüfungen tatsächlich bisher Unbekanntes zu Tage bringen könne.

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